31.07.2006 · Der verurteilte Mörder Richard Charles Browne hat sich entschlossen, mit der Polizei zu kooperieren. Nun könnten zahllose bisher ungelöste Mordfälle aufgeklärt werden. Als Täter kommt auch der schon zum Tode verurteilte William Richard Bradford in Frage.
Von Christiane HeilDie Liste der berüchtigsten amerikanischen Serienmörder, auf der Jeffrey Dahmer, Ted Bundy, „Green Valley Killer“ Gary Leon Ridgway und „Killer Clown“ John Wayne Gacy stehen, wird nach aktuellen Ermittlungen um gleich zwei Namen länger. William Richard Bradford steht in Verdacht, Anfang der achtziger Jahre in Los Angeles etwa 20 Frauen getötet zu haben. Robert Charles Browne, der in der vergangenen Woche zugab, 1987 die 15 Jahre alte Rocio Sperry im amerikanischen Bundesstaat Colorado erwürgt zu haben, behauptet, weitere 47 Menschen ermordet zu haben.
Bradford wartet seit fast 20 Jahren im Gefängnis von St. Quentin auf den Vollzug der Todesstrafe, nachdem er 1987 für den Mord an der 21 Jahre alten Bardame Shari Miller und der 15 Jahre alte Tracey Campbell schuldig gesprochen wurde. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Mar Vista im Westen von Los Angeles fanden die Ermittler damals Fotos von 50 weiteren Frauen. Nachdem das Material aber während des Prozesses nicht ausgewertet wurde, versucht das Sheriff's Department von Los Angeles nun mit einer einzigartigen Aktion, weitere Opfer unter ihnen zu finden. Via Internet hat die Behörde dazu vor einigen Tagen die Porträts der Frauen und Mädchen - viele von ihnen mit Cowboyhüten - veröffentlicht. Bradford hatte sich als Fotograf ausgegeben und angeboten, Aufnahmen für Modell- und Casting-Agenturen zu machen.
Große Resonanz auf Opfer-Suche
Die Resonanz auf die Bildergalerie, mit der die Polizei im Gegensatz zu ihrer üblichen Arbeit Opfer und nicht Täter sucht, ist überraschend. Innerhalb von 24 Stunden sind bei den Ermittlern in Los Angeles mehr als 1000 Anrufe eingegangen. Mehr als die Hälfte der Frauen und Mädchen konnte inzwischen identifiziert werden.
Wie die Ermittlungen ergeben haben, wurde Donnalee Duhamel, deren Leiche 1978 enthauptet in Malibu gefunden wurde, zuletzt in Begleitung von Bradford in Culver City gesehen, nur wenige Kilometer von Malibu entfernt. 1980 war der Leichnam einer unbekannten jungen Frau in der Mojave-Wüste nördlich von Los Angeles gefunden worden. Auch ihr Bild fand die Polizei bei der Durchsuchung der Wohnung in Mar Vista. Bradford kommt ebenfalls als Mörder eines 14 Jahre alten Mädchens in Frage, dessen Leichnam 1979 in einer entlegenen Gegend bei Los Angeles entdeckt wurde. „Sie wurde erwürgt und vergewaltigt. Die Familie hat die Bilder gesehen und das Mädchen als ihre Tochter identifiziert. Wir haben die Fotos gesehen und kommen zu demselben Schluß“, sagt Captain Ray Peavy. Die Detektive seiner Abteilung haben am Wochenende weitere Familien aufgesucht, die vermißte Angehörige wiedererkannt haben wollen.
Schon 1987 während des Prozesses gegen Bradford war die Staatsanwaltschaft davon ausgegangen, einen Serientäter vor sich zu haben. Wiederholt wurde der damals Einundvierzigjährige verdächtigt, zwischen 1975 und 1984 weitere Morde begangen zu haben. Diesen Verdacht nährte Bradford selbst, als er seine Verurteilung mit den Worten „Stellt euch vor, von wie vielen ihr noch nicht einmal wißt“ kommentierte.
30 Jahre alte Fälle werden geprüft
Während Bradford bis heute jedoch keine konkrete Tat zugegeben hat, arbeitet Robert Browne eng mit der Polizei zusammen. 1995 war Browne in Colorado Springs nach der Entführung und Tötung der 13 Jahre alten Heather Dawn Church zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Aus dem Gefängnis begann er, mit einem pensionierten Polizeibeamten zu korrespondieren, und gab an, zwischen 1970 und 1995 weitere 48 Menschen getötet zu haben.
Aufgrund von Brownes Informationen konnte die Polizei inzwischen den Mord an Rocio Sperry, die er 1987 in ihrer Wohnung in Colorado Springs erwürgt und dann in einer Mülltonne zurückgelassen hatte, nach Jahren aufklären. Weitere fünf ungeklärte Morde in der Nähe von Colorado Springs werden nach aktuellen Ermittlungen ebenfalls Browne angelastet. Die meisten der von ihm behaupteten Taten, darunter 17 Morde in Louisiana und ein Doppelmord an einem Paar in Nordkalifornien, bleiben jedoch weiter im dunkeln. Seit Browne am Freitag noch weitere Details zu den einzelnen Fällen gemacht hat, werten die Behörden die zum Teil mehr als 30 Jahre alten Akten nun nochmals aus.
Strategisches Mitteilungsbedürfnis?
Der Grund für Brownes Mitteilungsbedürfnis ist nicht ganz eindeutig. Wie Untersuchungen gezeigt haben, kooperieren bereits verurteilte Schwerverbrecher häufig bei der Aufklärung eigener Taten, um das zukünftige Schicksal ein wenig lenken zu können. Nach Meinung des Jura-Professors Peter Arenella, an der Universität von Kalifornien in Los Angeles Spezialist für die Todesstrafe, kann der Auskunftswille von Tätern wie Browne auch strategisch sein, beispielsweise, um Zeit zu gewinnen oder eine geringere Strafe zu verhandeln.
Sollten Brownes Angaben tatsächlich zutreffen, würde ihn das in die Nähe so berüchtigter Serienmörder bringen wie Gary Leon Ridgway, der in der Nähe von Seattle 48 Prostituierte umgebracht hatte. Dadurch, daß Ridgway mit den Behörden kooperiert hatte, war er vor drei Jahren der Todesstrafe entgangen und trotz der horrenden Zahl von Morden nur zu lebenslanger Haft verurteilt worden.