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Mordfall Marwa al-Scharbini Der vermummte Schweiger

26.10.2009 ·  Klar und gefasst hat der Ehemann der ermordeten Ägypterin Marwa al-Scharbini am Montag den Hergang der Tat geschildert. Dem Angeklagten wurde blanker Hass auf Nichteuropäer und Moslems vorgeworfen. In Ägypten wird der Prozess aufmerksam verfolgt.

Von Jan Hauser, Dresden
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Alex W. will nicht gesehen werden, nichts sagen, am liebsten würde er wohl auch nichts hören. Mit Sonnenbrille, Mütze und der Kapuze seines blauen Pullovers auf dem Kopf wird der Angeklagte in den Gerichtssaal geführt. Er dreht sich weg von den drei Fernsehkameras und den Fotografen im Gerichtssaal, setzt sich auf einen Stuhl und ist nicht zu erkennen. Als die Verhandlung beginnt, ermahnt ihn die Richterin, sich zu zeigen. Sie spricht von der Würde der Frau, wegen deren Tötung er vor dem Landgericht in Dresden angeklagt wird. Seine Anwälte reden mit ihm. Er nimmt Mütze und Kapuze ab, lässt aber die Sonnenbrille auf. Die Richterin droht ihm ein Ordnungsgeld an: „Wollen Sie sich nicht das auch noch mal überlegen?“ Er sehe sich gefährdet und wolle nicht erkannt werden, sagt sein Anwalt. Die Richterin verhängt ein Ordnungsgeld von 50 Euro.

Der zurückhaltende Auftritt des Alex W. steht in eigenartigem Gegensatz zu seinem aggressiven Verhalten im Sommer. Nur wenige Minuten dauerte das, was er begangen haben soll. Der 32 Jahre alte Elway Okaz redet vor Gericht ruhig und gefasst davon. Zuerst dachte er, dass der Mann seine Frau mit der Faust schlage. Er ließ die Hand seines Sohnes los und wollte ihr helfen. Seine Frau ging zu Boden. Okaz bemerkte, dass der Mann ein Messer in seiner Hand hielt. Mit dem 18 Zentimeter langen Küchenmesser stach er auch auf ihn ein. Okaz fiel und stand wieder auf. Die Tür wurde geöffnet, er ging für drei Sekunden heraus, dann wieder hinein. Der Täter wartete auf ihn. Ein Polizist kam, richtete seine Waffe auf Elway Okaz und traf ihn. Er ging noch ein paar Schritte, sackte dann aber zusammen und wurde bewusstlos.

„Er vermisst seine Mutter“

Das geschah am 1. Juli gegen 10.20 Uhr. Mindestens 16 Mal soll Alex W. auf die 31 Jahre Ägypterin Marwa al Scharbini mit dem Messer eingestochen haben, in die Brust, in den Bauch und an die Arme. Sie war im dritten Monat schwanger und starb noch am Tatort, einem Saal im Landgericht Dresden - gerade hatte sie eine Zeugenaussage beendet. Ihr Mann Elway Okaz wurde reanimiert, ins künstliche Koma versetzt und hat überlebt. Dem drei Jahre alten Sohn ist äußerlich nichts geschehen, er lebt derzeit bei Verwandten in Ägypten. „Er vermisst seine Mutter. Er leidet sehr darunter“, sagt Okaz. In den Gerichtssaal geht er auf Krücken, in blauer Jeans und im dunklen Kapuzenpullover mit einem runden Anstecker, das das Bild seiner Frau zeigt, wie ihn auch andere an diesem Tag im Gericht tragen. Während der Verhandlung hat Okaz seinen Rücken leicht gekrümmt, die Krücken vor ihm, die Hände im Schoß. Er schaut zum jeweiligen Redner, verfolgt alles, unterhält sich kurz mit seinem Anwalt neben ihm.

Wegen Mordes, versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung wird der 28 Jahre alte Alex W. angeklagt. Vor Gericht will er nichts sagen. Er schweigt während des ersten Verhandlungstages beharrlich. Die Richterin fragt ihn nach seinen Namen. Er sagt nichts. Die Richterin bittet ihn zu nicken. Ist er Alex W., geboren 1980 im russischen Perm, ledig, keine Kinder? „Ich kann auch ihre Mutter oder Ihre Schwester hier vorladen, um zu fragen, ob Sie Kinder haben“, sagt die Richterin. Er reagiert nicht. „Gut, dann werden wir das so machen.“

Auf einem Spielplatz in Dresden trafen sich das spätere Opfer und der Angeklagte das erste Mal. Er saß auf einer Schaukel, sie fragte ihn, ob er Platz für ihren Sohn machen könne, damit er schaukeln könne. Nein, sagte Alex W., das werde er nicht tun. So erzählt es Elway Okaz vor dem Gericht: „Wenn er die Schaukel nutzt, wird er ihn bis in den Tod schaukeln.“ Dann tobte Alex W., schimpfte und nannte sie „Islamistin“ und „Terroristin“. Ein anderer Mann kam hinzu, um ihn zu beruhigen, sie rief die Polizei. Alex W. wurde wegen Beleidigung angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Er sah nicht ein, dass er falsch gehandelt hatte und legte Berufung ein. Auch die Staatsanwaltschaft ging in Berufung, weil er für seine Uneinsichtigkeit zu milde verurteilt worden sei. Am 1. Juli hatte Marwa al Scharbini in dem Verfahren gerade als Zeugin ausgesagt und wollte das Gericht wieder verlassen. Da nahm Alex W. das Küchenmesser und stach auf die Ägypter ein.

„Vertrauen ins deutsche Rechtssystem“

„Das Verfahren wird nicht vor einer Staatsschutzkammer verhandelt“, sagt die Richterin eingangs. Es sei kein politisches Verfahren, auch wenn es politische Folgen habe. Der Tod von Marwa al Scharbini hat für Aufsehen in der arabischen Welt gesorgt und wird besonders dort intensiv verfolgt. 20 Journalisten arabischer Medien berichten aus dem Landgericht, die Sicherheitsvorkehrungen sind groß. Schon um sieben Uhr wartet ein halbes Dutzend Besucher vor dem Gericht. Die sie umlagernde Presseschar ist größer. Einige Dresdener sind darunter, die sich - wie eine Jura-Studentin - für den Fall interessieren. Hinten in der Schlange stehen zwei Freunde der Toten, die ebenfalls aus Ägypten stammen. Der eine, Doktor der Physik, lebt in Dresden, der andere ist aus Bremen angereist, lebt seit 15 Jahren in Deutschland und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. „Wir haben ein hohes Vertrauen in das deutsche Rechtssystem“, sagt er. Wenn das Urteil sie nicht befriedige, werden sie legale Schritte unternehmen. Das sei breiter Konsens unter den Deutsch-Ägyptern. Nach und nach kommen mehr Besucher und Journalisten. Ins Landgericht können nur etwa 40 Besucher sowie Verfahrensbeteiligte und Journalisten kommen. Alle müssen barfuß durch eine Sicherheitskontrolle. Die Schuhe werden werden mit Jacken, Rücksäcken und Geldbeutel durchleuchtet. Wasserflaschen müssen abgegeben werden. „So einen Sicherheitsaufwand hat es in Dresden noch nie gegeben“, sagt ein einheimischer Journalist. 200 Polizisten sichern das Gerichtsgebäude ab.

Mit im Zuschauerraum des Gerichtssaals sitzt auch Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland. „Wir haben den Prozess als Auftakt gesehen, der zeigt, dass man einen fairen und gerechten Prozess führen wird.“ Ähnlich sieht es Ägyptens Botschafter in Deutschland, Ramzy Ezzeldin Ramzy. Er habe keine Überraschungen gesehen, sagte er. „Wenn das Verfahren so weitergeht, wird es bald zu einem Urteil kommen.“ Der Antrag der zwei Verteidiger, das Verfahren an einem anderen Ort mit anderen Richter fortzusetzen, wird abgelehnt. Sie begründen dies damit, dass die Richter den Tatort kennen und dort als Richter gesessen hätten, sowie damit, dass sie die Richter und Gerichtsmitarbeiter kennen, die den Mord beobachtet haben und als Zeugen aussagen werden. Nach Angaben der Richter haben sie nur ein kollegiales Verhältnis zu den Zeugen, die sie kennen.

Elway Okaz hat Schmerzen in der Fußsohle und wird noch ein drittes Mal operiert werden. Ob er dann wieder richtig gehen kann, ist nach Aussagen der Ärzte noch nicht klar. Derzeit wohnt er noch in Dresden, aber er will die Stadt verlassen. Der letzte Verhandlungstag ist für den 11. November angesetzt.

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Jahrgang 1983, Redakteur in der Wirtschaft.

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