21.11.2007 · Könnte der Kölner Schüler, der einen Amoklauf geplant hatte, noch leben, wenn die ermittelnden Polizisten sensibler vorgegangen wären? Vorwürfe, die Beamten seien mitschuldig am Tod des 17-Jährigen, werden lauter. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Von Peter SchilderFünf Tage nach dem Selbstmord eines 17 Jahre alten Schülers in Köln, der verdächtigt wurde, einen Amoklauf an seiner Schule vorzubereiten, ist immer noch nicht klar, wie er die letzte Stunde seines Lebens verbracht hat. Sowohl das Düsseldorfer Innenministerium als auch das Schulministerium, als jeweils oberste Dienstaufsicht der beteiligten Behörden, haben ausführliche Berichte angefordert und eine Prüfung angekündigt. Auch die Staatsanwaltschaft, die noch am Dienstag verlauten ließ, dass sie kein strafrechtlich relevantes Verhalten der Polizei erkenne, hat inzwischen Ermittlungen aufgenommen.
Durch unterschiedliche Äußerungen von Lehrern und Polizisten waren Widersprüche in der Darstellung sichtbar geworden. Nach den Worten des stellvertretenden Schulleiters und eines Schulpsychologen, der allerdings am Freitag nicht dabei war, wollte der junge Mann am Ende des Gespräches die Toilette aufsuchen, habe aber in Wirklichkeit die Schule verlassen. Seine Schultasche und zwei wartende Freunde habe er zurückgelassen.
Polizisten ließen Schüler angeblich laufen
Den letzten Teil des Gesprächs hätten die Polizisten allein geführt, heißt es. Erst als der Junge nicht zurückgekehrt sei, habe man nach ihm gesucht und auch seine Mutter verständigt. Die Polizisten, so berichtet der Lehrer weiter, hätten den Jungen nach Hause begleiten und dessen Zimmer inspizieren wollen.
Polizeipräsident Klaus Steffenhagen hingegen stellt die Situation anders dar. Am Ende des Gesprächs hätten die Beamten dem Schüler gesagt, dass kein Hinweis auf eine Straftat vorliege und daher keine weiteren Maßnahmen getroffen würden. Die Beamten seien dann zur Wache zurückgekehrt und hätten sich auch nicht an der angeblichen Suche nach dem Jungen beteiligt. Etwa eine Viertelsunde später warf er sich auf der Aachener Straße vor eine Straßenbahn.
Mussten die Eltern anwesend sein?
Noch liegen die beiden Darstellungen weit auseinander. Immer lauter wird danach gefragt, ob nicht bei einer solchen „Gefährderansprache“ die Eltern anwesend sein müssten und ob man den Schüler nicht hätte nach Hause bringen müssen. Nach Darstellung der Polizei willigte der Schüler selbst in das Gespräch ein. Weder der junge Mann noch die Beamten hätten die Einbindung der Eltern in Erwägung gezogen. Auch hätten sie keinerlei Anzeichen für eine Suizidgefahr erkannt, wird abermals bekräftigt. Die Aufsichtsbehörden wollen den Ablauf nun gründlich prüfen.
Der Kölner Staatsanwalt Alf Willwacher erklärte, er wolle sich zu den unterschiedlichen Darstellungen der Schule und Polizei zunächst nicht äußern. „Wir werden jetzt erst einmal mit beiden Seiten sprechen, um zuverlässig und gesichert Auskünfte erteilen zu können“, sagte er der Nachrichtenagentur AP.
Polizeigewerkschaft kritisiert „Schlaumeierdiskussion“
Die nordrhein-westfälische Polizeigewerkschaft wies die Kritik an der Kölner Polizei unterdessen erneut zurück. „Die Schlaumeierdiskussionen im Zusammenhang mit dem Polizeieinsatz sind verantwortungslos und unerträglich“, sagte der Vorsitzende Rainer Wendt. Sie provozierten Nachahmungstäter und Trittbrettfahrer. „Die Kritiker sollten sich lieber darum bemühen, wie man langfristig Strategien und Konzepte entwickeln kann, um ein praktikables Früherkennungssystem aufzubauen.“