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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Nach dem Amoklauf Politiker fordern Verbot von „Killerspielen“

21.11.2006 ·  Der Amoklauf eines 18 Jahre alten früheren Realschülers hat die Diskussion über eine Verbesserung des Jugendschutzes angeheizt. Auch Bayerns Ministerpräsident Stoiber will gewaltverherrlichende Spiele mit Hilfe des Bundesrats verbieten lassen.

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Nach dem Amoklauf eines früheren Schülers aus Emsdetten im Münsterland ist die Debatte über gewaltverherrlichende Computerspiele wie etwa „Counterstrike“ abermals entbrannt. Auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) unterstützt eine Bundesratsinitiative für ein solches Verbot. „Nach dem verheerenden Amoklauf von Emsdetten darf es keine Ausreden und Ausflüchte mehr geben: Killerspiele gehören in Deutschland verboten“, sagte Stoiber am Dienstag in München. „Sie animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten.“

Die Spiele bezeichnete Stoiber als „völlig unverantwortliche und indiskutable Machwerke, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen“. Stoiber betonte, Bayern habe bereits seit einem Amoklauf in Bad Reichenhall im Jahr 1999 wiederholt Gesetzesinitiativen zum Verbot von „Killerspielen“ begonnen. Bisher habe man dafür aber „noch keine ausreichende Unterstützung gefunden“. Das solle sich nun ändern, zumal Union und SPD bereits in ihrem Koalitionsvertrag ein Verbot von Killerspielen in dieser Legislaturperiode verabredet hätten.

„Es fließt reichlich Blut“

Auch Niedersachsens Innenminister Uwe Schürmann (CDU) will die Bundesratsinitiative unterstützen. Deren Ziel sei ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot, sagte ein Sprecher des niedersächsischen Innenministeriums am Dienstag in Hannover. Ein Herstellungsverbot sei zwar schwer umsetzbar, da der Großteil der Spiele im Ausland programmiert werde. Ein Verbot zur Verbreitung in Deutschland sei allerdings ein wichtiger erster Schritt. Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Bosbach sagte: „Sollte sich tatsächlich herausstellen, daß der 18 Jahre alte Täter sich über einen längeren Zeitraum und intensiv mit Killerspielen beschäftigt hat, müßte der Gesetzgeber nun endlich handeln.“

Zudem forderte Minister Schünemann die Abschaffung der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), eine von den Software-Herstellern unterstützte Einrichtung. Notwendig ist aus seiner Sicht ein neues Gremium zur Überprüfung von Computerspielen, das „rein in staatlicher Hand“ liege. Die bisherigen Kontrollen seien zu lax, hieß es. Selbst bei Spielen, die ab 16 Jahren freigegeben sind, fließe reichlich Blut.

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) sagte: „Killerspiele leisten einen verhängnisvollen Beitrag zur leider wachsenden Gewaltbereitschaft und fördern aggressives Verhalten. Deshalb muß konsequent gegen Spiele vorgegangen werden, die Gewalt verherrlichen.“ Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) forderte im Rundfunk: „Die Politik muß ihre Möglichkeiten nutzen, den Zugang zu solchen Gewaltvideos zu verhindern.“

Reiche: Internet-Anbieter verpflichten

Auch der innenpolitische Sprecher der SPD, Dieter Wiefelspütz, sprach sich für ein Verbot solcher Spiele aus. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann (SPD) forderte zumindest eine schärfere Kontrolle. Bei vielen Videospielen sei die Altersfreigabe zu hinterfragen, sagte Hövelmann. „Die Erfahrung zeigt, daß offensichtlich nicht in jedem Fall sehr bewußt und verantwortungsvoll damit umgegangen wird.“

Zudem kommt aus der Union der Vorschlag, Internet-Anbieter verstärkt in die Pflicht zu nehmen. „Ich finde, es ist an der Zeit, die Internet-Anbieter zu verpflichten, bei bestimmten Stichworten die zuständigen Behörden zu informieren“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag Katherina Reiche dem Sender N24. Ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen werde wahrscheinlich nicht ausreichen. „Es gab Hilferufe im Internet, die überhört wurden“, sagte Frau Reiche. „Es gab sogar die Ankündigung im Internet, daß ein solcher Amoklauf stattfinden kann. Niemand hat reagiert.“ Das sei unverständlich, denn die Pläne seien zwei Jahre lang bekannt gewesen.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) sagte über das Drama von Emsdetten: „Der Vorfall sollte ein Anlaß sein, über das Thema Gewalt in unserer Gesellschaft nachzudenken.“ Zuvor hatte er mit Opfern, Angehörigen und Polizeibeamten in Emsdetten gesprochen. Es müsse auch überlegt werden, wie gewaltverherrlichende Computerspiele aus Kinderzimmern verbannt werden könnten, so Rüttgers weiter. Grenzüberschreitungen dürften bei Gewalttätern nicht akzeptiert werden. „Wir müssen die Frage der Gewaltbereitschaft im Lande neu diskutieren.“

Beck: Videoverbot „einfältige Forderung“

Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck sagte: „Wenn die Informationen zutreffen, daß der Täter gesellschaftlich isoliert war und seine Zeit hauptsächlich mit dem Spielen von Killerspielen verbracht hat, dann muß jetzt verstärkt eine Debatte um Förderung von Medienkompetenz und eine sinnvolle Computernutzung geführt werden.“ Die „einfältige Forderung“ der großen Koalition nach einem Verbot von Killerspielen reiche „sicher nicht aus, zumal Verbotenes für Jugendliche bekanntlich um so reizvoller ist“.

Die Stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei Katja Kipping beklagte eine „virtuelle Debatte“. Politiker und Medien reagierten nach einem wiederkehrenden Verhaltensmuster, ohne ernsthaft über die eigentlichen Ursachen nachzudenken. „Nicht die brutalen PC-Spiele, über deren Wert und (Un-)Sinn sich sicherlich vortrefflich streiten läßt, sind Ursache für das menschenverachtende Verhalten eines Bastian B.“, teilte Frau Kipping mit. „In seinem Abschiedbrief wird deutlich, daß er selbst seine soziale Situation als Ursache sieht: Leistungsdruck, soziale Auslese, Markenwahn, Wertigkeit nach Größe des Geldbeutels, Zukunftsangst, Ausweglosigkeit.“ Wer jetzt die virtuelle Computerspielwelt „als Feindbild ausmacht und lauthals nach Verboten ruft, verzichtet auf ernsthafte Ursachensuche und versucht, den wahren Zustand dieser Gesellschaft zu ignorieren und sich an den realen Problemen junger Menschen vorbeizumogeln“, so Kipping.

„Eine neue Dimension“

Die „Bild“-Zeitung zitierte den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, mit den Worten: „Brutale Computerspiele und Videofilme gaukeln Jugendlichen den schnellen Sieg des Stärkeren vor. Auswege für den Verlierer bieten sie nicht.“ Von Eltern und Lehrern verlangte Kraus, Kindern durch eigenes Handeln ein positives Zukunftsbild zu vermitteln. „Wir Erwachsene müssen unseren Kindern immer wieder beweisen: Arbeit, Leistung, Treue, Verläßlichkeit - das sind trotz aller Probleme und Widerstände feste Werte, für die es sich zu leben lohnt.“ Eine Gesellschaft, die diese Werte verliere, laufe irgendwann selbst Amok.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, hat die Gewalttat von Emsdetten unterdessen als ein neues Ausmaß von Brutalität bezeichnet. „Daß Sprengstoff im Spiel war, gibt dem Fall eine neue Dimension“, sagte Freiberg der „Münsterschen Zeitung“. Das habe es noch nicht gegeben und sei „höchst erschreckend“.

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