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Mordfall „Peggy Knobloch“ : Viele Zweifel an einem zweifelsfreien Urteil

Grab ohne Leichnam: Seit dem 7. Mai 2001 fehlt von Peggy Knobloch jede Spur. Bild: ddp

Im Mai 2001 verschwand die neunjährige Peggy Knobloch spurlos. Eine Leiche wurde nie gefunden, dennoch verurteilte das Landgericht Hof den geistig behinderten Ulvi Kulac wegen Mordes. Nun will sein Anwalt beweisen, dass er unschuldig ist.

          Ulvi Kulacs Wünsche an die Freiheit sind bescheiden. Es geht ihm nicht schlecht im Bezirkskrankenhaus Bayreuth, Klinik für Forensische Psychiatrie. Er hat Arbeit, wickelt Kabel und baut Ofenanzünder, kann seine Lieblingsserien schauen, Kickern, Malen, Essen. Es schmeckt ihm gut hier, und so wird sein Bauch immer dicker. Kulac ist 36 Jahre alt, ein behäbiger Kerl mit einem zaghaften Kindergrinsen. Er spricht langsam. In einem schönen Garten, sagt er, würde er gerne sitzen. Bier trinken. Fortgehen. Die Verwandtschaft in der Türkei sehen.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Seit gut elf Jahren ist Ulvi Kulac in der geschlossenen Abteilung untergebracht. Das Landgericht Hof hat ihn am 30. April 2004 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Richter stellten fest, dass Kulac, um sexuellen Missbrauch zu vertuschen, die neun Jahre alte Peggy Knobloch erstickt habe. Beweise dafür hatten sie keine, es gab keine Tatzeugen, keine Spuren, auch der Leichnam von Peggy wurde nie gefunden. Die Richter bauten ihr Urteil auf ein Geständnis, das Kulac in mehreren Vernehmungen bei der Polizei abgelegt - und später widerrufen hatte.

          „Das Geständnis ist falsch“, sagt Michael Euler, Rechtsanwalt aus Frankfurt. Das könne er beweisen. Zusammen mit einer Bürgerinitiative, die seit Jahren für Kulac kämpft, hat er die Gerichtsakten durchgearbeitet, 38 Bände, 13747 Seiten, Vermerke, Protokolle, Gutachten, Fotos. Ein „Akten-Chaos“, sagt Euler. Erst nach wochenlangem Sortieren habe er anfangen können zu arbeiten. Jetzt aber ergebe sich ein eindeutiges Bild: „Das Geständnis beruht allein auf der Zermürbungstaktik der Polizei.“ Sie habe außerdem gezielt darauf hingearbeitet, alle Zeugen, die Kulac hätten entlasten können, als unglaubwürdig darzustellen. Möglichen Belastungszeugen hingegen sei gerne geglaubt worden. „Die waren am Ende einfach froh, dass sie einen Täter hatten. Nur darum ging es.“ Noch im März will Euler beim Landgericht Bayreuth einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens einreichen.

          Seit dem 6. September 2001 ist Ulvi Kulac im Bezirkskrankenhaus Bayreuth untergebracht.

          Damit könnte einer der rätselhaftesten Vermisstenfälle Deutschlands wieder aufgerollt werden, der am 7. Mai 2001 um 21.56 Uhr mit einem Anruf bei der Polizeiinspektion Naila begann. Susanne Knobloch aus Lichtenberg im Landkreis Hof, einem Städtchen mit etwas mehr als tausend Einwohnern, meldete ihre Tochter als vermisst. Peggy, neun Jahre alt, blond und vorwitzig, war ein Schlüsselkind, das, während ihre Mutter und ihr Stiefvater arbeiteten, oft im Ort herumstreunte. Um 12.50 Uhr hatte Peggy an jenem Tag die Schule verlassen, ihren pinkfarbenen Ranzen auf dem Rücken. Nicht weit von ihrem Elternhaus am Marktplatz wurde sie - so die Polizei in ihrem Ermittlungsbericht - um 13.15 Uhr zum letzten Mal gesehen.

          Hundertschaften der Polizei suchten in den folgenden Monaten nach Peggy, unterstützt von Feuerwehrleuten, Tauchern, Spürhunden, Hubschraubern, sogar Tornados mit Spezialkameras überflogen die Wälder rund um Lichtenberg. Die „Soko Peggy“ verfolgte 4409 Spuren. Es gab Hinweise, dass das Mädchen in die Tschechische Republik verschleppt worden sei, auch in Richtung Türkei, der Heimat ihres Stiefvaters, wurde ermittelt. Als Spur Nummer zwei führte die Polizei Ulvi Kulac, den 23 Jahre alten Sohn eines deutsch-türkischen Ehepaars, das die „Schlossklause“ des TSV Lichtenberg betrieb. Kulac, 1,70 Meter groß, um die 100 Kilogramm schwer, galt mit einem IQ von 65 als minderbegabt. Er konnte kaum lesen und schreiben. Für geringen Lohn half er in der Gaststätte seiner Eltern mit. Im Ort galt er als gutmütig, war allgemein beliebt. Dass er gelegentlich vor Kindern die Hose herunterließ und onanierte, war vielen bekannt, wurde aber als harmlos abgetan.

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