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Nach dem Amoklauf Winnenden liegt unter einem Schleier

13.03.2009 ·  Am dritten Tag nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden ist es stillgeworden an dem geplagten Ort. Vor allem die Schüler wollen allein gelassen werden mit ihrer Trauer.

Von Philip Eppelsheim, Winnenden
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Die Nacht hat die meisten der Fernsehübertragungswagen vertrieben, auch die Trauertouristen, die immer dort hinkommen, wo ein Kind gestorben ist, und nach Aufmerksamkeit gieren. Der Regen hat die Flammen der Kerzen und Teelichter gelöscht, die Worte auf vielen der Botschaften vor der Schule verwischt, die Tinte über die Zettel laufen lassen. Graue Wolken haben sich über Winnenden und die Albertville-Realschule gelegt. „Die ganze Stadt ist einen Schleier der Trauer gehüllt“, steht auf einem der Zettel, die auf den Betonvorsprüngen vor der Schule liegen, zwischen Kerzen, Teelichten, Engeln und Kuscheltieren. Ein Schleier hat sich über Winnenden gelegt, seit Tim K. am Mittwoch fünfzehn Menschen erschoss.

„Warum??“ Ein kleiner Junge, elf Jahre alt mag er sein, hat die Frage geschrieben, die Frage, die so viele beschäftigt und auf die keiner eine Antwort zu haben scheint. Jetzt, kurz nachdem die Dunkelheit den Blick auf die Zettel wieder freigegeben hat, kann er von Kameras unbeobachtet vor den Betonvorsprüngen niederknien, die Hände zum Gebet falten und eine stille Botschaft an die richten, für die sie gedacht ist. Dann bringt der Tag wieder die Übertragungswagen und Journalisten, die eine Antwort auf das Warum haben wollen. Die wissen wollen, was Tim K. zu seinem Amoklauf bewegt hat, die auf der Suche sind nach weiteren Details aus der Realschule.

Zettel statt Worte

Ein Lehrer tritt mit seinen Schülern aus dem Lessing-Gymasium, dass nur ein Hof von der Realschule trennt. Leise bittet er darum, nicht gestört zu werden. Die Schüler entzünden Kerzen, die der Regen gelöscht hatte, bringen neue Lichter und neue Botschaften. Schweigend blicken sie auf die Fahrradständer hinter der Polizeiabsperrung, in denen noch immer Fahrräder stehen, die am Mittwochmorgen abgestellt wurden. Ohne Worte stehen die jungen Leute da, wie sie kurz zuvor ohne Worte zu ihrer Schule gekommen sind. Das einzige, was an dem Ort spricht, an dem am Mittwoch der Amoklauf von Tim K. seinen Anfang nahm, sind die Zettel, auf denen die Schüler das schreiben, was sie denken, was sie fühlen. „Wieder und wieder schaue ich deine Bilder an. Wieso nur? Ich will, dass du anrufst und sagst: Hallo, mir geht es gut. Doch es wird nie mehr so sein“; „Du warst ein toller Mensch“.

Immer mehr Schüler, Eltern und Angehörige laufen mit Rosen, Narzissen und Tulpen in den Händen die Straßen entlang, die zur Schule führen, betrachten das immer größer werdende Lichtermeer vor dem Gebäude, reihen sich in das Schweigen ein. Ein Schweigen, das das Surren der Generatoren der Übertragungswagen zu einem Grollen und das Klackern der auf Halbmast befestigten Fahnen, das Läuten der Kirchenglocken, die zur vollen Stunde in der Stadt schlagen, zu einem durchdringenden Pegel anschwellen lässt.

„Es wird immer etwas bleiben“

Mädchen und Jungen liegen sich weinend in den Armen, Eltern umklammern ihre Kinder, als wollten sie sie nie wieder loslassen. Die Menschen versuchen zu begreifen. Der Leere zu entkommen, sagt ein Seelsorger. „Eine Leere, die keinen Raum lässt.“ Die Trauer, sagt er, habe noch nicht begonnen. „Noch sind sie wie schockgefroren, ohne dass sie in irgendeine Richtung gehen können.“ Werden es die Kinder irgendwann überwinden, fragt eine österreichische Journalistin den Seelsorger. „Nein“, sagt er. „Sie werden irgendwann wieder relativ normal leben können, aber es wird immer etwas bleiben.“ Die Schüler, die die Frage hören, schütteln die Köpfe, schweigen. „Keine Presse“, haben die Gymnasiasten vom Lessing an die Fenster geklebt. „Lasst uns in Ruhe trauern.“

Es reden nur jene, die gekommen sind, um sich die Realschule anzuschauen und die Botschaften auf dem Steinen zu lesen. Die nicht in einer der Klassen saßen, als Tim K. in den Schulkomplex kam. Die keine Angehörigen oder Freunde verloren haben. Auf dem Schulhof hat Michael eine Rose niedergelegt. Er war in Winnenden auf der Sonderschule, lebte früher in Weiler zum Stein, jenem Ort, aus dem auch Tim K. stammt. „Ich kann nachvollziehen, wie sich die Menschen hier fühlen“, sagt Michael. „Ich habe vor einiger Zeit meinen Vater verloren.“ Er habe Tim oft allein auf der Mauer sitzen sehen, auf der jetzt die Blumen liegen und Kerzen stehen, zum Gedenken an die Toten, erzählt der Junge. „Er tat mir damals leid, und jetzt tut er mir irgendwie immer noch leid.“ Anderen tut Tim K. nicht leid. Sie haben ihren Hass auf die Zettel geschrieben. „Warum mussten sie sterben, nur weil ein Irrer es wollte?“

Unwirklich: Lachen und Gekreische auf dem Schulhof

Vor der Realschule kniet ein Junge. Er zündet ein Teelicht an, weint, verharrt einige Minuten vor der Flamme. Dann legt er ein Gedicht auf den Rasen, geht zu seinen Klassenkameraden, umarmt sie. „Die Zeit steht still, es folgt ewig Schweigen. . . Wo bleibt das Lachen, Freude, Spaß? Gestorben mit den Opfern. . .“ Einige Meter entfernt zeigt ein Foto ein lachendes Mädchen. Darunter sein Name und ein Kreuz.

„Der tiefste Schmerz kennt keinen Laut.“ Und nirgendwo scheint dies deutlicher zu sein, als an diesem Ort. Nur einige Jungen, fünfte Klasse, vergessen kurz das Schweigen, spielen ein paar Minuten Fangen im Hof. Das Lachen und das Gekreische, das sonst immer die Pausen erfüllte, klingt auf einmal unwirklich. Und als die Kinder die Kerzen sehen, sich wieder dessen bewusst werden, was hier geschah, verstummen auch sie wieder.

Drei Jungen und zwei Mädchen sind unter den Absperrbändern hindurch zu einer mit Beton eingefassten Schulhoflampe gegangen. Sie stehen im Kreis, zünden Kerzen an, legen ein Foto nieder. Einer der Jungen flüstert den anderen zu, wie das Mädchen auf dem Foto gestorben ist. Ein Kamerateam nähert sich. Die Jugendlichen machen Gesten, deuten an, dass sie allein sein möchten. Doch erst ein Polizist kann das Team bewegen, sich zu entfernen.

Der Wunsch nach Ruhe

„Warum können die uns nicht in Ruhe lassen?“ Ein Mann schaut aus einiger Entfernung auf die Gruppe. „Schwermut, nur Schwermut“, murmelt er. Seine Tochter ist hier vor zwanzig Jahren zur Schule gegangen. Und er schaut sich jetzt an diesem Ort um, den er mit der Vergangenheit verbindet. Er habe ja auch Waffen zuhause, sagt der Mann und meint, es müsse sich in Deutschland vieles ändern.

Das Meer aus Blumen und Kerzen wird immer größer, ragt über Kabel, Absperrungen. Worte an die Verstorbenen: „Du warst ein toller Mensch, Du hast immer gelacht“; „Schatz, wir vermissen dich, warum hat es dich getroffen?“; „Wenn wir uns erinnern, was du uns alles erzählt hast, von deinen Zukunftsplänen, deinen Vorlieben wie Schokolade und deinen Gedanken und Träumen, bringt uns das ein Gefühl der Hoffnung. Die Hoffnung, die dich in uns weiterleben lässt.“ Ein Mädchen aus der Klasse 10 d schaut auf die Worte, die an ihre Freunde und Klassenkameraden gerichtet sind. Am Mittwochabend hat sie noch mit Freunden darüber gesprochen, was passiert ist, hat davon erzählt, wie Tim K. dreimal in ihr Klassenzimmer gekommen ist, wie sie aus dem Fenster gesprungen ist. Nun schweigt auch sie. Zumindest hier vor ihrer Schule.

Pendeln zwischen Schule und Seelsorger

Viele der Schüler pendeln den ganzen Tag zwischen Schule und der Halle, in der die Seelsorger sind, hin und her - vom Ort des Schweigens zum Ort des Redens. „Hier an der Schule spüren sie, dass es Realität ist“, sagt der Seelsorger. „Hier beginnen sie das Unbegreifliche zu begreifen.“ Und die Botschaften erleichterten die Seele: „Wir können kaum in Worte fassen, wie sehr du uns fehlst, nur unsere Tränen können zeigen, wie sehr wir dich vermissen“.

Eine Gruppe Jungs blickt zur Realschule. Die Jugendlichen zeigen auf die Fenster. „Da müssen sie gesprungen sein“, bricht es aus einem heraus. „So viele Patronen hat der gehabt.“ Keine Antwort, keine weiteren Worte. Nur das Lichtermeer, das Erinnerungen, Wünsche, Versäumnisse, Wut und immer wieder die eine Frage beherbergt: „Ich weiß noch, wie wir zusammen Konfirmation hatten. Und wir hatten beide so Angst davor. Und wir haben es zusammen geschafft… Wie soll ich es nur ohne dich schaffen?“

Eine Frau und ihre Tochter legen Blumen nieder. Sie kennen einen Jungen, der in einer der Klassen war, in die Tim K. ging. „Er hat mit einem Streifschuss überlebt.“ Die Schüler stünden immer so unter Druck, sagt die Frau. „Wenn dann noch Druck von zuhause kommt und jemand durch das Raster fällt… Mich wundert das nicht.“ Vielleicht ist das das „Warum.“ Vielleicht stimmt aber auch die Botschaft, die gar nicht erst fragen will, weil die Antwort das Geschehene auch nicht rückgängig machen man: „Ich frage nicht warum, denn es wird keine Antwort darauf geben, die diese Tat erklären wird oder mildern kann.“

So schweigen die Menschen vor der Realschule, und das Schweigen wird nur vom Klackern der Fahnen, vom Läuten der Glocken und dem Grollen der Generatoren unterbrochen. Ein Schleier hat sich über Winnenden gelegt.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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