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Immer mehr Obduktionen : „Morde bleiben zu oft unbemerkt“

  • -Aktualisiert am

Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel (links) und Jan Josef Liefers als Karl-Friedrich Boerne stehen in einer Szene des Münsteraner Tatorts in der Obduktion (undatierte Szene) Bild: dpa

Jede Leiche muss vor der Bestattung von einem Arzt begutachtet werden. Er soll klären, ob ein natürlicher Tod vorliegt – idealerweise. Doch zu oft bleiben Verbrechen unbemerkt. Das soll sich künftig ändern.

          Das Warten auf einen Arzt kann zur Qual werden. Nicht nur dann, wenn ein Patient unter starken Schmerzen leidet, sondern auch, wenn ein Mensch gestorben ist und Angehörige und Polizei für die Feststellung der Todesursache einen Mediziner brauchen.

          Denn in Deutschland muss jede Leiche vor der Bestattung von einem Arzt begutachtet werden. Meist übernimmt dies der Hausarzt. Er soll klären, ob ein natürlicher oder unnatürlicher Tod vorliegt – idealerweise. Denn zu oft blieben Verbrechen unbemerkt, sagte gestern Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen). Er stellte im Gesundheitsamt eine Kooperation mit der Polizei und dem Universitätsklinikum vor: Künftig sollen öfter Rechtsmediziner Leichen untersuchen.

          „Für die Angehörigen eine starke psychische Belastung“

          Einen niedergelassenen Arzt zu finden, der diese Aufgabe übernehme, sei oft schwierig, weil die Mediziner ihre Praxis nicht sofort verlassen könnten, sagte Majer. Das führe zu langen Wartezeiten für Angehörige und Polizisten. Die Beamten kommen zum Beispiel dann, wenn eine unbekannte Leiche gefunden wird oder Angehörige einen unnatürlichen Tod vermuten. In Frankfurt war dies im vergangenen Jahr 935 Mal der Fall.

          Der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill berichtete, einige Male hätten Angehörige und Polizisten mehrere Stunden lang auf einen Arzt gewartet. „Für die Angehörigen ist das eine starke psychische Belastung, und die Polizei verschwendet durch die Wartezeit Ressourcen im Streifendienst.“ Auch nach dem Eintreffen des Arztes gingen die Schwierigkeiten oft weiter. Denn viele niedergelassene Mediziner hätten nur wenig Zeit für eine ausführliche Untersuchung des Toten und auch kaum Erfahrung damit. „Die Qualität der Leichenschau ist je nach Arzt sehr unterschiedlich. Man kann sagen: Sie ist teilweise schlecht.“

          Daher stellt die Stadt für ein Pilotprojekt, das zunächst ein Jahr dauern soll, 100.000 Euro zur Verfügung. Mit dem Geld finanziert sie eine neue Stelle in der Rechtsmedizin. Nun soll automatisch immer dann ein Experte hinzugezogen werden, wenn die Polizei bei einer Leiche ist oder sich kein Hausarzt für eine Untersuchung finden lässt. Der Rechtsmediziner soll den Toten auch obduzieren, statt ihn nur von außen zu begutachten. Außerdem sollen Fotos gemacht werden, die sich forensisch auswerten lassen.

          Nach Worten von Marcel Verhoff, dem Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Uniklinikum, wird durch das Projekt die Qualität der Leichenschau verbessert. Denn idealerweise werde ein Toter schon am Fundort untersucht und nicht erst im Institut. Dabei gelte: Was man am Tatort falsch mache, könne man später nicht mehr gutmachen. „Rechtsmediziner sind regelmäßig an Tatorten und arbeiten deshalb auch spurensichernd. Da wird, salopp gesagt, nichts zertrampelt.“

          Nach Schätzungen von Experten bleiben deutschlandweit jährlich etwa 1000 Tötungsdelikte unentdeckt. Gerade in einer Großstadt wie Frankfurt müsse man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, sagte Dezernent Majer. „Unsere Gesellschaft ist verpflichtet, sicherzugehen, dass ein Tod natürlich eingetreten und ein Mensch nicht Opfer eines Verbrechens geworden ist.“

          Frankfurt sei die erste Kommune in Deutschland, die ihre Leichenschau professionalisiere. Im Bundesland Bremen allerdings wird seit August jeder Tote von einem Rechtsmediziner untersucht. Er hoffe, so sagte Majer mit Blick auf die Landesregierung, dass „das Projekt auch in Wiesbaden Aufmerksamkeit findet“. Um die Kooperation dauerhaft fortzusetzen, seien jährlich 200.000 Euro nötig.

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