Home
http://www.faz.net/-gus-rz4u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Modellprojekt Kinderschutz beginnt schon auf der Entbindungsstation

24.02.2006 ·  Um Kindesmißhandlung wirksam bekämpfen zu können, bedarf es einer Zusammenarbeit vieler Akteure: In einem neuen Projekt werden deshalb Experten unterschiedlicher Fachrichtungen vernetzt.

Von Martina Lenzen-Schulte
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Als Wilfried Kratzsch 1980 in London den Kongreß „Child Abuse“ besuchen wollte, mußte er sich fragen lassen, was er als Kinderneurologe mit Kindesmißhandlung zu tun habe. Daß Ärzten auf diesem Gebiet eine wichtige Präventivfunktion zukommt, wurde zwar schon damals von Eingeweihten nicht bestritten. Bis Kratzsch aber am Kinderneurologischen Zentrum der Städtischen Kliniken in Düsseldorf ein Modellprojekt zur möglichst frühen Erfassung von hochgefährdeten Kindern auf den Weg bringen konnte, dauerte es noch 25 Jahre. Auf einer Fachtagung in Dortmund erläuterte Kratzsch, warum man die Schutzschilde bereits in Stellung bringen muß, wenn das Kind noch im Mutterleib wohlbehütet scheint.

Schwerste Kindesmißhandlungen und Vernachlässigungen - die jüngste Verurteilung der Eltern des 2001 in Cottbus verhungerten Dennis (s. auch Lebenslange Haft für Eltern von Dennis) zeugen von den traurigen Schicksalen - machen deutlich, daß dies nicht plötzliche Affekthandlungen sind. Vielmehr müssen die Kinder meist jahrelang Qualen erdulden. Wenn sie durch Versagen in der Schule oder durch Drogengebrauch auffällig werden, sind bereits viele Chancen vertan. Dabei ließen sich solche Schicksale in durchschnittlich 80 Prozent der Fälle vorhersagen. Armut, Drogenkonsum und schwere psychische Erkrankungen der Eltern können das Risiko einer Vernachlässigung oder Mißhandlung vervielfachen. Gefährdet sind die Kinder auch, wenn die Mutter besonders jung ist oder mehrere Vorschulkinder zu versorgen hat. Wurde sie selbst mißbraucht oder lebt sie mit einem gewalttätigen Partner zusammen, erhöht das die Gefahr zusätzlich.

Prävention beginnt auf der Entbindungsstation

In dem von Kratzsch initiierten Projekt beginnt die Prävention schon auf der Entbindungsstation. Liefert der Mutterpaß etwa Hinweise auf Alkoholmißbrauch, ist das ein erstes Warnsignal. Wenn die Wöchnerin am Neugeborenen nicht interessiert ist, auffällig negative Bemerkungen über das Kind macht oder keinerlei Besuch erhält, so sollte das zum Anlaß genommen werden, die Familie nach Verlassen der Klinik zunächst über die Hebamme und dann über den Kinderarzt nachhaltig zu unterstützen. Wenn sie in der Folgezeit über ein häufig schreiendes Kind klagt oder nicht zu den Vorsorgeuntersuchungen erscheint, so müsse man notfalls die Familie zu Hause aufzusuchen, damit nicht das Kind in den Abgründen ungeklärter Zuständigkeiten verschwinde.

In Düsseldorf zählen zu dem Netzwerk, das Risikofamilien aus derzeit drei Geburtskliniken von Anfang an begleitet, inzwischen Frauenärzte, Hebammen, Kinderärzte, das Kinderneurologische Zentrum, Ärzte des Gesundheitsamtes und Mitarbeiter des Jugendamtes sowie anderer Institutionen der Jugendhilfe. 29 Kinder wurden seit Mitte vergangenen Jahres in die engmaschige Betreuung aufgenommen. Kratzsch nannte das Beispiel einer alkoholkranken Mutter, die nach der Geburt rückfällig geworden war, das Kind nicht mehr zum Arzt brachte und mit dem Säugling in Kneipen unterwegs war. Hier sorgte das Frühwarnsystem dafür, daß dieser Notstand der Aufmerksamkeit der Betreuer nicht entging. Geplant ist, solche Kinder so lange nicht aus den Augen zu lassen, bis im Kindergartenalter eine andere Institution den regelmäßigen Kontakt sicherzustellen vermag.

Sensiblisierung der Kinderärzte

Das Düsseldorfer Projekt steht beispielhaft für zahlreiche andere Modelle, zu denen zum Beispiel auch „Schreiambulanzen“ zählen. In den ersten Lebensmonaten sind die Schwierigkeiten für die Eltern und daher auch die Gefahren für das Kind am größten. Werden die Säuglinge aus Wut heftig geschüttelt, kann das zu Hirnschäden und sogar zum Tod führen. Reiner Frank von der Poliklinik der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilian-Universität München erläuterte in Dortmund, wie auch Kinderärzte künftig sensibler auf frühe Warnhinweise achten können. Nicht nur das womöglich noch enger zu knüpfende Netz der Vorsorgeuntersuchungen liefere hierfür eine Basis. Auch sollten sich die Ärzte gerade jene Kinder genau ansehen, die oft als Notfälle nachts mit nicht zu beruhigendem Schreien oder wegen Schwierigkeiten mit dem Füttern vorgestellt werden.

Vor überzogenen Erwartungen warnte Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut in München. Zu bedenken sei einerseits, daß es bei etwa einem Fünftel der als risikobehaftet eingestuften Familien auch ohne Eingreifen nie zu einer Mißhandlung käme, man also bei allem Enthusiasmus die betroffenen Eltern nicht diskreditieren dürfe. Zum anderen benötigten wir dringend verläßliche Erkenntnisse darüber, welche Maßnahmen denn eigentlich bei Risikofamilien am besten griffen. Helfe eher die Verbesserung der Umgebungsfaktoren, zum Beispiel von schlechten Wohnverhältnissen, oder ein Training der Eltern, das darauf zielt, aggressives Verhalten abbauen zu lernen? Alle Bestrebungen, jetzt andernorts schon praktizierte Verfahren nach Deutschland zu transportieren, müßten daher von wissenschaftlicher Überwachung der Ergebnisse begleitet sein.

Aggressives Verhalten der Kinder

Wie schwierig das ist, erläuterte Friedrich Lösel vom Institute of Crimonology in Cambridge. Kinder aus Hochrisikofamilien sind nicht nur gefährdet, mißhandelt oder vernachlässigt zu werden. Häufig werden sie bereits früh wegen ihres oft aggressiven Verhaltens auffällig und rutschen in eine kriminelle Karriere ab. Derzeit sprießen Angebote zum Eltern- und Kindertraining für solche Fälle wie Pilze aus dem Boden und wecken oft falsche Hoffnungen. Tatsächlich seien die festgestellten Verbesserungen nicht so groß, wie man sich das manchmal wünsche. Zu den am besten überprüften Programmen zur Unterstützung der Erziehung schwieriger Kinder zählen „Effekt“, das noch von Lösel in seiner Zeit an der Universität Erlangen erarbeitet wurde, das „Pep“-Programm aus der Arbeitsgruppe von Manfred Döpfner an der Kinderpsychiatrischen Universitätsklinik in Köln sowie „Triple P“ aus Australien, das am Psychologischen Institut der Technischen Universität Braunschweig an deutsche Verhältnisse angepaßt wurde.

Angesichts der Versäumnisse, die viele der schlimmsten Mißhandlungsfälle kennzeichnen, appellierte Ludwig Salgo vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Frankfurt an alle Beteiligten, im Zweifel nicht das Kindeswohl für ein ideologische Immunität genießendes Elternrecht zu opfern. Wenn alle Versuche fehlschlügen, gemeinsam mit den Eltern schwierige familiäre Verhältnisse zu verbessern, so könne manchmal die Rettung des Kindes nur durch Trennung von den Eltern gewährleistet sein.

Quelle: F.A.Z., 24.02.2006, Nr. 47 / Seite 36
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen