Dieser Tag im Mai. Bis heute erinnert sich in Italien jeder an den Moment, an dem er von dem Attentat gegen Giovanni Falcone, seine Frau und drei Leibwächter erfuhr. Jeder weiß, ob er an jenem 23. Mai 1992 am Meer war oder zu Hause, ob er allein war oder mit Freunden, ob er im Radio stammelnde Reporter, das Heulen der Sirenen und das Geräusch der Rotorblätter hörte, oder ob er im Fernsehen sah, wie die Bilder der Autobahn von Capaci über den Schirm flimmerten, von dem Krater, der aufgeworfenen roten Erde, den Autowracks, den Polizisten und Sanitätern. Und zwei Monate nach Giovanni Falcone, am 19. Juli 1992, wurde sein Freund und Kollege Paolo Borsellino vor dem Haus seiner Mutter in Palermo in die Luft gesprengt, zusammen mit fünf Leibwächtern.
Italien gedenkt seiner toten Helden in diesen Tagen zum zwanzigsten Mal. Mit Gedenkfeiern und Reden und Ritualen, denen sich manche Anti-Mafia-Staatsanwälte schon lange verweigern, weil sie Zeugen der Einsamkeit waren, in der sich Falcone und Borsellino vor ihrem Tod befanden. Roberto Scarpinato ist einer jener damals jungen Staatsanwälte, denen sich die Erinnerung daran einbrannte. Falcone und Borsellino wurden isoliert, diffamiert und langsam auf ihre Ermordung vorbereitet, sagt er.
Weshalb er nicht erträgt, wenn Giovanni Falcone und Paolo Borsellino als Symbole eines Staates bezeichnet werden, der mit dem Maxi-Prozess der Mafia einen tödlichen Stoß versetzt habe; dass die Mörder - allesamt sizilianischen Dialekt sprechende tumbe Mafia-Ikonen wie Totò Riina oder Bernardo Provenzano - identifiziert und verurteilt wurden, die Mafia also nichts anderes sei als ein Giftpilz, den es zu finden und zu isolieren gelte. Eine kleine Minderheit in einer Mehrheit von Aufrichtigen, ein Krebsgeschwür in einem gesunden Organismus, das man wegschneiden kann. Die Mafia, sagt Scarpinato, das sind immer die anderen. Halbe Analphabeten, die mit Rauschgift handeln und Schutzgeld erpressen und nicht all jene hochgeschätzten Mitglieder der Gesellschaft, die wegen Beihilfe der Mafia rechtskräftig verurteilt wurden, wie der siebenfache Ministerpräsident Giulio Andreotti, der sizilianische Ministerpräsident Salvatore Cuffaro, der ranghohe Geheimdienstler Bruno Contrada oder Marcello Dell’Utri, der Senator und Vertraute Berlusconis.
Ein Urknall
Scarpinato war Zeuge jener Zeit, als Falcone und Borsellino den Maxi-Prozess gegen alle Widerstände des italienischen Staates durchsetzten, bis es schließlich zu jenem Urknall kam, bei dem 474 Mafiosi angeklagt wurden, die es zum ersten Mal nicht schafften, den Prozess wie gewohnt „zurechtzurücken“, also die Urteile in der letzten Instanz aufzuheben. Ein Urknall, der 1986 dafür sorgte, Italiens Ansehen in der Welt zu revolutionieren: Es war nicht mehr nur als das Land der Mafia, sondern auch das der Anti-Mafia.
Heute ist Scarpinato Generalstaatsanwalt von Caltanissetta, wo der Prozess gegen die Attentäter von Paolo Borsellino neu aufgerollt wird, weil falsche Kronzeugen die Urteile des ersten Prozesses zunichte machten. In Palermo ermittelt Staatsanwalt Antonio Ingroia, ein Schützling von Paolo Borsellino, die politischen Hintergründe der Attentate, also die „Trattativa“ genannten Verhandlungen zwischen Mafia und Exponenten der italienischen Politik vor, während und nach den Morden an den beiden Staatsanwälten.
Paolo Borsellino hatte kurz vor seinem Tod von diesen Verhandlungen erfahren und sich ihnen widersetzt. Das kostete ihn sein Leben. Eine zentrale Rolle dabei spielt die „Agenda rossa“, der rote Taschenkalender, in dem sich Borsellino Verabredungen notierte und Notizen machte. Er befand sich in seiner Aktentasche, die, wie ein Foto belegt, von einem Beamten an den noch rauchenden Autowracks vorbeigetragen wurde. Von diesem Tag an blieb der rote Kalender verschwunden und wurde zur Metapher für die Verbindungen zwischen Mafia und Politik: „Agende rosse“ heißt die von Borsellinos Bruder Salvatore gegründete Anti-Mafia-Bewegung, bei ihrem jährlichen Gedenkmarsch werden stets rote Taschenkalender stumm hochgereckt.
Killer aus Dormagen und Leverkusen
„Nur wer die Vergangenheit versteht, kann auch die Gegenwart interpretieren“, sagt der Palermitanische Staatsanwalt Antonino Di Matteo. Das gilt auch für Deutschland. Falcone wollte schon 1990 wissen, wie und warum die Cosa Nostra in Deutschland Wurzeln schlagen konnte. Als er mit seinem neapolitanischen Kollegen Franco Roberti nach Düsseldorf kam, um einen Waffen- und Sprengstoffhandel zwischen Italien und Solingen aufzuklären, seien sie, wie Roberti bemerkt, auf eine Mauer eisiger Höflichkeit und Unzugänglichkeit gestoßen: „Die eigentliche Sorge der deutschen Polizei galt nicht der Ansiedlung der Mafia in Deutschland, die wir im Zuge unserer Ermittlungen zweifelsfrei nachgewiesen hatten, sondern unserer Anwesenheit: Aus Furcht vor einem Anschlag hätten sie uns am liebsten die ganze Zeit über in einer Kaserne der Bundeswehr eingeschlossen.“
Bis zu ihrem Tod ermittelten Falcone und Borsellino die Ermordung des jungen Staatsanwalts Rosario Livatino, der 1990 von einem sechsköpfigen Kommando umgebracht worden war. Livatino hatte einen Waffenhandel zwischen Sizilien und Deutschland aufgedeckt und stets davon gesprochen, dass man nach Deutschland gehen müsse, um die „neue Mafia“ zu verstehen. Er ermittelte gegen die Clans der Mafia-Hochburg Palma di Montechiaro, die zur mächtigen Agrigentinischen Mafia gehört - und die sich seit den sechziger Jahren in Nordrhein-Westfalen bestens eingelebt hat. Livatinos Killer lauerten seinem Auto auf der Schnellstraße zwischen Agrigent und Caltanissetta auf. Als er fliehen konnte, wurde er verfolgt und schließlich niedergestreckt.
Kurz nach dem Mord an Livatino ging ein Fahndungsgesuch der italienischen Ermittler bei der deutschen Polizei ein. Der Killer, der Livatino die Pistole in den Mund steckte, um ihm den „Gnadenschuss“ zu geben, arbeitete zusammen mit zwei anderen Mafiosi in Dormagen im Restaurant „Portofino“. Zwei weitere Mörder wurden in der Leverkusener Pizzeria „Ai Trulli“ festgenommen, und schon im Oktober 1990 berichteten die italienischen Zeitungen davon, wie die Mafia aus Hochburgen wie Palma di Montechiaro bei Agrigent ins Rheintal gelangt war.
Mafia-Imperium in Deutschland
Auch der legendäre Mafia-Kronzeuge Tommaso Buscetta schilderte den deutschen Ermittlern minutiös, wie die Mafia ihr Imperium in Deutschland organisierte. Seit 1991 gab es einen BKA-Bericht, der in deutscher Gründlichkeit die Verflechtungen von Clans der Cosa Nostra, Camorra und ’Ndrangheta beleuchtete - von dessen Existenz aber die deutsche Öffentlichkeit erst erfuhr, als Falcone und Borsellino ermordet worden waren und italienische Journalisten von der „pista tedesca“ berichteten, der deutschen Spur: Die letzte Todesdrohung gegen Falcone war in Wuppertal abgestempelt worden, Borsellino hatte neun Tage vor seinem Tod einen Mafioso im Gefängnis von Mannheim verhört, den er davon überzeugt hatte, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Das letzte Telefonat vor seinem Tod hatte Borsellino mit dem BKA in Wiesbaden geführt.
Deutschland sei eine Provinz der Cosa Nostra, schrieben die Journalisten damals und zitierten aus deutschen BKA-Berichten, wonach die Mafia-Clans sich seit Jahrzehnten nicht nur im Ruhrgebiet und in Baden-Württemberg bestens eingerichtet hätten, sondern sich nach dem Fall der Mauer auch in den Osten Deutschlands eingekauft hätten: Ganze ostdeutsche Innenstädte gehörten der Mafia, Geschäfte und Einkaufszentren, Immobilien und Restaurants seien in der Hand der Bosse, Leipzig sei geradezu im Besitz der kalabrischen ’Ndrangheta: Für die Geldwäsche der Clans sei Deutschland ein Paradies.
Nach der Ermordung von Giovanni Falcone machte Volker Gehm, der damalige Chef der Abteilung Organisierte Kriminalität beim BKA, die für Deutschland revolutionäre Feststellung, dass die Mafia die Bundesrepublik nicht mehr nur als Fluchtraum und Ruhezone nutze, sondern vielmehr zum Aktionsfeld für die Mafia geworden sei. Wenige Monate später beschreibt der „Spiegel“ die Macht der Clans in Deutschland: „Die Mafia, so scheint es, hat gewonnen.“ Laut dem BKA-Bericht musste man annehmen, dass Mafiosi in den nächsten Jahren ihre Einflusssphäre in Deutschland festigten.
Grobe Unkenntnis in Deutschland
Und heute? Da erinnert man sich kaum noch an die Mafia-Morde von Duisburg vor fünf Jahren. „Dem LKA liegen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass Gruppierungen der italienischen Organisierten Kriminalität in NRW ebenso tief in der Gesellschaft verwurzelt sind, wie dies von der Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments sowie den italienischen Sicherheitsbehörden dargestellt wird“, lautete die Antwort des Landeskriminalamts Düsseldorf auf eine Große Anfrage zum Thema „Bedrohung Nordrhein-Westfalens durch die Mafia“. Eine kühne Behauptung.
Nicht nur, weil sie von einer groben Unkenntnis der Mafia zeugt (deren vornehmste Eigenschaft es ist, immer Teil der Gesellschaft zu sein, in der sie sich befindet, nie ein Fremdkörper). Sondern auch, weil sie Erkenntnissen des Bundeskriminalamts widerspricht, in dessen Berichten bis heute zahllose deutsche Helfershelfer erscheinen, ohne deren Unterstützung die Mafia in Deutschland gar nicht existieren könnte: Rechtsanwälte, Steuerberater, Bankangestellte, Geschäftsführer, ehemalige Stasi-Mitarbeiter.
Die Mafia in Deutschland? Sie ist Kult. Es gibt sie als Computerspiel, als Fernsehserie, als Partymusik. Die Mafia hat sich wieder in ihre folkloristischen Gewänder gehüllt und verkauft erfolgreich ihre Propaganda. Etwa, dass sie keine Frauen und Kinder ermorde, dass sie gottesfürchtig sei und ein Opfer des italienischen Staates dazu. Und dass sie in Deutschland nichts anderes will, als eine gute Pizza Romana zu backen.