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Missbrauchsskandal „Ich mag Dich. Gehen wir in den Wald?“

19.10.2010 ·  Ein Heimleiter hat sich einem 13 Jahre alten Mädchen genähert. Die Sendung „Tatort Internet“ deckt dies auf und zeigt die Abgründe des Cybergrooming. Es rührt an einer rechtlichen Grauzone.

Von Karin Truscheit, München
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Was ist so schlimm an einem Kuss auf den Bauchnabel? Nur ein wenig Kuscheln, grins, grins. Ist doch nichts dabei, einfach nur Freunde sein. Da macht es doch auch nichts, wenn durch 48 Jahre Altersunterschied die Freundschaft ein wenig Schlagseite bekommt.

Für einen 61 Jahre alten Mann war dies offenbar kein Problem. Der Mann, Leiter eines Kinderdorfes der Caritas Würzburg, hatte sich in einem Chat im Internet einer Dreizehnjährigen als Pädagoge vorgestellt. Schnell ging es um Schmusen, Kuscheln, „sich lieb haben“. Der Mann schlug ein Treffen mit dem Mädchen in München vor, da er dann sowieso auf dem Kirchentag sei. Bald darauf das erste Treffen in einem Café. Man plauderte über Kinderheime und Übernachten im Gästezimmer. Das Mädchen erzählt, dass die Eltern nicht da wären. Der Mann soll im Gästezimmer übernachten. Dann steht das Mädchen plötzlich auf und geht, stattdessen setzt sich eine erwachsene Frau zu dem Mann – und gibt sich als die Mutter aus.

Was der Mann noch nicht weiß: Das Mädchen ist mindestens 18, die „Mutter“ ist Journalistin, und gefilmt wurde er auch schon die ganze Zeit. Das war im Mai 2010. Fünf Monate später, am 11. Oktober, war die Café-Szene beim Sender RTL 2 in der Serie „Tatort Internet“ zu sehen. Hier werden die Abgründe des „Cybergrooming“ gezeigt - wie erwachsene Männer in Chat-Foren das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen erschleichen. Oft mit eindeutigen sexuellen Belästigungen, oft mit dem Willen, die Kinder zu einem Treffen zu überreden. Für die Sendung hat das Team um die Journalistin Beate Krafft-Schöning „Lockvögel“ in Chats plaziert, die – alle unter 14 Jahren – sehr schnell von Erwachsenen kontaktiert wurden. Der Mann, der so gerne auf den Bauchnabel küssen würde, wurde in der Café-Szene stark verpixelt und mit verzerrter Stimme gezeigt. Doch drei Tage später war er enttarnt. Ein Mann hatte den Beitrag auf Youtube gesehen und sofort einen Bekannten angerufen, der in einer ähnlichen Einrichtung arbeitet. „Du bist das doch nicht etwa?“

Mutmaßlicher Täter verschwunden

Der Mann war es nicht, kannte aber jemanden, der auch Leiter eines Kinderheimes war. Dieser wiederum hatte dann einen Kollegen aus Würzburg in Verdacht. Schnell wurde die Geschäftsleitung informiert. Clemens Bieber, Vorsitzender des Caritasverbandes der Diözese Würzburg, suchte den Mann noch am vergangenen Donnerstag auf und konfrontierte ihn mit dem Video. „Er hat alles zugegeben.“ Auch habe er gesagt, dass er nur aus „Mitleid“ mit dem Mädchen Kontakt aufgenommen habe. Das seien aber sicher vorgeschobene Gründe. Der Mann wurde sofort suspendiert, ein Auflösungsvertrag wurde aufgesetzt. „Jemand, der in einem solchen sensiblen Bereich arbeitet, kann dort nach einem solchen Vorfall nicht bleiben“, sagt Bieber. Seit dem Gespräch ist der Mann verschwunden. Auch am Dienstag gab es noch kein Lebenszeichen von ihm.

Unterdessen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Würzburg wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern gegen den Mann. Die Caritas hatte sie umgehend nach dem Gespräch eingeschaltet. Um einen konkreten Fall gehe es zwar nicht, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, aber sein Verhalten lasse nicht ausschließen, dass es zu anderen Vorfällen gekommen sei. Doch das, was im Fernsehen bei „Tatort Internet“ gezeigt wurde, sei „strafrechtlich nicht relevant“.

Genau deshalb hat RTL 2 nach eigenen Angaben auch die Caritas nicht früher informiert. So komme die Weitergabe der Daten an den Arbeitgeber einer Verleumdung und übler Nachrede gleich, wie Udo Nagel sagt, Moderator der Sendung und ehemaliger Innensenator und Polizeipräsident von Hamburg. Inzwischen hat RTL 2 allerdings angekündigt, künftig den Arbeitgeber doch zu informieren, falls der Mann in einem Bereich mit Kindern arbeitet. „Warum hat uns RTL nicht viel früher informiert, wenn ihnen der Kinderschutz so wichtig ist?“, fragt Bieber. Es hätte ja wirklich etwas passieren können in der Zeit.

Von „Pranger“ über „Bürgerwehr“

Es ist diese rechtliche Grauzone, die die Serie „Tatort Internet“ in die Kritik geraten ließ. Von „Pranger“ über „Bürgerwehr“ bis „Methoden vom Ku-Klux-Clan“ lauten die entsprechenden Urteile der Medien. Doch letztlich macht die Sendung nur drastisch deutlich, was in Kuschel-Foren alles so kreucht und fleucht. Da kommt eine Ausschuss-Sitzung des Bundestages zum Thema Kindesmissbrauch (die auch in der Sendung gezeigt wird) sicher seriöser daher. Deren Botschaft erreicht aber nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie die verdeckt gefilmte Szene in einer Berliner Wohnung, wenn ein 52 Jahre alter Mann einem ihm aus dem Chat bekannten, vermeintlich 13 Jahre alten Jungen das Handling eines Kondoms erklärt. Zuvor hatte der Mann schon im Chat ohne Zimperlichkeit über Sexualpraktiken geplaudert.

Bei RTL 2 und der Produktionsfirma der Sendung, Diwafilm, hat man sich nach eigenen Angaben vorher genau über die strafrechtliche Relevanz informiert: „Wir haben im Frühjahr mit der Generalstaatsanwaltschaft München und mit dem Landeskriminalamt gesprochen, wann und wie wir die Daten weiterleiten“, sagt Udo Nagel. Abgesprochen sei gewesen, dass die Daten und Klarnamen nach der Sendung an das LKA übergeben würden. Dort werde dann geprüft, ob Ermittlungen eingeleitet werden könnten. So komme es natürlich immer auf Einzelheiten an, doch im Prinzip lautete der Tenor: „Es ist nicht strafrechtlich relevant.“ Künftig wolle man aber schon am Donnerstag vor Ausstrahlung der Sendung am Montag die Strafverfolgungsbehörden informieren.

Darüber hinaus seien die Persönlichkeitsrechte der gezeigten Männer stets gewahrt gewesen – durch Pixelung und Stimmenverzerrung. So war auch der Name des Bundeswehr-Soldaten in der Sendung nur als „xxx“ zu erkennen, da er sich mit seinem richtigen Namen in Chat-Foren tummelte. Der Mann hatte dem Mädchen, einem dreizehnjährigen Lockvogel, im Chat erzählt, was das Mädchen mit ihm alles machen sollte, wenn sie endlich alleine im Wald seien. Denn dahin wollte er mit ihr fahren. „Dort gibt es nichts als Pampa, Pampa, Pampa“, sagte er zu ihr während des gefilmten Treffens.

Kein Unrechtsbewusstsein

In der Sendung, die als so „trashig“ geziehen wird, melden sich neben Professoren für forensische Psychiatrie oder Kriminalbeamten unter anderem auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière oder der Präsident des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke zu Wort. „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“, sagt de Maizière. Das ist er offenbar für zahllose Männer, die viel Zeit investieren, um in den einschlägigen, von Kindern besuchten Chatforen wie spin.de oder knuddels.de herumzustreunen. Dutzende Eltern und Lehrer hätten sich bei dem Sender gemeldet, heißt es bei RTL 2. „Vielen ist es nicht bewusst gewesen, was da in den Foren passiert.“

Dutzende Schulen haben überdies Schulungs-Material angefragt, der Sender fertigt nun eine DVD zu dem Thema an. Auch der Bund deutscher Kriminalbeamte (BDK) nimmt die Sendung gegen Kritik in Schutz: „Es ist wichtig, dass sich ein Sender dieses Themas annimmt und Eltern auf die Gefahren im Netz hingewiesen werden“, sagt BDK-Sprecher Bernd Carstensen. Der BDK sei schon öfter an andere Sender, gerade auch die öffentlich-rechtlichen, herangetreten: „Aber die haben immer nur abgewunken.“ Nicht aktuell oder schwer darstellbar. „Wir wollen zeigen, dass es passiert. Und dass es sehr oft passiert“, sagt Nagel. Bald stünde auf EU-Ebene eine Entscheidung darüber an, ob das Cybergrooming als neue Straftat in die Gesetzgebung aufgenommen werden solle. „Hier gibt es eine Chance, endlich Klarheit zu schaffen und eine rechtliche Handhabe zu erwirken.“

Denn das Unrechtsbewusstsein ist offenbar leicht zu unterdrücken. Der Leiter des Kinderdorfes aus Würzburg hatte auch nachdem er von der „Mutter“ des Kindes zur Rede gestellt wurde, in einem Chat-Forum wieder Kontakt zu dem „Mädchen“ aufgenommen.

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Jahrgang 1969, Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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