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München Leute „wegklatschen“, einfach so

04.07.2009 ·  Nach der sinnlosen Gewalttat Schweizer Schüler in München herrscht Entsetzen. Die Schweizer erregen sich über ihre „Kuscheljustiz“ und fragen sich, warum die Schule nichts von den Vorstrafen ihrer Schüler wusste.

Von Albert Schäffer und Jürgen Dunsch
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An diesem Montag will die bayerische Justizministerin Beate Merk mit Fachleuten über Amoktaten Jugendlicher beraten. Zu dem Gespräch hatte die CSU-Politikerin schon eingeladen, bevor wenige hundert Meter von ihrem Amtssitz entfernt Jugendliche aus der Schweiz in einem Gewaltrausch Passanten angriffen.

Eines ihrer Opfer, das sie zu Boden schlugen und mit Fußtritten traktierten, erlitt schwere Kopfverletzungen, deren Beschreibung trotz der kühlen Sprache der Mediziner den Atem stocken lassen: beidseitige Kieferhöhlenfraktur, Bruch des Jochbeins, Bruch der rechten seitlichen Begrenzung der Augenhöhle. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem "Amoklauf mit Faustschlägen und Fußtritten"; die Münchner Polizei hält die Tat für noch besorgniserregender als den Angriff zweier junger Männer auf einen Pensionär in der Münchner U-Bahn vor zweieinhalb Jahren.

Damals war dem Verbrechen noch ein Wortwechsel zwischen den Tätern und dem Opfer vorausgegangen; der Pensionär hatte die Männer ermahnt, in der U-Bahn nicht zu rauchen. Im Falle der Schweizer Schüler gab es keinerlei Kontakt mit dem Opfer, keinen Wortwechsel, wahrscheinlich nicht einmal Blicke. Der 46 Jahre alte Geschäftsmann lief seinen Peinigern am späten Dienstagabend in der Münchner Innenstadt über den Weg, sie griffen ihn von hinten an und misshandelten ihn in einer Weise, als gelte es, einen Feind zu vernichten. Die Münchner Justiz verfolgt in solchen Fällen eine klare Linie: Wer mit großer Wucht mit den Füßen gegen den Kopf eines Menschen tritt, muss mit einer Verurteilung wegen versuchten Mordes rechnen.

Im Einklang mit dieser harten Linie wurde gegen drei der Schweizer Schüler Haftbefehle wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung erlassen; gegen zwei weitere Schüler, die nach einer vorläufigen Festnahme wieder in ihre Heimat zurückkehren durften, wird noch ermittelt. Die drei Haupttäter, die sich in Untersuchungshaft befinden, sind sechzehn Jahre alt; zwei sind Schweizer Staatsangehörige, einer ist slowenischer Staatsangehöriger.

Die Täter gehörten zu einer Gruppe der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht, die eine Fahrt nach München unternommen hatte. Sie absolvierte das übliche Besichtigungsprogramm und aß am Dienstag noch gemeinsam zu Abend. Das Unheil nahm seinen Lauf, als die Schüler zu einem Streifzug durch die Stadt aufbrechen durften - ohne Aufsicht, was die Münchner Staatsanwaltschaft angesichts des Alters der Jugendlichen für nicht ungewöhnlich hält. Inwieweit es - in einem erschreckenden Sinne - jugendtypisch ist, dass einige in einem Park Alkohol und Marihuana konsumierten, wird die Münchner Jugendkammer befinden.

Auf sittlich niedrigster Stufe

Sie hätten "ein paar Leute wegklatschen" wollen, sagten die Täter nach ihrer Festnahme lapidar. Zunächst prügelten sie auf drei ältere Männer ein. Dann fielen sie über den Geschäftsmann her, der sich auf dem Weg zu seinem Hotel befand. Das nächste Opfer war ein bulgarischer Student, den sie mit Hieben niederstreckten. Die Staatsanwaltschaft in München schreibt dem Verbrechen im Vergleich zu den U-Bahn-Schlägern "noch einmal eine höhere Dimension" zu; schon deren Angriff auf den Pensionär bezeichnete die Münchner Jugendkammer als eine völlig sinnlose Tat, die auf sittlich niedrigster Stufe stehe.

Die Tat hat auch die Schweiz erschreckt. An erster Stelle der Einzug von Roger Federer in das Wimbledon-Finale, danach aber vier Beiträge über die jugendlichen Schläger: Nichts illustriert besser die Erregung in der Schweiz über die Gewalttat von München als die Rangfolge der meistgelesenen Artikel in der Online-Ausgabe des Zürcher "Tages-Anzeigers". Fast täglich erfahren die Schweizer von Fällen sinnloser Jugendgewalt - besonders häufig nach Fußballspielen, zu Nachtzeiten und gegenüber Gleichaltrigen. Aber hier erscheint das "Abklatschen" verschiedener Passanten besonders wahllos. Und es geschah im Ausland.

Bewährungsstrafen und „deliktorientierte Einzeltherapie“

Zugleich nehmen die Menschen verwundert zur Kenntnis, dass der Strafrahmen für solche Taten in Deutschland und in der Schweiz höchst unterschiedlich ist. In dem Land, in dem die Schweizerische Volkspartei (SVP) als größte politische Gruppierung vor allem auf "Law and Order" setzt, beträgt die Höchststrafe im Jugendstrafrecht vier Jahre. In Deutschland sind es zehn Jahre. Befürworter des geltenden Strafrahmens, bei dem die Resozialisierung im Vordergrund steht, verweisen auf eine Untersuchung des Kriminologen Ben Backmann von 2005. Sein Fazit: Schweizer Jugendliche begehen weniger Gewalttaten als deutsche. Damals betrug die Höchststrafe sogar nur ein Jahr. Aber wohl die Mehrheit der Leute befürwortet höhere Strafen. Sie erregt sich über Fälle wie diese: Im Januar 2007 schlug unweit von Zürich ein Sechzehnjähriger einen Passanten mit einem Faustschlag nieder, der tags darauf starb. Wegen dieser und einer anderen Gewalttat erhielt er zweieinhalb Jahre Haft auf Bewährung. Im Juli 2008 wurde ein Mann in einem S-Bahnhof der Stadt verprügelt und auf die Gleise geworfen. Er konnte von Augenzeugen nur knapp vor einem herannahenden Zug gerettet werden. Die 17 und 19 Jahre alten Täter kamen mit einer Bewährungsstrafe von einem Monat davon. Angesichts solcher Richtersprüche verwundert es nicht, wenn viele von einer "Kuscheljustiz" sprechen.

Zugleich erfahren die Schweizer, dass die Jugendstaatsanwaltschaften nur in Ausnahmesituationen die Schulen über Vorstrafen ihrer Schüler informieren. Dabei hatten die drei Täter aus München einiges vorzuweisen, Diebstahl und Hausfriedensbruch, einfache Körperverletzung, Raubversuch. Einer befand sich zur Zeit der Tat in einer "deliktorientierten Einzeltherapie". Die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli will dies nun ändern und sagt, Straftaten mit Gewalt müssten in jedem Fall der Schule gemeldet werden.

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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

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