18.02.2010 · Bis zu 120 Missbrauchsfälle sind dem Jesuitenorden inzwischen bekannt geworden, unter ihnen gewalttätige sexuelle Übergriffe. In zwei Fällen sind nun auch Frauen als Täterinnen genannt worden.
Zudringliche Zärtlichkeiten, gewalttätige Übergriffe, Manipulation an Genitalien: Der Skandal um sexuellen Missbrauch an Jesuiten-Kollegs und anderen katholischen Schulen nimmt immer größere Dimensionen an. Unter anderem sollen bei den Vorfällen am traditionsreichen Jesuitenkolleg in Sankt Blasien (Kreis Waldshut) mehr Täter beteiligt gewesen sein als bislang bekannt war. Es habe am Kolleg im Schwarzwald „10 bis 20 Fälle“ von Missbrauch gegeben, sagte die von dem Orden beauftragte Anwältin Ursula Raue am Donnerstag in Berlin. Nach Angaben der Juristin soll nicht nur ein bisher beschuldigter Pater die Taten begangen haben. Es hätten sich auch weitere Menschen schuldig gemacht, so Raue.
Bundesweit hätten sich im Zusammenhang mit dem Skandal um sexuellen Missbrauch an Jesuiten-Schulen und anderen katholischen Einrichtungen bislang 115 Betroffene gemeldet. Darunter seien auch frühere Schüler von Schulen, die nicht von Jesuiten geleitet werden, sagte sie.
Manipulationen an Genitalien
Nach Raues Worten berichteten die Opfer vor allem von Manipulationen an ihren Genitalien und von zudringlichen Zärtlichkeiten. Sie habe Berichte über Opfer, die sich das Leben genommen hätten, sagte sie bei der Vorlage ihres Zwischenberichtes.
Nach Angaben Raues werden auch zwei Frauen beschuldigt, sich an Schülern vergangen zu haben. Unter den Opfern sind auch frühere Schülerinnen. Außerdem haben sich Opfer gemeldet, die nicht an Jesuiten-Schulen waren, wie Raue sagte. Darunter sei auch jemand von einer evangelischen Einrichtung. „Das hat eine Dimension angenommen, die bisher nicht zu ahnen war“, sagte Raue.
Zollitsch hält sich weiter bedeckt
Das Berliner Canisius-Kolleg hatte im Januar die ersten Missbrauchsfälle bekanntgemacht. Ein Jesuit, der mehrere Fälle sexuellen Missbrauchs am Canisius-Kolleg gestanden hat, war von 1982 bis 1984 auch in Sankt Blasien tätig. Betroffen ist auch das Aloisiuskolleg in Bonn.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, hält sich weiter bedeckt. Zollitsch werde sich zu dem Thema sexueller Missbrauch erstmals öffentlich am Montag (22.2.) in Freiburg zum Auftakt der Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe äußern, sagte eine Sprecherin des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz.
Manche Opfer nahmen sich das Leben
Raue sagte weiter: „Es gibt Verfehlungen und Wunden, die heilen offenbar nicht. Und diese Wunden gehören dazu.“ Sie habe Berichte über Opfer, die sich das Leben genommen hätten. Andere hätten noch heute Alpträume. Manche Männer offenbarten sich nun zum ersten Mal und hätten selbst mit ihren Ehefrauen zuvor nicht über ihr Leid gesprochen. 80 Prozent der Opfer gehe es nicht um finanzielle Entschädigung, sagte Raue. Die jüngsten bekannten Fälle ereigneten sich nach dem Bericht Mitte der 80er Jahre. Raue sagte, sie gehe davon aus, dass alle Taten verjährt sind.
Erstaunlich sei, dass es in den Personalakten des Jesuitenordens, die sie ausgewertet habe, an keiner Stelle um das Seelenleben der Kinder gehe. „Den Formulierungen in den Akten kann man entnehmen, dass es in den meisten Fällen dem Orden bekannt war.“ Konsequenzen habe es aber nicht gegeben.