08.02.2010 · Im Missbrauchsskandal des katholischen Jesuiten-Ordens hat der beschuldigte Ex-Lehrer des Berliner Canisius-Kolleg den Missbrauch von Kindern abgestritten. Er räumte lediglich ein, Kinder geschlagen zu haben.
Von Peter-Philipp SchmittSchon einmal äußerte sich Wolfgang St. zu seinen Verfehlungen. Der einstige Jesuit wandte sich am 20. Januar an seine Opfer und schrieb in einem Brief, es sei „eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe“. Das Eingeständnis empfand St. im Nachhinein offenbar als missverständlich. Darum hat sich der Fünfundsechzigjährige nun in einem weiteren Schreiben zu Wort gemeldet: Er habe „zu keiner Zeit und an keinem Ort mit Minderjährigen Sexualkontakt im Sinne von Genitalberührung, Penetration, Vergewaltigung, Exhibitionismus oder Voyeurismus gehabt“, zitiert „taz.de“. Er sei auch „weder homosexuell noch pädophil veranlagt“. Zugleich gibt er zu, Kinder mit Schlägen misshandelt zu haben: Er habe „Minderjährige, die mir anvertraut und in gewissem Sinne abhängig von mir waren, unter Missbrauch meiner pädagogischen und kirchlichen Autoritätsstellung teilweise mit beträchtlicher Härte durch Schläge misshandelt“.
Thomas Busch, Sprecher der deutschen Jesuitenprovinz bestätigt, dass es derzeit keine Hinweise auf „Missbrauchsübergriffe sexueller Natur“ von Seiten Wolfgang St. gebe. Der frühere Pater war seit Mitte der siebziger Jahre Deutsch-, Religions- und Sportlehrer am Berliner Canisius-Kolleg sowie an weiteren Jesuitenschulen in Hamburg und Sankt Blasien im Schwarzwald. Danach ging er für den Orden nach Spanien und Chile. Wolfgang St. sagt selbst, er habe dem Orden schon 1991 seine Taten gestanden. Daraufhin trat er 1992, nachdem er in den Laienstand zurückversetzt worden sei, aus dem Orden aus. Zugleich schreibt St. in seinem Brief, dass er von Übergriffen seines ebenfalls beschuldigten Lehrerkollegen Peter R. nichts wisse – obwohl beide zur gleichen Zeit am Canisius-Kolleg unterrichteten.
„Wir tuschelten und ahnten mehr, als dass wir wussten“
Für Pater Johannes Siebner, Jesuit und Direktor des Kollegs in St. Blasien, ist der eigentliche Skandal, dass Peter R. weiter in der Jugendarbeit tätig bleiben konnte, nachdem 1981 die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg in Berlin dem damaligen Rektor, Pater Karl Heinz Fischer, bekannt geworden waren. Pater Siebner war selbst Schüler am Canisius-Kolleg, Abitur-Jahrgang 1981. Siebner bestätigt, dass er von den „Übergriffigkeiten“ wusste, „ohne von Einzelfällen zu wissen“. Es habe da so eine Stimmung gegeben, „wir tuschelten und ahnten mehr, als dass wir wussten, dass da was am Laufen war. Wir haben uns das aber zurechtgelacht, haben pubertäre Witzchen gemacht“. Aus Scham, aus Unwissenheit, aus Hilflosigkeit, wie er sagt. „Wir haben gewiss nicht über die anderen gelacht, wir fanden das auch überhaupt nicht lustig.“
Pater Siebner war nicht selbst betroffen, auch wenn er seit 1973 Schüler am Kolleg war. Pater R. kam 1972 ans Canisius-Kolleg und gründete ein Jahr später eine Art Jugendzentrum, „MC“ (Marianische Kongregation) genannt. Dort kam es zu den Übergriffen, oft bei Einzelgesprächen mit Pater R., die im Untergeschoss der sogenannten Burg, des MC-Treffpunkts, stattfanden. Von da stammten auch die Onanier-Geschichten, von denen Siebner und auch andere Mitschüler immer wieder hörten. Siebner spricht von einer Art Initiationsritus für Schüler, die bei der MC mitmachen wollten. Der Kollegsdirektor nennt es heute Glück, dass er nicht Teil von Pater R.s Kreis war. Er sei in der KSJ gewesen, bei der Katholischen Studierenden Jugend in der Salvatror-Gemeinde in Berlin-Lichtenrade.
Nie „einen solchen Zorn oder eine Klarheit“ entwickelt
Dabei sorgte Peter R. für eine Aufbruchstimmung. Er zählte – genauso wie Wolfgang St. – zur jungen, aufgeschlossenen Generation von Patres. Die Schüler waren eigentlich froh, dass ein neuer Wind am Kolleg herrschte. „Wir fanden eher die alten Patres skurril“, bestätigt Siebner, der, wie er sagt, für Wolfgang St. seine Hand ins Feuer gelegt hätte. Dass er nun zu den Beschuldigten gehören soll, hat Siebner überrascht. Ob andere Patres oder gar die Leitung des Kollegs von den Vorgängen und dem Missbrauch durch Pater R. etwas wussten, kann Siebner nicht sagen. Dass so lange geschwiegen wurde, erklärt Siebner mit der Scham der ehemaligen Schüler. Scham nicht nur wegen des körperlichen sexuellen Übergriffs, sondern auch darüber, dass man unfreiwillig zum Komplizen wurde. Wer Opfer etwa der „sadistischen Prügel“ von Wolfgang St. wurde und schwieg, auch wenn beim nächsten Mal ein anderer Schüler geschlagen wurde, wurde nach den Worten Siebners doppelt von dem Lehrer missbraucht. Für Kinder sei das nicht durchschaubar. Er aber habe in der Zeit nie „einen solchen Zorn oder eine Klarheit“ entwickelt, dass er das Bedürfnis hatte, die Leitung zu informieren. Von dem Brief, der damals die Übergriffe von Pater R. bekannt machte und von der Leitung der aus der MC neu gegründeten GCL („Gemeinschaft Christlichen Lebens“) stammte, wusste Siebner sehr wohl.
Wie traumatisierend die Erlebnisse für die Schüler gewesen sein mögen, zeigt womöglich ein Mordanschlag, der 1986 auf Peter R. verübt wurde. Damals war er in einer Pfarrgemeinde für die Jugendarbeit im Bistum Hildesheim zuständig, als sich ein junger Mann mit einem Messer auf ihn stürzte. Das bestätigt der Bistumssprecher Michael Lukas. Um wen es sich handelte, kann Lukas nicht sagen. Ein Täter sei nicht gefasst worden. Allerdings soll der Angreifer ein ehemaliger Schüler vom Canisius-Kolleg gewesen sein. Nach Angaben der „Berliner Morgenpost“ machte der junge Mann Anfang der achtziger Jahre Abitur am Kolleg in Berlin und nahm sich kurz nach der Messerattacke das Leben.
Alles ist verjährt
Peter R., heute 69 Jahre alt, war von 1982 bis 2003 mit Unterbrechungen als Seelsorger im Bistum Hildesheim tätig. Auch dort kam es nach Angaben von Bistumssprecher Lukas zu sexuellen Übergriffen: Zwei Fälle sind dem Bistum derzeit konkret bekannt. In mindestens einem Fall habe es sich um eine Minderjährige gehandelt. Die Mutter des 14 Jahre alten Mädchens, das Peter R. unsittlich berührte, beschwerte sich im Oktober 1993 beim damaligen Hildesheimer Bischof Josef Homeyer. Er verbat R. daraufhin die Jugendarbeit. Dieses Verbot sei aber nicht konsequent durchgehalten worden, sagt Lukas heute. Im Jahr 1995 trat Peter R. aus dem Jesuitenorden aus, blieb aber Priester und leitete viele Jahre als Pfarrer die katholische Kirchengemeinde „Guter Hirt“ in Hildesheim. Zeitweise war er auch als Seelsorger im Dekanat Wolfsburg tätig. Im März 2003 wurde R. aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt und zog nach Berlin. Als Priester aber ist er noch immer beim Bistum Hildesheim inkardiniert, das zur Zeit, wie Lukas sagt, vergeblich den Kontakt zu ihm sucht.
Sowohl Wolfgang St. als auch Peter R. sind strafrechtlich für ihre Taten in Berlin nicht mehr zu belangen. Der eine verließ das Canisius-Kolleg 1979, der andere 1981. In jenen Jahren begann die Verjährungsfrist, die nach Angaben des Sprechers der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, nach fünf Jahren endete. „Selbst im Falle von schweren sexuellen Delikten, von denen wir am Canisius-Kolleg nicht ausgehen, wären die Taten spätestens nach zehn Jahren, also 1991 verjährt gewesen.“
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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