11.01.2006 · Elena ist eine zierliche, schöne Frau, mit langen dunklen Haaren und großen braunen Augen. Sie kam mit einem Touristenvisum nach Deutschland und träumte von einem Studium. Bis die junge Rumänin zur Prosititution gezwungen und eine Gefangene mitten in Berlin wurde.
Von Judith Lembke, BerlinSie ist nicht blind in die Falle getappt. Sie hat ihm sogar gedroht, daß er Ärger mit ihrem Cousin bekäme, sollte er ihr nicht die Wahrheit über ihre Zukunft in Deutschland erzählen. Aber wirklich ernst hat sie die Drohung auch nicht gemeint, schließlich kam ihr Bekannter aus einer angesehenen Familie, die in der kleinen Stadt in Rumänien einen guten Ruf genoß: Die Familie hatte immer ein bißchen mehr Geld als ihre Nachbarn.
„Wir kennen uns doch schon aus der Schule“, hatte ihr Bekannter gesagt: „Du weißt doch, daß du mir vertrauen kannst.“ Und Elena wollte ihm vertrauen, ihm glauben, daß er den Weg in eine bessere Zukunft kennt und ihr auch dabei helfen würde, diesen Weg zu gehen.
Vertrauen baut sich einfach auf, wenn man sich selbst nicht mehr zu helfen weiß. Wenn der einzige Job, den man seit dem Schulabschluß vor drei Jahren gemacht hat, eine dreimonatige Anstellung als Aushilfe bei der Post war. Wenn der Vater vor Jahren verschwunden ist und die Familie zurückgelassen hat, mit den kleinen Brüdern und der täglichen Frage, wie die Rechnungen bezahlt werden sollen.
Der Traum vom Studium
Elena hatte sich alles gut überlegt: Wenn sie erst einmal mit einem Touristenvisum nach Deutschland eingereist wäre, würde sie dort den Freund ihres Bekannten treffen, der ihr schon eine Stelle als Putzfrau oder Küchenhilfe organisiert haben sollte. Das sollte erst das Sprungbrett sein: „Ich habe gehofft, daß ich mir einen Studien- oder Ausbildungsplatz organisieren könnte, wenn ich erst einmal in Deutschland bin.“ Ein Studium war schon immer ihr Traum. Aber ihre Mutter konnte sich die Studiengebühren nicht leisten. Davon, daß junge Frauen aus Osteuropa in den Westen gelockt werden, um sich dort zu prostituieren, hatte sie noch nie etwas gehört. Bis sie vor drei Jahren nach Berlin kam.
Während Elena ihre Geschichte erzählt, hetzt sie von Wort zu Wort, überspringt halbe Sätze, um dann abzubrechen und an anderer Stelle wieder anzufangen. Sie erzählt, was ihr in Deutschland geschehen ist, um dann wieder nach Rumänien zurückzukehren. Sie geht immer wieder zurück, um ihre Ausgangslage zu erklären, begreiflich zu machen, warum sie damals diese unsichere Reise angetreten hat. Aber auch, weil sie ihre eigene Erinnerung an diese Wochen im Jahr 2002 in Berlin nicht erträgt, von denen sie nicht einmal mehr genau weiß, wie viele es waren. Kopf und Gefühle waren ausgeschaltet: „Ich war taub, wie ein Roboter.“
Was sollte zu dritt schon passieren?
Dabei hatte alles so gut angefangen. Sie hatte sich von einem Verwandten das Geld für einen Paß und ein Touristenvisum geliehen. Dann war sie, wie mit ihrem Bekannten verabredet, nach Bukarest gefahren. Dort traf sie zwei weitere Mädchen mit den gleichen Vorstellungen von Deutschland und ähnlichen Zukunftsplänen. Die drei Mädchen bestärkten sich gegenseitig in ihrer Entscheidung: Was sollte ihnen zu dritt schon passieren? Zusammen mit ihrem Bekannten und einem anderen Mann fuhren sie mit dem Auto Richtung Westen. Für die Mädchen, die bisher gerade einmal die nächste Kreisstadt und vielleicht noch Bukarest gesehen hatten, war die Reise ein großes Abenteuer. In Deutschland, das war ihnen bewußt, erwartete sie harte Arbeit. Aber es war immer noch besser, für gutes Geld zu putzen, als in Rumänien zum Nichtstun verdammt zu sein.
In Berlin nahm sich ein anderer Rumäne der Mädchen an. Er brachte sie in eine Wohnung, wo sie sich erst einmal ausschlafen sollten, bevor sie am nächsten Tag ihre Arbeit als Küchenhilfen in einem Cafe beginnen würden. Unter einem Vorwand wurden sie aber am Morgen in eine Wohnung gebracht, wo eine Deutsche und ihr türkischer Ehemann sie empfingen. Nach einigem Warten fragte Elena, wann sie zu ihrem neuen Arbeitsplatz geführt würden. Der Rumäne antwortete: „Ihr werdet hier arbeiten.“ In dem Moment trat eine junge Polin ins Zimmer.
„Leben vorbei?“
Sie war grell geschminkt, trug Hot pants und einen Bustier. „Da dachte ich, daß mein Leben jetzt vorbei ist“, sagt Elena. Sie wollte sich zur Wehr setzen, weglaufen und wartete auf die Reaktion der anderen Mädchen. Doch die waren so ungläubig und verschreckt, daß sie nur weinten. „Ihr könnt abhauen“, sagte der Rumäne. „Aber noch bevor ihr bei der Polizei seid, sind wir bei eurer Familie in Rumänien. Wollt ihr, daß ihnen etwas passiert?“ Damit, sagt Elena, war der Widerstand gebrochen. „Was sollte ich denn alleine gegen diese Männer ausrichten?“
Elena ist eine zierliche, schöne Frau, mit langen dunklen Haaren und großen braunen Augen. Sie ähnelt der Schauspielerin Christina Ricci, wirkt jung und trotzdem ernst. Man könnte sie als mädchenhaft beschreiben, wären da nicht die dunklen Ringe unter ihren Augen. Wenn sie von den Wochen erzählt, die aus dem abenteuerlustigen Mädchen eine Getriebene machten, die ihr Selbstbewußtsein mit ihrem ersten Freier verlor, heftet sie ihren Blick fest auf die Tischplatte. Die Scham über das, was andere Menschen ihr angetan haben, ist groß. Nur manchmal hört sie auf, das schwarze Feuerzeug zwischen ihren Fingern zu drehen, und schaut kurz hoch mit scheuem Blick.
Gefangen mitten in Berlin
Elena wurde zu einer Gefangenen mitten in Berlin. Die Mädchen schliefen in einer bewachten Wohnung. Mittags wurden sie von ihrem rumänischen Zuhälter abgeholt, der sie mit dem Auto zu dem illegalen Bordell fuhr. Rund um die Uhr waren sie entweder eingesperrt oder bewacht. Selbst wenn Elena sich Zigaretten am Kiosk holte, wurde sie begleitet. In dem Bordell mußten sie sich umziehen, schminken und auf ihre Freier warten. „Ich lebte eigentlich nicht mehr richtig. Ich habe nichts mehr gegessen, sondern nur noch geraucht und geheult“, erzählt Elena. Wollte eine Frau nicht gehorchen, wurde ihr mit körperlicher Gewalt gedroht. Oder sie wurde mit der Drohung gefügig gemacht, ihrer Familie in Rumänien etwas anzutun.
Elena wurde durch eine Razzia von Zivilbeamten befreit. Sie entschied sich, gegen ihre Peiniger auszusagen, und bekam eine Duldung für die Dauer des Prozesses. Elena nahm die Strapazen eines Zeugenschutzprogramms mit seinen dauernden Umzügen und neuer Identität auf sich, weil sie ihre Peiniger bestraft sehen wollte: „Ich wollte Gerechtigkeit.“ Vor Prozeßbeginn und während des Prozesses wurde sie von einer Fachberatungsstelle betreut. Sie bekam Deutschunterricht. Inzwischen macht sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau.
„Die Unberührbare“
Elena durfte auch nach dem Ende des Prozesses, bei denen ihr rumänischer Zuhälter und die Bordellbesitzer zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, in Deutschland bleiben. Sie erhielt eine längerfristige Duldung aus humanitären Gründen, weil ihr Leben in Rumänien gefährdet wäre. „Der Rumäne hat mir geschworen, sich an mir zu rächen“, sagt sie. Mit dieser Angst lebt sie noch heute, obwohl ihr Peiniger im Gefängnis sitzt, sie am Ende ihrer Ausbildung steht und mittlerweile in Berlin vollkommen integriert ist. In ihren Heimatort will sie nie wieder zurückkehren. Nicht nur die Furcht hält sie davon ab: „Ich wäre dort die Unberührbare. Es hat sich herumgesprochen, was ich in Deutschland gemacht habe.“
eine Schande für uns!
Lukas Werth (lukaswerth)
- 10.01.2006, 23:09 Uhr