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Mord in Ludwigsfelde Mutti ist nicht da

Gut 18 Jahre war Heinrich S. ein beliebter Bürgermeister. Dann fand man seine Frau Brigitte tot im Wald. Nun ist er des Mordes angeklagt. Und selbst sein Sohn fragt sich: Wer ist dieser Mann?

© Jens Gyarmaty Vergrößern Tatort: In einem Wäldchen am südlichen Stadtrand von Ludwigsfelde wurde Brigitte S. erdrosselt und neben ihrem Hund Ursus unter Laub verscharrt

Beinah fünf Stunden hat Matthias S. im Zeugenstand des Landgerichts Potsdam gesprochen. Er hat die vergangenen zehn Monate geschildert, jede Erinnerung, jedes Detail, das dem Richter helfen könnte, diesen Mordfall zu lösen, das ihm selbst helfen könnte, die Trümmer seiner Welt zu ordnen. Matthias S. ist Bauingenieur, 48 Jahre alt, ein pragmatischer, bodenständiger Typ. Er ist der Sohn des Opfers, das erdrosselt und im Wald verscharrt wurde. Er ist der Sohn des Angeklagten, der hier im Schwurgerichtssaal keine drei Meter links von ihm sitzt: Heinrich S., 69, früherer Bürgermeister von Ludwigsfelde bei Berlin. Während seiner Aussage sieht Matthias S. kein einziges Mal hinüber, und am Ende ruft er dem Richter fast flehend zu: „Ich will endlich wissen, was passiert ist. Ich will wissen, wann, wie, wo und warum meine Mutter ermordet wurde und was mit meinem Vater los ist.“

Stefan Locke Folgen:  

Seit dem 30. Dezember des vergangenen Jahres existiert die Welt nicht mehr, wie Matthias S. sie kannte. Seit jenem Tag martern ihn die Fragen.

“Mutti ist nicht da, der Hund ist nicht da, das Auto ist nicht da, weißt du irgendwas?“, hat ihn sein Vater am Abend zuvor am Telefon gefragt. Matthias S. muss an diesem Tag Notdienst in seiner Firma schieben, zum ersten Mal seit Jahren ist er deshalb über die Feiertage mit seiner Frau und den Kindern zu Hause in Solingen geblieben und nicht zu den Eltern nach Ludwigsfelde gefahren. Er schläft kaum in dieser Nacht, in der 500 Kilometer weiter nordöstlich Polizisten und Hubschrauber mit Wärmebildkameras nach seiner Mutter suchen. Am nächsten Morgen fährt er selbst los, am frühen Nachmittag erreicht er Ludwigsfelde.

Wer tut so etwas?

“Komm, wir wollen gleich los, nochmal mit Christian im Wald suchen“, sagt der Vater. Christian U. ist Tierarzt, ein Freund der Familie, der auch den Cockerspaniel Ursus, der gemeinsam mit der Mutter verschwunden ist, gut kennt. Zu dritt fahren sie zu dem Wald, in dem Brigitte S. fast täglich zwischen 12 und 13 Uhr mit Ursus spazieren gegangen ist. Sie stapfen durch Laub und Unterholz, sie sehen Müll und alte Turnschuhe, aber sonst ist da nichts. „Das ist doch völliger Irrsinn, was wir machen, hier ist nichts zu finden“, sagt der Sohn nach einer knappen Stunde. Der Tierarzt will die Suche abbrechen, doch der Vater drängt weiter.

Mord in Ludwigsfelde - der ehemalige Bürgermeister von Ludwigsfelde Heinrich Scholl soll seine Frau getötet haben und steht in Potsdam vor Gericht © Jens Gyarmaty Vergrößern Verlassen: Seit S. verhaftet worden ist, steht das Haus der Familie leer

Über einen Sandweg gelangen sie in den nächsten Wald, das Laub raschelt, und plötzlich, auf einem kleinen Hügel, entdeckt Matthias S. zwei Schuhe, ein Paar schwarze Slipper, sauber und ordentlich nebeneinander, nur mit ein paar Blättern und Nadeln darin. „Ja, das sind Muttis Schuhe“, sagt der Vater. „Da muss sie doch hier irgendwo sein!“, schreit der Sohn. Und dann sieht er hinter einem Baum zwei Füße mit schwarzen Söckchen aus dem Waldboden ragen und rechts daneben, unter einem kleinen Laubhaufen, schimmert rötliches Fell.

Die Obduktion dauert Tage, so übel ist die Frau zugerichtet. Wer tut so etwas? fragt sich Matthias S. War es Raubmord? Hat sie Drogendealer oder Autoschieber überrascht? Hatte sie Feinde? Antworten erhofft er sich vom Vater, doch der redet nicht, schon gar nicht über die Mutter. „Es war überhaupt kein Rankommen an ihn, er machte total zu.“ Am Morgen nach der schrecklichen Entdeckung fühlt sich Matthias S. völlig allein in seinem Elternhaus. „Mutti war nicht da, sie fehlte mir, und Vater redete kein Wort.“ Die bedrückende Stille wird nur von der Polizei unterbrochen, die das Auto der Mutter unversehrt in der Stadtmitte gefunden hat, und am Abend von zwei Freunden, die mit dem Ehepaar zur Silvesterfeier verabredet sind.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt

Am Neujahrstag versucht es Matthias S. abermals. „Du, wir müssen doch mal reden“, sagt er zum Vater. „Aber da war nichts, kein Wort über Mutti.“ Stattdessen macht Heinrich S. seine Steuererklärung. Am nächsten Vormittag rufen Vater und Sohn die Kundinnen an, die Termine bei der Mutter haben, die ein Kosmetikstudio führte. Matthias S. liest die Nummern vor, sein Vater telefoniert. „,Sie brauchen nicht mehr zu kommen, Frau S. ist tot.’ Das lief alles so sachlich ab, so emotionslos“, sagt der Sohn vor Gericht. Als er am 5. Januar zurück nach Solingen fährt, ruft ihn sein Vater auf dem Handy an, er habe sich von Mutti verabschiedet und sich bei ihr entschuldigt. „Entschuldigt?“, fragt der Sohn.

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