Tausende genossen den Strand von Terracina zwischen Neapel und Rom, es war noch nicht 17 Uhr am Donnerstag. Sie dösten auf ihren Liegestühlen, da erhielt einer von ihnen - er hatte Prothesen statt Hände - offenkundig einen Anruf. Der Mann ging von seinem Sonnenschirm zur Straße, und kaum war er dort angekommen, wurde er mit zahlreichen Schüssen niedergestreckt. Panik brach aus, aber Minuten später schon standen die Schaulustigen um den Toten in der Blutlache herum. Zwei Attentäter seien in einem weißen Wagen davongefahren, sagten sie bei der Polizei aus. Der Tote habe sein Handy noch in der Kunsthand gehabt, als ihn die ersten Schüsse trafen.
So endete das Leben des 48 Jahre alten Gaetano Marino vom Clanverbund der Scissionisti di Secondigliano, einem Zweig der neapolitanischen Mafia. Die Scissionisti werden oft auch die „Spanier“ genannt, weil sie auf den Verkauf von Kokain aus Spanien spezialisiert sind. Gaetano Marino hatte offenbar mit Frau, Tante, Tochter und anderen Familienmitgliedern Ferien machen wollen. Es ist selten, dass die Mafia bei Tageslicht an einem öffentlichen Strand mordet.
Über den Hintergrund der Tat wurde auch am Freitag nur spekuliert, obwohl nach Radioberichten ein Täter gefasst wurde. Marinos Vater war 2005 erschossen worden. Sein älterer Bruder Gennaro sitzt zu lebenslanger Haft verurteilt im Gefängnis. Marino hatte auch schon eine Haftstrafe verbüßt, wegen Rauschgifthandels. Vielleicht ist eine alte Fehde mit dem Di-Lauro-Clan von 2004 wiederaufgelebt. Vielleicht gingen Marinos „Interessen seit der Entlassung aus der Haft in eine andere Richtung“, als es seine Bosse wollten, schrieb der „Corriere della Sera“.
Der Camorra-Jäger Roberto Saviano hatte schon im Februar den Fernsehsender Rai2 kritisiert, der Marinos Tochter bei einem Wettbewerb singen ließ: „Du bist der beste Vater der Welt und sollst so bleiben.“ Dann durfte Marino nach vorn, und das Töchterlein herzte ihn.
Italien? Eu?
Klaus Letis (odysseus_8)
- 25.08.2012, 18:07 Uhr