12.02.2012 · Die 11 Jahre alte Chantal ist an einer Methadon-Vergiftung gestorben. Ihre Pflegeeltern waren Junkies, die Wohnung war vermüllt. Doch den Behörden fiel nichts auf.
Von Lydia RosenfelderSie aßen Yum-Yum-Suppen. Jeden Tag. Die beiden Mädchen kamen immer in den kleinen Eckladen, zwei Blocks von zu Hause entfernt. Sie kauften die Pakete mit Instantnudeln, drei für einen Euro. Sie nahmen fast nichts anderes, höchstens mal eine Süßigkeit. Beide waren still und schüchtern. Kurz bevor Chantal mit elf Jahren starb, waren sie noch einmal da, kauften ein, gingen und kamen kurz darauf wieder. Die acht Jahre alte Ashley sagte: „Wir haben vergessen, das hier zu bezahlen“, und legte zitternd einen Riegel auf den Tisch. Der türkische Verkäufer sagte: „Weil ihr so ehrlich wart, könnt ihr es so mitnehmen.“
Durch die Scheiben sah er den Pflegevater, der fuhr ein Motorrad. „Da geht es hin, das Pflegegeld“, dachte der Verkäufer. Die Ziehmutter kam immer am Monatsanfang in den Laden, wenn Geld eingetroffen war. Dann kaufte sie eine Stange Zigaretten. Manchmal nahm sie auch noch Kaffee mit. Jetzt ist das Paar abgetaucht. „Aus Scham“, sagt der Verkäufer. „Und aus Angst.“ Alle wissen es, hier im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Vor dem roten Backsteinhaus stehen Grabkerzen, Kuscheltiere und Fotos von Chantal. In einem Brief heißt es: „Jeder konnte deine müden Augen sehen, aber nix ist geschehen.“
Die Wohnungstür im ersten Stock ist zerkratzt. Weihnachtsschmuck hängt da noch, ein Stern, er verdeckt den Aufkleber mit den Namen. Die Klingel fehlt. Der Briefkasten quillt über. „Die sind nicht da“, sagt eine Nachbarin. „Ich habe sie seit Tagen nicht gesehen.“
Eine Straße weiter, im Deichhaus, sitzt Pfarrer Henatsch an einem Tisch mit Essensmarken. Er hat hier Anfang der Neunziger eine Arbeitsloseninitiative gegründet, mit einer Essensausgabe für Bedürftige. Viele Werften waren geschlossen worden, es herrschte große Not in Wilhelmsburg. Auch Sylvia L., Chantals Pflegemutter, kam ins Deichhaus, hatte an der Fachhochschule für Sozialpädagogik gelernt und war arbeitslos. Der Pfarrer verschaffte ihr eine Stelle als Helferin, sie machte Fahrdienst. Ihre Drogensucht hatte sie immer abgestritten, hatte versichert, das sei vorbei. Sie legte eine Bescheinigung vom Arzt vor. Leute, die sich auskannten, sagten, sie nähme noch Heroin. Das sähe man an ihren Augen. Aber sie konnten ihr nichts nachweisen. Und der Pfarrer hoffte, dass sie durch die Beschäftigung da wieder herauskommt.
Heute ist Sylvia L. 47 Jahre alt, hat die Haut eines Junkies, lila und pickelig, drei Piercings im Gesicht und Tattoos auf dem ganzen Rücken. Sie hat drei leibliche Kinder. Die älteste Tochter ist selbst schon Mutter, von Ashley. Sie wurde 2005 in die Obhut von Großmutter Sylvia L. gegeben. Das Bezirksamt bewilligte die Pflegeschaft. Später wurde Ashleys Mutter am Flughafen von Madrid festgenommen, wegen Kokainschmuggels. Sie saß ein paar Jahre im Knast.
Ashley und Chantal waren Freundinnen. Chantal wohnte nebenan in der Fährstraße. Der Vater war drogenabhängig, die Mutter trank. Sie gaben das Kind an Sylvia L. ab, wo es ohnehin ein und aus ging. Das Amt bewilligte das. Prinzip milieunahe Unterbringung. Die Familie wurde nicht weiter geprüft. Chantals Mutter soff sich zu Tode. Der leibliche Vater soll versucht haben, Chantal zurückzubekommen. Doch obwohl er nebenan wohnte, sah man ihn nie mit seiner Tochter. Er habe nur zu Hause gesessen und Playstation gespielt, sagen die Nachbarn. Chantal blieb bei Sylvia L.
Die beiden Pflegekinder waren dünn. Die leiblichen Kinder waren dick. Lange Zeit war der Herd kaputt, da kamen Chantal und Ashley zum Essen ins Deichhaus. Die Mitarbeiterinnen beobachteten, wie hart Sylvia L. mit den Mädchen umging. Den eigenen Kindern erfüllte sie jeden Wunsch. Die Pflegemädchen zwang sie, das Wochenblatt auszutragen.
Jeden Mittwoch um 23 Uhr, in dünnen Stoffschuhen bei klirrender Kälte. So ließ sich Sylvia L. etwas Geld beschaffen, für die Drogen. Im Deichhaus war sie zur Leiterin der Tafel ernannt worden. Sie behandelte die Mitarbeiter herablassend. Es verschwand Geld aus der Kasse. Sie war unkonzentriert, ließ den Schlüssel liegen, es wurde eingebrochen. Pfarrer Henatsch kündigte ihr. Wolfgang A., der Pflegevater, war ebenfalls im Deichhaus tätig. Er sollte Schriftführer sein, tat aber nichts, hatte auch sonst keinen richtigen Job. Auf Henatsch wirkte er labil, ganz anders als Sylvia L. Die Heroinabhängigkeit aber konnte er verbergen.
Beide ließen sich mit Methadon behandeln, holten täglich ihre Ersatzdroge ab. Methadon gibt es auf Rezept in der Apotheke, wo man es vor Ort trinken muss, die Tablette aufgelöst in Orangensaft, wegen des bitteren Geschmacks. Es heißt, manche Apotheker gäben die Tablette auch mal so mit. In der Methadonausgabestelle am Hauptbahnhof nimmt man es ebenfalls sofort. Wer das Vertrauen der Sozialarbeiter hat, kann die zweite Tagesdosis mitnehmen, so dass er nicht zweimal am Tag kommen muss.
Womöglich haben Sylvia L. und Wolfgang A. es auch auf dem Schwarzmarkt besorgt. Sie hatten massenweise Methadon zu Hause, allein 31 Tabletten versteckten sie in ihrer Garage. Am 16. Januar trank Chantal in Flüssigkeit aufgelöstes Methadon. Vielleicht hielt sie es für Saft. Sie starb daran. Die Pflegeeltern mussten Blut- und Haarproben abgegeben. Bei beiden wurde Heroinkonsum nachgewiesen, bei Sylvia L. auch Marihuana.
Ashley und die beiden jüngeren leiblichen Kinder wurden stationär untergebracht. Im Jugendamt und im Senat suchte man nach Schuldigen. Pia Wolters, die Jugendamtsleiterin, wurde suspendiert. Chantal war schon das dritte tote Kind in Wilhelmsburg. 2008 starb Morsal, 16Jahre. Sie wurde zu Hause verprügelt, musste mehrfach in Notunterkünften untergebracht werden. Das Jugendamt ließ sie wieder gehen: Es bestehe keine Gefahr für Leib und Leben. Der Bruder erstach sie am selben Tag. Im folgenden Jahr starb Lara Mia. Der Betreuerin der Familie war die Unterernährung des Babys entgangen.
Zuvor war Pia Wolters im Stadtteil Bergedorf tätig. Währenddessen starb auch da ein Kind, Michelle. Wolters Nachfolgerin als Sozialdezernentin, Angela Braasch-Eggert, überprüft gerade alle 146 Fälle, auf Anordnung des Senats. „Wir sind in der Verwandtenpflege zu großzügig und zu wenig kritisch“, sagt sie. Man müsse genauer auf die Lebensumstände achten. Im Jugendamt Mitte habe man zu viel Verantwortung an freie Träger abgegeben. „Da lauern überall Fallen.“
Wie bei Michelle. Sie war das vierte Kind, das fünfte war unterwegs. Die Eltern arbeiteten im Schichtdienst als Altenpfleger. Nachbarn meldeten dem Jugendamt, dass die Kinder verwahrlosten. Das Amt entsandte eine Familienhelferin. Sie besuchte die Familie, aber nie unangemeldet. Die Mutter ließ sich häufig entschuldigen, verschob Besuche. Immer hatte sie eine Erklärung. Wenn es dann mal klappte, saß die Sozialarbeiterin am aufgeräumten Wohnzimmertisch, bekam Kaffee und Kekse, guckte eine Kinderzeichnung an. Sie schaute nicht ins Kinderzimmer, nicht ins Bad. Sie besorgte Kita-Gutscheine. Die Mutter warf die Gutscheine weg.
Die Sozialarbeiterin schrieb positive Berichte. Arzt- und Kita-Besuche seien vereinbart worden und die Kinder entwickelten sich gut. Dann starb Michelle an einer Infektionskrankheit. Polizisten öffneten die Kinderzimmertür, die von innen keine Klinke hatte, damit die Kinder nicht fortliefen. Sie fanden eine Hölle vor: Matratzen ohne Bettzeug und Kothaufen auf dem Boden. Die Badewanne war voll dreckiger Wäsche, in der Küche stapelten sich Müll und schmutziges Geschirr.
Die Eltern bekamen eine Haftstrafe, die Kinder kamen ins Heim. Die Mutter zeigte keine Reaktion, kein Gefühl. Die Sozialarbeiterin erhielt eine Geldstrafe und wechselte den Job. „Sie hat sich eine Show vorspielen lassen. Manche Klienten sind geübt darin“, sagt Braasch-Eggert. Die seien selbst so aufgewachsen, schon als sie Kinder waren, stand das Jugendamt vor der Tür. „Sie kennen die Taktiken: immer freundlich sein, keinen Widerspruch leisten, keine Angriffsfläche bieten.“
Als der Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) Chantals Pflegefamilie am 4. Januar besuchte, sagte Chantal ein Weihnachtsgedicht auf. „Da wäre ich sofort misstrauisch geworden“, sagt Braasch-Eggert. „Das ist doch absurd, in diesem Milieu, in so einer Situation!“ Und obwohl Sozialarbeiter sowohl vom ASD als auch vom beauftragten freien Träger und der gesetzliche Vormund regelmäßig in der Wohnung waren, ist niemandem aufgefallen, dass Chantal kein Bett hatte, keinen Schrank, dass die Wohnung viel zu klein war für vier Kinder, zwei Kampfhunde und einen weiteren Köter.
Jugendamtsleiterin Pia Wolters rechtfertigte sich: „Die Wohnung ist für kindgerecht erklärt worden.“ Und das Bett der beiden Mädchen sei breit genug gewesen. Ob eine Wohnung vermüllt sei, „ist eine Frage des persönlichen Empfindens“.
Auch Bezirksamtsleiter Markus Schreiber von der SPD behauptete zunächst, „dem Kind ging es gut, bis zuletzt“. Als das nicht mehr haltbar war, wälzte er die Verantwortung ab. Das Jugendamt habe ihn falsch informiert. Und er habe schon seit dem Tod der unterernährten Lara Mia an der Eignung von Pia Wolters gezweifelt. Hundert polizeiliche Fotos aus der Wohnung von Chantals Familie in der Fährstraße habe er gesehen. Er könne nicht verstehen, wie seine Mitarbeiter die Zustände für gut befinden konnten.
Schreiber ist ein Typ, der sich gerne „Sheriff“ nennen lässt und einen Zaun um eine Brücke baut, damit darunter keine Obdachlosen übernachten. Nach Chantals Tod wuchs der Druck auf ihn. Schreiber genoss aber den Schutz von Johannes Kahrs, dem Bundestagsabgeordneten und mächtigen SPD-Chef von Hamburg-Mitte. Der saß dem Jugendhilfeausschuss vor. Die Opposition forderte in einem gemeinsamen Antrag Schreibers Abgang. Bürgermeister Olaf Scholz schwieg lange. Am Donnerstag bat er Schreiber zu einem Gespräch. Am Freitag trat Schreiber zurück. Dann gab Kahrs den Vorsitz im Jugendhilfeausschuss ab. Dem „Hamburger Abendblatt“ sagte er: „Wenn die Welle zu hoch ist, muss man sie tunneln.“ Die Sozialbehörde verschärfte die Auswahlkriterien für Pflegeeltern in Hamburg. Sie müssen künftig ein Führungszeugnis vorlegen, in dem alle etwaigen Straftaten aufgelistet sind. Und ein Gesundheitszeugnis mit Drogentest.
Doch damit ist es nicht getan. Am Wohnhaus in der Fährstraße hängen noch immer die wütenden Briefe: Ohnmächtig sei Chantal dem Jugendamt ausgeliefert gewesen. Nachbarn sollen dem Amt mehrfach gemeldet haben, dass die Pflegeeltern Drogen nähmen. Als das Amt nachfragte, haben Sylvia L. und Wolfgang A. über Mobbing durch die Nachbarn geklagt. Auch eine Lehrerin von Ashley gibt an, vor einem Jahr schon beim Jugendamt angerufen zu haben. Sie habe von Verwahrlosung berichtet, von Desinteresse seitens der Pflegeeltern, von einem groben Umgang mit Ashley. Das Jugendamt zeigte sich überrascht: Bei eigenen Besuchen habe es immer nach heiler Welt ausgesehen.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun beim Jugendamt Mitte und beim zuständigen freien Träger, dem Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen. Sie sollen ihre Fürsorgepflicht verletzt haben. Auch gegen Chantals leiblichen Vater, die Pflegeeltern und Ashleys Mutter wird ermittelt. Kurz bevor sie starb, schrieb Chantal einen Brief an ihren Vater. „Bitte holt mich aus dieser schrecklichen Familie.“
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