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Nach Amoklauf Waffenlobby meldet sich zu Wort

Ungewöhnlich lange hat die Waffenlobby nach dem Massaker von Newtown geschwiegen. Jetzt zeigt sich „National Rifle Association“ schockiert und kündigt an, beitragen zu wollen, solche Gewalttaten künftig zu verhindern. Das Modell des Sturmgewehrs des Amokläufers wird indes zum Verkaufsschlager.

© AFP NRA-Flagge vor dem Hauptquartier der Vereinigung in Fairfax, Virginia

Der amerikanische Vizepräsident Joseph Biden wird Vorsitzender einer Kommission, die sich nach dem Amoklauf von Newtown mit dem Problem der Waffengewalt in Amerika auseinandersetzen soll. Das wollte Präsident Barack Obama im Laufe des Mittwochs offiziell bestätigen, hieß es aus dem Weißen Haus. Die Kommission soll sich nicht nur mit einer Reform des Waffenrechts befassen, sondern auch mit Gewalt in Filmen und Computerspielen sowie der Behandlung von psychisch Kranken in Amerika. Biden hatte sich in seinen Jahren als Senator für strengere Waffenkontrollen in Amerika eingesetzt.

Bei dem Massenmord von Newtown hatte der Täter 27 Menschen umgebracht, bevor er sich selbst erschoss. Zwanzig der Opfer waren Kinder im Alter von sechs bis sieben Jahren. Der Amokläufer schoss in einer Grundschule mit einem halbautomatischen Sturmgewehr um sich. Obama hatte nach dem Amoklauf „wirkungsvolle Maßnahmen“ gefordert. Am Dienstag sagte er, er werde eine Initiative der demokratischen Senatorin Dianne Feinstein für ein Verbot von Sturmgewehren unterstützen. Aus dem Weißen Haus hieß es, der Präsident sei darüber erfreut, dass zahlreiche Demokraten und Republikaner öffentlich ihre Meinung zu dem Thema geändert hätten und nun strengere Waffengesetze befürworteten.

Am Dienstagabend veröffentlichte auch die „National Rifle Association“ (NRA), die als mächtigste Lobbyorganisation der Waffenhersteller und -besitzer gilt, eine erste Stellungnahme zu den Ereignissen in Newtown. „Die NRA besteht aus vier Millionen Müttern und Vätern, Söhnen und Töchtern – und wir sind angesichts der Nachrichten über die schrecklichen und sinnlosen Morde in Newtown schockiert, traurig und gebrochenen Herzens“, heißt es darin. „Wir haben uns aus Respekt vor den Familien und aus allgemeinem Anstandsgefühl bislang eines Kommentars enthalten, um Zeit für Trauer, Gebet und Untersuchung der Vorfälle zu gewährleisten.“ Die NRA sei dazu bereit, „bedeutungsvolle Beiträge“ zu leisten, damit sich etwas wie der Amoklauf von Newtown niemals wiederholen könne. Nähere Angaben darüber, worin ein solcher Beitrag bestehen könne, machte die NRA zunächst nicht. Die Waffenlobby kündigte eine Pressekonferenz für Freitag an. Nach Amokläufen gab die NRA in der Vergangenheit meist rascher eine Erklärung ab, in der sie das Recht auf Waffenbesitz verteidigte.

Obama kündigte unterdessen an, er werde sich mit Nachdruck für eine Verschärfung des Waffenrechts einsetzen. Zudem trete der Präsident für ein Gesetz ein, das den Verkauf von Waffen durch Privathändler ohne eine Überprüfung der Käufer generell untersagt. Damit solle eine Gesetzeslücke geschlossen werden, die bislang den ungeregelten Verkauf auf Waffenmessen ermöglicht. Obama gilt schon länger als Befürworter eines strengeren Waffenrechts, allerdings hat er sich bislang nicht aktiv für eine Gesetzesreform eingesetzt.

Einige Anhänger des Rechts auf Waffenbesitz im Kongress zeigten sich am Dienstag kompromissbereit. Die Republikaner im Repräsentantenhaus diskutierten das Thema auf einer Sitzung hinter verschlossenen Türen, und einige waren bereit, eine Verschärfung des Waffenrechts zu akzeptieren - unter der Bedingung, dass auch Persönlichkeitsstörungen und der Einfluss von Videospielen berücksichtigt würden.

Hohe Nachfrage nach Sturmgewehren

Die Aktien der börsennotierten amerikanischen Waffenhersteller gingen am Dienstag den dritten Tag in Folge zurück. Der größte Waffenhersteller Freedom Group International teilte mit, sein Eigentümer habe sich zum Verkauf des Unternehmens entschlossen. Mehrheitseigner ist die Kapitalgesellschaft Cerberus Capital Management. Freedom Group produziert unter anderem die Bushmaster-Gewehre, wie sie auch der Amokschütze von Newtown verwendete.

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Das Sturmgewehr, das der Schütze einsetzte, entwickelte sich in den amerikanischen Waffengeschäften zum Verkaufsschlager. Der Direktor des Verbands der Waffenhändler, Andrew Molchan, erklärte, die hohen Verkaufszahlen seien wohl auf die Befürchtungen der Kunden zurückzuführen, die Gewehre könnten bald verboten werden.

Quelle: FAZ.NET mit AP

 
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