12.06.2005 · Solche Schreckensmeldungen kannte man bislang nur aus Brasilien: Hunderte Jugendliche aus Lissabon sind am Strand von Cascais in Horden über die Besucher hergefallen und haben sie ausgeraubt.
Am Wochenende blieben die Strände menschenleer rund um Cascais, den feinen Badeort vor den Toren Lissabons am Atlantik. Trotz sommerlicher 24 Grad und schönsten Sonnenscheins suchten nur wenige Lissaboner bei einem Sonnenbad oder einem Strandspaziergang Entspannung vom hektischen Leben in der portugiesischen Hauptstadt. Der Grund für diese ungewöhnliche Wochenendruhe war ein Raubzug von Jugendbanden nach dem „Modell Rio“, der am Freitag bei Badegästen in Portugal panikartige Stimmung hervorgerufen hatte.
Hunderte Jugendliche aus angeblich „sozial schwachen“ Vierteln Lissabons fielen am Strand von Cascais in Horden über die Besucher her und stahlen ihnen Taschen, Geldbeutel und Mobiltelefone. Wer sich widersetzte, wurde angegriffen. Die wenigen anwesenden Polizisten waren machtlos. Erst als Verstärkung kam und Warnschüsse abgegeben wurden, habe man die Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und zwanzig Jahren vertreiben können. Es kam jedoch nur zu einer Handvoll Festnahmen.
Wie die Heuschrecken
Zum ersten Mal war ein europäischer Strand Schauplatz eines solchen heuschreckenartigen Überfalls. Die „arrastao“-Raubzüge Jugendlichen, nach Schleppnetzen benannt, sind bisher vor allem aus Brasilien bekannt. An den Stränden von Rio de Janeiro - Copacabana, Ipanema, Leblon - gehören Überfälle auf sonnenhungrige Besucher, insbesondere ausländische Touristen, gewissermaßen zum Alltag.
Eine der spektakulärsten Aktionen inszenierte im September vergangenen Jahres eine Bande von 40 Jugendlichen, die den Strand von Leblon unter den Augen der Polizei heimsuchten, die Badenden bedrohten und alles mitnahmen, was ihnen in die Hände fiel. Der Massenüberfall der Jugendbande sorgte für großes Aufsehen. Ein Strandbesucher hatte die Horrorszene gefilmt, und sie war in voller Länge im Fernsehen zu betrachten.
Raffiniertere Methoden
Von derartigen Großattacken abgesehen, sind eher Einzelüberfälle an der Tagesordnung. Am häufigsten werden Strandbesuchern von jugendlichen Kleinkriminellen Kamera oder Handtasche entrissen. Es gibt aber auch raffiniertere Methoden. Ein kubanischer Tourist berichtete, daß ihm in ein Getränk, das er am Strand zu sich genommen habe, ein Schlafmittel gemischt worden sei. Als er aufwachte, war er all seiner Habseligkeiten beraubt.
In Portugal, wo zahlreiche brasilianische Einwanderer leben, waren derartige Übergriffe bisher eine Seltenheit. Allerdings nimmt auch hier die Bandenkriminalität zu. Mittlerweile werden nicht nur die brasilianischen Telenovelas und brasilianische Popmusik erfolgreich aus der ehemaligen Kolonie nach Portugal importiert, sondern auch Raubüberfälle in großen Gruppen. Nach einem Bericht des „Diario de Noticias“ ist die Bandenkriminalität in Portugal innerhalb von sieben Jahren um 460 Prozent gestiegen.
Kinder zwischen zwölf und sechzehn
Zwar sind - nach besonders starkem Zuwachs zwischen 1997 und 2002 - in den letzten beiden Jahren nicht mehr viele Banden hinzugekommen. Aber der Großangriff vom Wochenende zeigt, daß die Jugendlichen heute besser zusammenarbeiten. Besonders aktiv sind die Banden, die sich vor allem aus Kindern zwischen zwölf und sechzehn Jahren zusammensetzen, in Lissabon und Porto.
Hellhörig werden nun auch Politiker und Tourismusmanager. Zwar flacht der Touristenstrom in Rio de Janeiro nach all den Schreckensmeldungen dort nicht ab: Im vergangenen Jahr kamen zwei Millionen Besucher aus dem Ausland, 1996 waren es noch weit weniger als eine Million. Außerdem badeten im vergangenen Jahr 4,2 Millionen brasilianische Touristen an den Stränden der Stadt. Alles zusammen hat Rio Einnahmen in Höhe von 4,3 Milliarden Dollar gebracht. Auf längere Sicht befürchten die Behörden aber, daß sich häufende Berichte über die Attacken auf Touristen einen Rückgang der Besucherzahlen bringen könnten. Wenn nur zehn Prozent weniger Gäste kämen, würde das schon einen Ausfall von 430 Millionen Dollar bedeuten.
„Äußerst schwerwiegend“
Der Vorfall am Strand vom Cascais hat die Bandenkriminalität wieder ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt. Der Bürgermeister des Badeortes sprach von einem „äußerst schwerwiegenden“ Zwischenfall und verlangte vom Innenministerium mehr Polizeischutz. Andere portugiesische Politiker wiesen auf die potentiellen Schäden für den Sommertourismus in dem Land hin.
Die neue sozialistische Regierung hatte erst vor wenigen Tagen angekündigt, daß sie für diese Saison 500 zusätzliche Polizisten zur Verbesserung der Sicherheit an die Strände von Südportugal entsenden wolle. In Portugal werden sie jedenfalls nicht mit solchen Schwierigkeiten kämpfen wie in Rio. Dort werden die meisten Überfälle gar nicht erst der Polizei gemeldet. Es ist nahezu aussichtslos, daß die Täter gefaßt werden, weil sie sofort in den Favelas in Strandnähe verschwinden.