„Nach dieser langen Zeit, in der Bernardo Provenzano flüchtig war, schien es unmöglich zu sein, ihn zu verhaften. Doch daß er nun ganz in der Nähe seines Heimatortes und seiner Familie gefaßt worden ist, zeigt, daß die Polizei das Territorium gut unter Kontrolle hatte.“ Rita Borsellino, die Schwester des von der Mafia ermordeten palermitanischen Staatsanwaltes Paolo Borsellino, zeigt sich strahlend über den unerwarteten Fahndungserfolg in Sizilien.
Denn seit im Juli 1992 die Mafia ihren Bruder umgebracht hatte, mit einem ferngezündeten Sprengsatz in einem Kleinwagen vor dem Haus der Mutter, hat sie sich dem Kampf gegen die Mafia verschrieben. Der sah oft nur sehr vordergründig aus, mit weißen Bettlaken an den Fenstern und Sonntagsreden an den Gedenktagen großer Mordanschläge. Doch Frau Borsellino und ihren Gesinnungsgenossen ist es dennoch gelungen, eine Generation von sizilianischen Jugendlichen heranzuziehen, denen die Mafia nicht nur als dunkler Fleck auf dem Bild ihrer Insel erscheint, sondern auch als Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung und allgemein als Stück archaischer Unterdrückung der persönlichen Freiheit.
Weinproduktion und Ackerbau
Am Tag der Verhaftung ist Rita Borsellino auf Wahlkampftour mitten im Herzen des Mafia-Landes, in San Giuseppe Jato, der Nachbargemeinde von Bernardo Provenzanos Heimatort Corleone. Sie ist vom Bündnis der Mitte-Links-Parteien als Spitzenkandidatin für die Regionalwahlen in Sizilien aufgestellt worden und besucht eine Einrichtung, die es ohne das Engagement der vergangenen Jahre gegen die Mafia nicht gegeben hätte: eine Kooperative junger Sizilianern, die konfisziertes Eigentum einer besonders blutrünstigen Mafia-Familie bearbeiten, mit einem „Agriturismo“, Weinproduktion und Ackerbau. Früher gehörte das meiste davon der Familie Brusca, von denen einer, Giovanni, das zuletzt größte Attentat der Mafia organisiert hatte. Er war es, der 1992 auf den Knopf drückte und den ehemaligen Staatsanwalt Giovanni Falcone in die Luft sprengte.
Die Gäste im ehemaligen Haus der Familie Brusca, nun umgebaut zum „Agriturismo“, sind Schüler aus einem besonders berüchtigten Viertel Palermos, Brancaccio, dessen Pfarrer wegen seiner Jugendarbeit gegen die vorherrschende Mafia erschossen worden ist. Anlaß des Schulausfluges ist ein Besuch an einer historischen Mafia-Gedenkstätte auf einem Bergsattel oberhalb von San Giuseppe Jato. Dort hatten die Gewerkschaften mit den landwirtschaftlichen Tagelöhnern aus der Gegend traditionell zum 1. Mai ein Picknick mit Familien veranstaltet. Das war damals schon ein Stück Demonstration, mit der die Landlosen forderten, verwahrloste und ungenutzte Äcker und Güter zu enteignen und zu verteilen.
Schulausflüge ins Mafia-Land
Die Mafia suchte dagegen die althergebrachte Ordnung zu verteidigen und ihre Macht auch gegenüber den Gutsherren auszubauen: Sie ließ mit Maschinengewehren in die Menge feuern. Davon berichtet der 81 Jahre alte „Compagno“ Mario Nicosia den Schülern aus Palermo und fordert, sie sollten nun die Lebenserfahrungen der Vergangenheit weitertragen. Vor den Jugendlichen fügt Rita Borsellino hinzu, „für die Erinnerung muß man nicht einfach nur zurückblicken und weinen, sondern sich für die Zukunft engagieren“.
Die von Frau Borsellino mitbegründete Organisation „Libera“ kümmert sich nicht nur um Schulausflüge ins Mafia-Land. In ganz Italien organisiert sie jeden Herbst eine „Karawane der Antimafia“, die in zahllosen Etappen im ganzen Land mit Veranstaltungen und Diskussionen den Widerstand gegen die Mafia fördern soll.
Zweischneidige Angelegenheit
Die Verhaftung Provenzanos sehen Rita Borsellino und ihre Mitstreiter nun als zweischneidige Angelegenheit: Man könnte schließlich meinen, wenn der Chef der Organisation verhaftet ist, die Nummer zwei und drei schon seit langem im Gefängnis sitzen, wäre dies das Ende der Mafia in Sizilien. Doch damit würden die weitverzweigten Wurzeln der Organisation unterschätzt. Schließlich weiß niemand genau, ob Provenzano zum Zeitpunkt der Verhaftung noch immer der mächtigste aller Bosse war, als der er seit 1995 beschrieben wurde. Fünfzig Polizisten hatten ihn in einem kargen Häuschen in der Umgebung von Corleone gestellt und damit etwas fertiggebracht, was in früheren Jahrzehnten kaum möglich war. Denn ein großer Boss verfügte gewöhnlich über ein gutes Informationsnetz mit Vorposten, die ihn lange vor der Ankunft der Polizisten warnen sollten. Provenzano wurde dagegen alleine gefunden und leistete dann keinen Widerstand mehr gegen seine Verhaftung. Entdeckt worden war er, weil er über Gefolgsleute immer wieder „pizzini“, Briefchen mit verschlüsselten Anweisungen, versandt haben soll.
Die italienischen Fahnder hat Provenzano 43 Jahre lang an der Nase herumgeführt. Zuletzt wurden sie düpiert, als er sich 2001 in Marseille unter falschem Namen einer Prostata-Operation unterzog und es dabei noch schaffte, die italienischen Gesundheitsbehörden dafür bezahlen zu lassen. Weil die letzten Fotos im Besitz der Polizei Bernardo Provenzano noch im jugendlichen Alter zeigten, mußte man sich bei der Beschreibung des Täters auf Computersimulationen und nachträgliche Informationen der behandelnden Ärzte verlassen. Zur Identifiziering Provenzanos wurde zudem ein Gentest veranlaßt, der schließlich endgültig bestätigte, daß der am längsten gesuchte Mafioso ins Netz gegangen war.
Keine blutigen Attentate mehr
Provenzano soll große diplomatische Fähigkeiten haben. Schließlich war er es, der die Mafia nach 1992 und 1994, den Jahren der Bomben, wieder ins Geschäft brachte. Die Mafia arbeitet nun wieder im Hintergrund, ohne große Attentate, aber offenbar dennoch erfolgreich, bei Korruption für die Vergabe öffentlicher Aufträge, sanftem und entschiedenem Druck auf Unternehmer für die Auswahl von Lieferanten und Mitarbeitern, mit Wucher und Schutzgelderpressung. Blutige Attentate, die Aufmerksamkeit erregen, stören einen Mafiaboß wie Provenzano, der lieber im Hintergrund arbeitet. Er war damit erfolgreicher als die anderen Bosse aus Corleone und San Giuseppe Jato, die vor keiner Gewalttat zurückschreckten und damit auch in Palermo die Vormacht errungen hatten. Sie hatten sich schließlich mit der italienischen Staatsgewalt angelegt, damit aber auch im Jahr 1992 rund 2000 Soldaten zur Überwachung des Territoriums nach Sizilien gebracht.
Die Mafia-Kenner aus San Giuseppe Jato und Corleone sehen nun nach der Verhaftung des obersten Bosses noch lange nicht das Ende der Organisation. „Er war schon kränklich, womöglich war auch schon eine Nachfolgelösung vorbereitet“, sagt Davide Ganci von der Organisation „Libera“. „Daß Provenzano noch immer auf der Flucht war, schien eine tägliche Beleidigung für uns alle.“ Für Rita Borsellino ist die Nachricht von Provenzano im Gefängnis ein Etappensieg. „Das treibt uns nun an, mehr zu tun, weil wir dem Ziel einen Schritt näher gekommen sind. Denn wir wollen Sizilien ganz von der Mafia befreien.“