„Die Phantasie ist der Realität weit voraus“, sagt Italiens oberster Mafiajäger Piero Grasso nach der Verhaftung des obersten Mafia-Bosses Bernardo Provenzano. Denn zwar gibt es in Italiens Medien ausführliche Berichte über das Versteck von Provenzano in der Nähe der sizilianischen Kleinstadt Corleone. Doch Grasso nimmt in einem Pressegespräch den bisherigen Darstellungen viel von ihrer Glaubwürdigkeit: „Das Versteck hat noch keiner gesehen!“
Die Räume, in denen sich Provenzano aufhielt, seien von Mitarbeitern der Polizei bis ins Detail gefilmt worden und seither versiegelt. Die Stallungen für Ziegen und die Räume für die Produktion von Ziegenricotta, die im Fernsehen als das Quartier des Mafia-Bosses gezeigt worden waren, lägen nebenan. Aber die Medien wollen eben zu diesem Thema viel mehr Informationen, als die Staatsanwälte und Polizisten herausgeben wollen. Das gilt umso mehr, seit am Donnerstag verbreitet wurde, Provenzano habe bei seinem ersten Verhör im Hochsicherheitsgefängnis im umbrischen Terni jede Aussage verweigert.
Entschlüsselung der Briefe
Enttäuschung gibt es daher bisher auch bei der Antwort auf eventuelle Verbindungen von Provenzano zu Politik und Wirtschaft. Grasso selbst hatte als Chef der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft angekündigt, man werde nun mehr erfahren. Um den engsten Kreis der eigentlichen Mitglieder von „Cosa Nostra“ gebe es weitere Kreise, diejenigen der Familienangehörigen, diejenigen der angestellten Mitarbeiter, die in kriminelle Aktivitäten verwickelt seien und davon profitierten, und schließlich auch noch den Kreis der Freunde, die auf vielerlei Weise kriminelle Aktivitäten begünstigten und davon profitierten.
Doch in den bisher gefundenen „Pizzini“, den mit der Schreibmaschine verfaßten Briefen und Anordnungen von Provenzano, werde man wohl keinen einzigen Namen finden, sagt Grasso. Die Formulierungen seien unverfänglich, etwa so: „Ich habe schon mit jemandem gesprochen, der einen Freund von uns kontaktieren soll, um Dein Problem zu lösen.“ Nach der Entschlüsselung der Briefe von Provenzano müsse man erst einmal versuchen, die Nachrichten mit anderen Informationen von geständigen Mafiosi oder Ergebnissen von Abhöraktionen abzugleichen.
Politische Sprengkraft hat die Verhaftung schon jetzt: In der Region Sizilien wird Ende Mai ein neuer Regionalpräsident gewählt. Dabei steht der bisherige Präsident Salvatore Cuffaro der Schwester des ermordeten Staatsanwaltes Paolo Borsellino gegenüber. Von Cuffaro heißt es, er sei Freund eines Besitzers jenes Krankenhauses, in dem Provenzano früher behandelt wurde. Daß im Fernsehen ein Film angeblich aus Provenzanos Versteck auftauchte, mit Flugblättern von Cuffaro im Mittelpunkt, hat die Diskussion angeheizt.
Überwachung eines Müllsacks
Cuffaro sagte, die ersten Aufnahmen am gleichen Ort seien noch ohne Flugblätter gemacht worden. Daraufhin gab ein Journalist zu, die im Raum vorhandenen Flugblätter besser ins Bild gerückt zu haben. In der linksorientierten Zeitung „Il Riformista“ war wiederum zu lesen, daß Italiens oberster Polizeichef die Verhaftung des Mafiabosses bis nach der Wahl hinausgezögert habe, weil er unter Mitte-Rechts-Regierungen Karriere gemacht habe, nun aber dem als siegreich erwarteten Mitte-Links-Bündnis habe zeigen wollen, daß er nicht noch am Tag vor der Wahl Berlusconi einen aufsehenerregenden Erfolg habe zugestehen wollen.
Der oberste Mafiajäger Piero Grasso sucht sich aus dem Streit um die Politik herauszuhalten: „Der Kampf gegen die Mafia darf nicht eine Sache der politischen Couleur sein.“ Tatsächlich habe man erst am Morgen der Verhaftung Provenzanos gewußt, daß das Häuschen in der Umgebung von Corleone bewohnt gewesen sei, und dann vermutet, daß sich Provenzano selbst dort aufhalte. Über Wochen hatte man das Wohnhaus der Familie Provenzano beobachtet und verfolgt, wohin ein einzelner schwarzer Müllsack getragen wurde. Für den Adressaten dieses Müllsacks war dann wiederum eine versteckte Überwachungskamera und eine Bewachung über 24 Stunden nötig.
Das gleiche wiederholte sich an einer weiteren Station. Grasso zeigt sich darüber zufrieden, daß „in einer feindlichen Umgebung“ die Überwachung nicht bemerkt wurde. Offenbar wurden die Häuser mit Spezialkameras aus großer Entfernung von umliegenden Hügeln beobachtet. Erst am Morgen des Zugriffs, am Tag nach der Wahl, habe man bemerkt, daß das Häuschen auf dem Land tatsächlich bewohnt gewesen sei. Ein Arm sei erschienen, um einen der Säcke entgegenzunehmen, in dem sich, wie sich später herausstellte, frische Wäsche für den Mafiaboß befand.
Operation an der Prostata
Licht war nie zu sehen in den Fenstern des Häuschens, weil sie von innen mit schwarzen Müllsäcken verklebt worden waren. Nur einmal stutzten die Ermittler, als kurz vor den Wahlen die Fernsehantenne auf dem Dach neu eingerichtet wurde, ohne daß jemand zu sehen war, der von innen heraus Anweisungen über die Ausrichtung der Antennenstäbe gab. Ansonsten hatte sich der Mafiaboß zu tarnen versucht, in dem er an einem Ort lebte, der wegen des Ziegenstalls und der Käseproduktion durchaus belebt war.
Daß sich Provenzano bis in die Nähe seines Heimatortes zurückgezogen hatte, wertet Grasso als eine Schwäche. „Wir hatten vorher eine Strategie der verbrannten Erde angewandt.“ Der Buchhalter von Provenzano wurde verhaftet und sucht nun als „Reuiger“ mit Aussagen seine Strafe zu verringern. Mit der Verhaftung eines weiteren Mitarbeiters konnte Provenzano seine wirtschaftlichen Aktivitäten schlechter kontrollieren.
Ein Versteck in Villabate in der Nähe von Palermo flog auf. Obwohl das mehr Gefahr bedeutete, habe sich der Mafiaboß in die Nähe seiner Familie zurückziehen müssen, weil sein Netzwerk nicht mehr wie früher funktioniert habe, sagt Grasso. Auch daß er sich wegen eines Prostataleidens nicht mehr in Sizilien, sondern in Marseille habe operieren lassen, spreche dafür, daß er im eigenen Land niemandem mehr genügend vertraut habe.
Gefaßt!
Für die Mafiajäger war es dennoch eine Pleite, im Nachhinein von der Operation zu erfahren, unter falschem Namen und noch dazu bezahlt vom staatlichen italienischen Gesundheitssystem. Diesen Makel wollten die Sicherheitskräfte und Staatsanwälte so schnell wie möglich beseitigen. Zudem mußte verhindert werden, daß Provenzano mit seiner langen Flucht den Mythos des Unbesiegbaren erhielt. „Wegen der Gefahr, daß er uns entwischen könnte, hätten wir vielleicht sogar noch wenige Tage vor der Wahl zugeschlagen“, sagt Grasso.
Er sei aber froh, daß die entscheidende Operation erst am Tag nach der Wahl stattgefunden habe. Ein Risiko habe auch an diesem Tag bestanden. „Es hätte sein können, daß das Häuschen auf dem Land nur eine weitere von vielen Stationen des schwarzen Müllsackes gewesen wäre, und Provenzano erst an der nächsten Lieferstation. Im römischen Generalstabsquartier war Grasso dann erleichtert, als er den entscheidenden Anruf erhielt: „Preso“, lautete das einzige Wort. Gefaßt!