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Nach Angriff auf Obdachlosen : Unheilige Nacht

„Das sind keine harten Jungs“, sagt ein Anwalt vor dem Landgericht Berlin. Bild: dpa

Eine Gruppe junger Männer hat in Berlin einen Obdachlosen angezündet. Streich oder Mordversuch? Und welche Rolle spielt es, dass es sich um Flüchtlinge handelt? Vor Gericht sucht man nach Antworten.

          Vorne rechts, am unteren Rand des Bildausschnitts, ist die Flamme gut zu erkennen. Zuerst ist sie nur ein heller Fleck, genau in der Ecke zwischen Rückenlehne und Armstütze der grünen Holzbank und dem von einer weißen Decke verhüllten Bündel, das regungslos auf der Sitzfläche liegt. Dann aber flackert es. Qualm steigt auf, und kurz darauf ist das Feuer so groß, dass man Rot- und Gelbtöne unterscheiden kann. Sonst passiert nichts.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die jungen Männer, die eben rund um die Bank zu sehen waren, haben ihre Kapuzen übergezogen, sind davongeschlendert und nur noch klein am oberen Rand des Kamerasichtfeldes zu sehen. Sonst ist der Bahnsteig leer. Das Feuer brennt und brennt. Eine, vielleicht zwei Minuten dauert das, die Sekunden dehnen sich ins Unerträgliche. Denn jeder im Saal weiß: Unter der weißen Decke schläft ein Mann. Die Flammen lodern direkt neben seinem Kopf.

          Es ist mucksmäuschenstill in Saal B129 des Landgerichts Berlin. Über der Balustrade zum Zuschauerraum ist eine Leinwand heruntergelassen worden, auf der Überwachungsvideos vom U-Bahnhof Schönleinstraße gezeigt werden. Es ist Freitag, der zweite Verhandlungstag in dem Prozess gegen eine Gruppe junger Flüchtlinge, die in der Weihnachtsnacht 2016 versucht haben soll, einen Obdachlosen anzuzünden. Die erschütternden Bilder bilden das Fundament der Anklage: versuchter Mord.

          Tatort U-Bahnhof Schönleinstraße: Das Feuer, das einige der Angeklagten gar nicht bemerkt haben wollen, hat deutliche Spuren hinterlassen.
          Tatort U-Bahnhof Schönleinstraße: Das Feuer, das einige der Angeklagten gar nicht bemerkt haben wollen, hat deutliche Spuren hinterlassen. : Bild: dpa

          Nach Überzeugung des Staatsanwalts haben die mutmaßlichen Täter „billigend in Kauf genommen“, dass ihr wehr- und argloses Opfer Feuer fangen und „qualvoll verbrennen“ würde. Der Hauptangeklagte, ein 21 Jahre alter Palästinenser aus Syrien, habe erst ein Stück Papier, in einem zweiten Anlauf ein brennendes Taschentuch neben das improvisierte Kopfkissen des Obdachlosen geworfen, dessen in eine Plastiktüte gewickelten Rucksack. „Grundsätzlich weiß man, dass Plastik sehr gut brennt“, sagt der Staatsanwalt.

          Glaubhaft gequälte Mienen

          Zum Glück bleibt der Mann auf der Bank unverletzt. Nach einer gefühlten Ewigkeit fährt auf der Leinwand in Saal B129 eine U-Bahn ein. Ein Mann weckt den Schlafenden und tritt die Flammen aus. Eine Frau kippt Bier über das angekokelte Holz. Den Rest besorgt der U-Bahn-Fahrer mit dem Feuerlöscher.

          Der Fall war an Symbolik kaum zu übertreffen und löste eine Welle der Empörung aus. Ausgerechnet an Weihnachten, wenn die meisten Menschen hierzulande in christlicher Tradition mehr oder weniger selig um ihre Tannenbäume herum sitzen, vergreifen sich ausgerechnet Flüchtlinge an einem Menschen, der in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten steht. Das Entsetzen war groß.

          Nun hat unter großem Medienandrang der Prozess gegen sieben junge Männer begonnen. Einer ist nur wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt; trotzdem zittert der Aktendeckel in der Hand des Siebzehnjährigen, der seinen gepflegten Undercut vor den Kameras versteckt. Kapuzensweatshirts zu Nike-Sneakern, zarter Oberlippenflaum hier, ein kantiges Kinn, eine tiefe Stirn dort: Die Angeklagten sind 16 bis 21 Jahre alt, sechs stammen aus Syrien, einer aus Libyen. Glaubhaft gequälte Mienen. Als routinemäßig die Personalien festgestellt werden, hat der Hauptangeklagte nicht einmal sein Geburtsdatum und seine Anschrift korrekt parat. „Das sind keine harten Jungs“, sagt einer der Verteidiger. „Das sind ganz normale Jugendliche.“

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