16.01.2005 · DNA-Spuren führten zum schnellen Fahndungserfolg: Der Mord an Moshammer ist aufgeklärt. Der Münchner Modeschöpfer brachte sich durch seine Neigung, junge Männer für Sex zu bezahlen, in Gefahr, und wurde das Opfer eines 25jährigen.
Von Albert Schäffer, MünchenDie Ermittler der Münchner Polizei wirkten am Sonntag selbst ein wenig überrascht, als sie die Festnahme des Mörders des Modeschöpfers Rudolph Moshammer bekanntgaben. Keine 48 Stunden hatte es nach der Auffindung des Toten gedauert, bis ein Sonderkommando der Polizei den 25 Jahre alten Iraker Herisch A. in seiner Wohnung arretieren konnte.
Die schärfste Waffe der Kriminaltechnik, der Abgleich von DNA-Spuren am Tatort mit dem Datenspeicher des Bundeskriminalamts, führte zu einem Fahndungserfolg in einer Zeitspanne, für die den Ermittlern fast die Worte fehlten. Die rasche Aufklärung des Verbrechens sei der guten Zusammenarbeit zwischen Spurensicherung und Rechtsmedizin geschuldet - zu viel mehr Eigenlob wollten sich die Ermittler nicht durchringen.
2.000 Euro für Sex
Die Polizei konnte am Sonntag schon ein ziemlich genaues Bild des grausamen Geschehens zeichnen, auch wenn die Nachforschungen noch nicht vollständig abgeschlossen waren. Die Schilderung des Täters, der zugegeben hat, den 64 Jahre alten Moshammer mit einem Kabel erdrosselt zu haben, passen zu den Hinweisen von Zeugen und zu den Spuren am Tatort.
Demnach aß Moshammer am Donnerstag mit einer Bekannten zu Abend in einem italienischen Restaurant in Grünwald, dem Münchner Vorort, in dem er wohnte. Anschließend fuhr er allein mit seinem dunklen Rolls-Royce in die Innenstadt und hielt in der Nähe des Hauptbahnhofs an, ließ eine Scheibe herunter - und sprach Herisch A. an. Moshammer habe ihm 2000 Euro für sexuelle Dienstleistungen geboten, gab der Iraker der Polizei an. Er sei in das Auto gestiegen und mit Moshammer nach Grünwald gefahren.
Rolls-Royce als Schutz?
Nach den bisherigen Ermittlungen folgte Moshammer an diesem Abend einer nicht ungewöhnlichen Laune. Es scheint zu den Gewohnheiten des Modeschöpfers gehört zu haben, mehrmals in der Woche auf die Suche nach jungen Männern zu gehen, immer mit einem seiner Rolls-Royces. Möglicherweise dachte er, daß die auffälligen Fahrzeuge Schutz genug wären vor der Gefahr, an den Falschen zu geraten. Auch auf seiner letzten Fahrt fiel Moshammers Rolls Royce Passanten und anderen Autofahrern auf - auch der junge Mann auf dem Beifahrersitz.
Herisch A. war 2001 aus dem Irak nach Deutschland gekommen. 2002 zog er nach München und lebte lange in einer Asylbewerberunterkunft, bis er eine kleine Wohnung fand. Moshammer soll in den vergangenen Jahren oft in der Nähe von Asylbewerberheimen auf der Suche nach jungen Männern gesehen worden sein. Inwieweit er auch Sexualkontakte mit Minderjährigen unterhielt, konnte die Polizei am Sonntag nicht sagen. In Zeitungsberichten wird behauptet, er habe sich unter anderem von einem Zuhälter einen vierzehn Jahre alten Jungen zuführen lassen.
Zwei Welten
Bei seiner Vernehmung durch die Polizei gab Herisch A. an, es sei unter Irakern in München bekannt gewesen, daß Moshammer beim Hauptbahnhof junge Männer angesprochen habe. Herisch A. arbeitete in München als Aushilfskoch. Er hatte einen Asylantrag gestellt und verfügte über eine gültige Aufenthaltserlaubnis. Nach den bisherigen Ermittlungen war er dem Spiel mit Automaten verfallen und hatte Schulden - bei seinem Vermieter und bei Freunden. Er war ein häufiger Gast in Spielsalons rund um den Hauptbahnhof.
In seiner Vernehmung klagte Herisch A. darüber, wie ungerecht es sei, daß er so wenig Geld gehabt habe, während andere so reich seien. In der Tatnacht begegneten sich zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Hier Mooshammer, der Prunk und Protz in der Öffentlichkeit zelebrierte, wie immer seine tatsächlichen Vermögensverhältnisse auch beschaffen sein mochten - dort der verschuldete Aushilfskoch.
Gekaufte Sexualpartner
Herisch A. will nur aus Geldnot zu Moshammer ins Auto gestiegen sein. Er habe eine Freundin und sei nicht homosexuell. Er habe sich auch nicht auf dem Männerstrich angeboten, sondern sei zufällig ohne eigene Initiative von Moshammer angesprochen worden. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Polizei war es nicht ungewöhnlich, daß Moshammer gekaufte Sexualpartner in sein Grünwalder Haus mitnahm und nicht andere Rückzugsmöglichkeiten nutzte, die er auch besaß.
Nach den Angaben von Herisch A. kam es nach den verabredeten sexuellen Handlungen im Haus Moshammers zu Streit. Der Modeschöpfer habe sich geweigert, die vereinbarten 2000 Euro zu zahlen und ihn hinauswerfen wollen; auch mit der Polizei habe er ihm gedroht. Darauf habe er ein Stromkabel, das auf einem Tisch gelegen sei, gepackt, habe es Moshammer um den Hals gelegt und zugezogen. Die Polizei berichtete am Sonntag, die Obduktion Moshammers habe ergeben, daß der Täter den Modeschöpfer blitzschnell stranguliert habe. Das Opfer konnte sich nicht mehr wehren: „Herr Moshammer hatte keine Chance.“
Ohne Beute nach Hause gefahren
Nach dem Mord durchsuchte Herisch A. den Toten, der in Straßenkleidung im ersten Stock lag. Er will dabei nichts gefunden und ohne Beute das Haus verlassen haben. Er sei zur nächsten Haltestelle gegangen und mit der ersten Straßenbahn am Freitag morgen nach Hause gefahren, gab er der Polizei zu Protokoll. Aus Angst vor einer Erkennung durch Zeugen versuchte Herisch A. nach der Tat, sein Aussehen zu verändern; er rasierte sich den Kopf.
Ob er einfach verdrängt hatte, daß es in einem Polizeicomputer einen Datensatz von ihm gab, der viel aussagekräftiger war als alle visuellen Merkmale, dürfte sich spätestens im Prozeß gegen ihn klären. Denn schon im vergangenen Jahr hatte die Staatsanwaltschaft gegen ihn zwei Mal ermittelt, wegen gefährlicher Körperverletzung und Vergewaltigung.
Die Verfahren wurden aber eingestellt, weil kein Schuldnachweis geführt werden konnte. Herisch A. hatte in einem der Verfahren aber freiwillig eine Speichelprobe abgegeben - und seither war sein DNA-Profil in der zentralen DNA-Datei gespeichert.
Umfassendes Geständnis
Als die Spurensicherer der Polizei in Moshammers Wohnhaus auf DNA-Spuren stießen, die vom Täter stammen mußten, war es nur eine Sache von Stunden, bis der Polizeicomputer den Namen von Herisch A. anzeigte. Am Samstag gegen 18 Uhr stand für die Polizei fest, daß der Iraker der Mörder Moshammers sein mußte. Auch der Wohnsitz war gespeichert. Ein Sonderkommando der Polizei rückte aus. Die Beamten mußten warten. Als Herisch A. gegen 22 Uhr seine Wohnung betrat, schlugen sie zu. Der Iraker ließ sich ohne Widerstand abführen. Noch in der Nacht legte Herisch A., der gebrochen Deutsch spricht und von einem Dolmetscher unterstützt wird, ein umfassendes Geständnis ab.
Oberstaatsanwalt Peter Boie sagte, nach derzeitigem Ermittlungsstand sei von einem heimtückischen Mord aus Habgier auszugehen. Noch im Laufe des Sonntags wurde Haftbefehl beantragt. Schon jetzt gebe es eine solide Grundlage für ein gerichtliches Verfahren, das hoffentlich noch in diesem Jahr stattfinden werde. Nach Angaben von Boie sei das Verhalten von Herisch A. nach der Festnahme sei von Selbstmitleid geprägt gewesen. Er habe darüber geklagt, daß er sich nichts leisten könne, während andere teure Autos hätten. Seine Schulden habe er offensichtlich einer Spielleidenschaft zu verdanken.