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Sexualdelikte von Flüchtlingen : Frustriert und aggressiv

Polizisten am Kölner Dom in der Silvesternacht 2016 Bild: dpa

Anderthalb Jahre nach „Köln“ sagt jetzt die Kriminalstatistik: Die Zahl der Sexualdelikte durch Flüchtlinge hat zugenommen. Was genau bedeutet so eine Zahl?

          Die schlechte Nachricht zuerst: Die Zahl der von Flüchtlingen begangenen Sexualstraftaten in Deutschland hat sich im vergangenen Jahr verdoppelt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Da gibt es nichts zu beschönigen“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) vergangene Woche bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2016. Die Gewaltkriminalität, Sexualdelikte eingeschlossen, sei zum ersten Mal seit 2009 deutlich gestiegen, und dieser unerfreuliche Befund gehe vor allem auf das Konto von Flüchtlingen und Asylbewerbern. Der Minister relativierte zwar: „Wir machen es uns zu einfach, wenn wir analysieren, dass die Verrohung unserer Gesellschaft einfach eine Folge der internationalen Flüchtlingskrise ist.“

          Spätestens jedoch seit in der Silvesternacht 2015 rund um den Kölner Dom Hunderte Frauen den sexuellen Übergriffen vorwiegend arabischer und nordafrikanischer Männergruppen ausgesetzt waren, steht die Frage im Raum, ob der Zustrom an Flüchtlingen mit einer erhöhten Gefahr für Sexualstraftaten einhergeht. Vergangenen Oktober bestätigten sich diffuse Ängste auf schrecklichste Weise. In Freiburg wurde die Studentin Maria L. vergewaltigt und ermordet. Der mutmaßliche Täter: ein afghanischer Flüchtling.

          Zahlen sind kein Abbild der tatsächlichen Kriminalität im Land

          Jetzt ist es anhand der Kriminalstatistik zum ersten Mal möglich, die gefühlte Bedrohung mit konkreten Zahlen abzugleichen. Auf den ersten Blick ist die Bilanz erschreckend: Wurden vor fünf Jahren nur 1,8 Prozent der Sexualdelikte von sogenannten Zuwanderern begangen, sind es heute 9,1 Prozent. Konzentriert man sich auf Fälle von Vergewaltigung und schwerer sexueller Nötigung, stellen Zuwanderer 14,9 Prozent der Tatverdächtigen. Damit sind Asylbewerber und Flüchtlinge als Täter, bei aller Unschärfe der für die Statistik gewählten Kategorie „Zuwanderer“, deutlich überrepräsentiert. Was aber genau heißt das jetzt?

          Eine gute Nachricht gibt es streng genommen nicht. 3404 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, wie sie das Lagebild des Bundeskriminalamts „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ ausweist, sind 3404 Straftaten zu viel. Aber es lohnt sich, die Zahlen der Polizei genauer zu betrachten.

          Knapp die Hälfte sind Fälle von sexuellem Missbrauch und Exhibitionismus. Das ist schlimm. Es sind aber nicht die Delikte, vor denen seit „Köln“ Angst herrscht. Unter je 100 Straftaten, die Zuwanderer begangen haben, war im Durchschnitt etwas mehr als ein Sexualdelikt. Diese Quote entspricht dem in Deutschland auch sonst üblichen Anteil von Sexualstraftaten in der Kriminalitätsstatistik.

          Die Frage, ob Flüchtlinge krimineller sind als Deutsche, kann die Statistik indessen nicht beantworten. Außerdem sind die Zahlen keineswegs ein Abbild der tatsächlichen Kriminalität im Land, sondern vielmehr ein Arbeitsnachweis der Polizei, hochgradig abhängig von Ermittlungsschwerpunkten und Anzeigeverhalten. Weil seit „Köln“ die Sensibilität für sexuelle Übergriffe gestiegen ist, könnte vermutet werden, dass seitdem Taten angezeigt werden, die Frauen vorher gar nicht gemeldet hätten. Das wäre kein Zuwachs, sondern eine Verschiebung vom sogenannten Dunkelfeld ins Licht der Öffentlichkeit. Aber genau weiß das keiner, und die Taten sind ja geschehen.

          Anfängliche Irritation schlägt in Neugier und Interesse um

          „Hotel President“ steht über dem Eingang der Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Schöneberg, die Zimmer im ersten Stock, die das Büro, einen Versammlungsraum und eine eigene Kita beherbergen, heißen „Roosevelt“, „Eisenhower“ und „Reagan“. Gerade ist die Essensausgabe vorüber, Gemüsereis mit Tsatsiki, es herrscht abendlicher Hochbetrieb. Kinder flitzen die Gänge entlang, eine Zwölfjährige bittet um Hausaufgabenhilfe, vor der Tür in der Dämmerung zünden ein paar Männer eine Shisha an.

          Tatort: Die meisten Delikte finden in den Wohnheimen statt.

          Betreiber Friedrich Kiesinger ist Psychologe. Stundenlang können er und seine Frau Andrea Anekdoten über kulturelle Unterschiede, Geschlechterrollen und Sexualität erzählen. Anfangs sei die Irritation über die deutsche Freizügigkeit groß gewesen. Sowohl der Straßenstrich als auch der Schwulenkiez seien schließlich in Berlin gerade mal zehn Minuten entfernt. Inzwischen bäten junge Männer um Flirttipps für die Disko, weil sie sich eine deutsche Frau für sich wünschten: Die seien so modern, gingen arbeiten, hätten studiert. Und auch Mädchen fingen an zu fragen: Wenn ich einen deutschen Jungen küsse – muss ich den heiraten?

          „Was die Menschen hier lernen, ist, dass man über diese Dinge sprechen kann“, sagt Friedrich Kiesinger. Er erzählt von Elternabenden, bei denen es darum geht, dass jugendliche Smartphonebesitzer mit großer Wahrscheinlichkeit Pornos gucken, von Sexualaufklärung, von einem Teestündchen für Frauen, bei dem vielleicht auch zur Sprache kommt, wenn eine von ihrem Mann verprügelt wird. Andrea Kiesinger sagt: „Du musst immer erst Kontakt machen. Dann kannst du an die Probleme ran.“

          Deutsche Integrationspolitik setzt offensiver auf Wertevermittlung

          Seit „Köln“ wird debattiert, inwiefern sexuelle Übergriffe etwas mit dem kulturellen Hintergrund der Täter zu tun haben. Der Ruf nach einer besseren Vermittlung westlicher Werte, insbesondere was Geschlechterrollen und sexuelle Selbstbestimmung angeht, ist populär. Das macht durchaus Sinn: Studien legen nahe, dass sich Menschen aus westlichen und islamischen Ländern stärker in ihren Einstellungen zu Lebensstilfragen unterscheiden als etwa in ihrer Haltung zur Demokratie.

          Auch die deutsche Integrationspolitik setzt offensiver als früher auf Wertevermittlung. In der offiziellen App für Neuankömmlinge heißt es: „In Deutschland ist die Gleichstellung von Mann und Frau ein unantastbares Grundrecht. Die deutsche Gesellschaft reagiert sehr empfindlich auf Verstöße gegen dieses Grundrecht. Sie stehen als Asylbewerber unter besonderer Beobachtung: Wenn etwa Männer Frauen respektlos behandeln oder gar bedrohen, dann verstoßen sie gegen das Gesetz und auch gegen Regeln der Gastfreundschaft. Sie können sich strafbar machen und damit Ihren Asylantrag gefährden.“

          Vergangene Woche hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration in seinem Jahresgutachten sogar angeregt, Regeln und Umgangsformen des Zusammenlebens in Deutschland systematisch früher zu vermitteln. Nicht wie bisher erst am Ende des Integrationskurses, sondern, nach österreichischem Vorbild, vor dem Deutschlernen, in der Landessprache. Allerdings warnt der Stellvertretende Vorsitzende des Rates, Haci Halil Uslucan, davor, die Wirkung solcher Kurse zu überschätzen.

          „Werte sind nicht etwas, das kognitiv übernommen wird wie Wissen“, sagt der Professor. Sie müssten vielmehr im Alltag erlebt, in Begegnungen erfahren und möglicherweise auch im Konflikt diskutiert werden. Außerdem spricht er von der „schwierigen Kunst“, bei der Wertevermittlung nicht überheblich zu sein, weil sonst der Rückzug des Gegenübers drohe.

          Ein globales Phänomen

          Inwiefern Wertvorstellungen allerdings Sexualdelikte begünstigen, ist eine andere, sehr komplexe und überaus heikle Frage. Uslucan warnt: „Man darf generell nicht den Fehler machen, Kriminalität bei Migranten auf kulturelle Aspekte und bei Einheimischen auf individuelle Pathologien zurückzuführen.“ Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen offen frauenfeindlichen Einstellungen und einem erhöhten Risiko für sexuelle Gewalt, wie Martin Rettenberger sagt, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden.

          Blumen am Tatort in Freiburg: Der Sexualmord an Maria L. wird in der Statistik nicht als Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung durch Zuwanderer  vermerkt.

          Nur: Die große Mehrheit der Menschen mit solchen Einstellungen werde trotzdem nicht gewalttätig. Und die Zustimmung zu klassischen Vergewaltigungsmythen à la „Frauen, die sich aufreizend kleiden, legen es doch nur darauf an“ erweise sich in anonymen Erhebungen unabhängig von Kultur und Religion als überraschend weit verbreitet. „Das ist ein globales Phänomen“, sagt Rettenberger.

          Abgesehen davon hätten andere, banalere Faktoren einen deutlich größeren Einfluss auf das Übergriffsrisiko: Geschlecht und Alter etwa; junge Männer würden besonders oft auffällig. Dann die soziale Integration, ein geregelter Tagesablauf, der Zugang zu Bildung und Arbeit. „Unmut und Frustration sind die entscheidenden Quellen für Aggressivität und sexuelle Gewalt“, sagt der Kriminalpsychologe. „Die Möglichkeit, am Leben teilzunehmen und sich wirklich etwas aufzubauen, ist der beste Schritt zur Kriminalprävention.“

          Die meisten Sexualdelikte geschehen in den Unterkünften selbst

          Derweil ist das Risiko, Opfer einer Sexualstraftat zu werden, nirgendwo größer als in den Flüchtlingsunterkünften selbst, wie Rettenberger sagt. Die Berliner Polizei hat im vergangenen Jahr 71 Sexualdelikte von Zuwanderern gezählt, die in Wohnheimen begangen wurden. Von solchen Fällen können die Kiesingers erzählen. Weil sie in der Flüchtlingsarbeit verstärkt Psychologen und Pädagogen einsetzen, werden in dem Flüchtlingsheim im ehemaligen „Hotel President“ gezielt Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfer untergebracht.

          Die 19-jährige Afghanin mit Mann und Kindern zum Beispiel, die von einem arabischstämmigen Ehrenamtler in einer anderen Einrichtung erpresst worden war: Der junge Araber hatte ihr gedroht, Nacktfotos zu verbreiten, die er qua Fotomontage hergestellt hatte. So lockte er sie in ein Hotel und vergewaltigte sie.

          Vor ein paar Tagen ist ein arabischer Vater mit seinem 13 Jahre alten Sohn eingezogen, der in einem anderen Heim ein russisches Kind geküsst hatte. Dessen Eltern hatten den Mann daraufhin verprügelt, Strafanzeige, das ganze Programm. Jetzt ist die Frage, ob der Alleinerziehende womöglich auch seinen Sohn missbraucht habe. Das Jugendamt hat sofort reagiert und zwei muttersprachliche Fachkräfte für eine Clearingphase organisiert.

          Absolute Zahlen sind weiterhin klein

          Und dann sind da die Fälle, in denen irgendwie herauskommt, dass ein Zwölfjähriger einen Neunjährigen zu sexuellen Handlungen überredet hat, indem er ihn zur Belohnung auf seinem Fahrrad fahren lässt oder ihm ein kleines Spielzeug schenkt. Knapp die Hälfte der Zuwanderer, die wegen sexuellen Missbrauchs verdächtigt werden, sind laut Bundeslagebild der Polizei selbst keine 21 Jahre alt.

          Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs fordert schon seit vergangenem Jahr Schutzstandards für Flüchtlingsunterkünfte. „Wo es unübersichtlich ist und an klaren Regeln fehlt, sind gerade Kinder ganz besonders gefährdet“, so Johannes-Wilhelm Rörig.

          In Freiburg unterdessen haben sich im Jahr 2016 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung durch Zuwanderer mehr als verdreifacht. Dabei sind die absoluten Zahlen weiterhin klein: 5 Taten in 2015, 16 im vergangenen Jahr. Allerdings findet sich weder der Sexualmord an Maria L. darunter, weil er als Straftat gegen das Leben aufgeführt wird, noch die sexuellen Belästigungen durch Flüchtlinge in Diskotheken, die für Aufsehen gesorgt, aber keine Anzeigen zur Folge hatten. Es ist eben nicht so einfach mit der Statistik.

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