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Missbrauch von Waisenkindern Der Schrecken im unfrommen Haus

07.02.2009 ·  30 Jahre wurden Waisenkinder in dem Kinderheim einer staatlichen Wohltätigkeitsorganisation missbraucht. Was in Lissabon hinter den Türen der „Casa Pia“ passierte, ähnelt den Szenen eines Horrorfilms. Nun ist das Prozessende in Sicht.

Von Leo Wieland, Lissabon
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Die „Casa Pia“ ist in einem der feinsten Viertel von Lissabon gelegen. Hier, in Belém, zählen das berühmte Jerónimos-Kloster und die Residenz des portugiesischen Staatspräsidenten zu den Nachbarn. Was indes länger als 30 Jahre hinter verschlossenen Türen in dem Kinderheim einer staatlichen Wohltätigkeitsorganisation vor sich ging, spottet der feinen Umgebung. Hier soll ein Aufseher namens Carlos Silvino da Silva, Spitzname „Bibi“, erwachsenen Männern aus der Elite des Landes Waisenjungen zugeführt, diese selbst missbraucht und gelegentlich auch zu Orgien außerhalb nach Elvas nahe der spanischen Grenze gebracht haben.

Vor einem Gericht in der Hauptstadt halten Staatsanwälte und Verteidiger in diesen Tagen ihre Schlussplädoyers. Mit den für die nächsten Wochen erwarteten Urteilen wird nach vier Jahren das längste und zäheste Verfahren in der Geschichte der portugiesischen Demokratie zu Ende gehen. Es ist zugleich eine Bewährungsprobe für die Justiz eines Landes, der gerade auch in diesem Kontext Verschleppung, Vertuschung und Beihilfe zur Verjährung vorgeworfen wurde.

Schuld und Schicksal

Drei Richter unter dem Vorsitz von Ana Peres werden über Schuld und Schicksal von sieben Angeklagten bestimmen, für die allesamt Strafen von jeweils mehr als fünf Jahren gefordert wurden. Mehr als 1000 Zeugen wurden gehört. Nur einer der Angeklagten, jener „Bibi“, der angab, als Kind am gleichen Ort selbst missbraucht worden zu sein, ist geständig. Die anderen, schwer belastet von Opfern, die inzwischen vom Staat Entschädigungen von bis zu 50.000 Euro erhalten haben, leugnen - und hoffen unverändert davonzukommen.

Zu ihnen zählen der ehemals beliebteste Fernsehmoderator Portugals, der inzwischen 66 Jahre alte Carlos Cruz, der ehemalige Botschafter Jorge Marques de Leitão Ritto (72), der Arzt Ferreira Diniz (54), der ehemalige Direktor der Casa Pia Manuel Abrantes (54), der Rechtsanwalt Hugo Marcal (48) und Gertrudis Nunes (66), die „Puffmutter“ aus Elvas. In der Liste fehlt ein Politiker, der in dieser Angelegenheit vier Monate in Untersuchungshaft saß, der frühere sozialistische Arbeitsminister Paulo Pedroso. Er beteuerte seine Unschuld. Wegen einer möglichen Verwechslung hielt das Gericht die Indizien und Zeugenaussagen nicht für stichhaltig. So konnte er seinen Sitz im Parlament wieder einnehmen.

Material für Pornofilme

Die pädophilen Machenschaften sollen bis in die sechziger Jahre zurückreichen, als Portugal noch von Diktator Salazar regiert wurde. Von Interesse für das Gericht sind nun aber die vergangenen drei Jahrzehnte nach der „Nelkenrevolution“ von 1974 und besonders die Fälle nach 1995, die nach dem Strafrecht unzweifelhaft noch nicht verjährt sind. Der Skandal wurde erst im Jahr 2002 öffentlich, als ein ehemaliger Heimjunge der Journalistin Felicia Cabrita von seinen unfreiwilligen Begegnungen mit „Bibi“ erzählte. Sie breitete den Fall in der Wochenzeitschrift „Expresso“ aus. Zuvor hatte es wiederholt Anzeigen, Beschwerden und Hinweise gegeben. Aber die Justiz hörte allem Anschein nach weg. Gerichtsakten verschwanden oder wurden vernichtet, die Untersuchungen eingestellt. Und als „Bibi“ einmal im Jahr 1989 wegen Missbrauchs seiner Schützlinge angeklagt wurde, führte das zu nichts. Er, der zuletzt offiziell Gärtner war, wurde nach einer Klage auf Wiedereinstellung zum Chauffeur ernannt.

Doch nach dem Zeitschriftenbericht und einer komplementären Fernsehsendung wurde Silvino schließlich festgenommen. Und nun erzählte er, wie es im Inneren des unfrommen Hauses zuging, wie mächtige und wohlhabende Portugiesen sich nahmen, was sie wollten, und wie sogar amerikanische Pädophile mit einem Privatflugzeug gekommen seien, um Material für Pornofilme zu sammeln.

„Das alles ist passiert.“

Im Laufe der Beweisaufnahme erschienen auch die beiden großen politischen Parteien, die Portugal im Wechsel seit 30 Jahren regieren, die Sozialisten und die konservativen Sozialdemokraten, in seltsamem Licht. Das Gesicht der Affäre blieb jedoch immer der Fernsehstar Cruz, der zuletzt vor dem Auftritt seines Anwalts den Satz aussprach: „Wenn man ein ruhiges Gewissen hat, ist man sehr gefasst.“ Staatsanwalt João Aibéo zeigte sich davon aber wenig beeindruckt, als er fast 600 Fälle von Missbrauch Jugendlicher, drei Dutzend Fälle von Kuppelei, drei Vergewaltigungen und zudem Missbrauch öffentlicher Gelder mit der Erwiderung auflistete: „Das alles ist passiert.“

Die Casa Pia von Lissabon ist eigentlich eine ehrwürdige Institution. Im 18. Jahrhundert von María I., auch Pia (die Fromme) genannt, gegründet, sollte sie armen, elternlosen, verwahrlosten und taubstummen Kindern eine Heimstatt bieten, eine Schulbildung ermöglichen und schließlich einen Ausbildungsplatz vermitteln. Nach dem großen Erdbeben von 1755 war das eine willkommene gute Tat, und bald gab es auch an anderen Orten Portugals Schwesterhäuser der Casa Pia.

In Belém hat nach der Entlassung des letzten Direktors Luis Rebelo, der alle Last auf „Bibi“ abwälzte, die Pädagogin Catalina Pestana als neue Leiterin die Aufräumungsarbeiten besorgt. Sie war bei ihrem Amtsantritt über die Zustände so entsetzt, dass sie klagte: „Die Atmosphäre in der Casa Pia ist die eines Horrorfilms.“ Nun, da das Ende des Prozesses in Sicht ist, fügte sie hinzu: „Dies ist ein feierlicher Augenblick für mich und die Opfer.“

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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