Fulham - ein ruhiges Stadtviertel in London, spät vormittags in einem Laden an der Ecke: Vier Jugendliche stöbern in den Regalen und schüchtern die Umstehenden durch ihr schnodderig-provozierendes Gehabe ein. Ein Mädchen aus der Gruppe will zahlen, findet sein Geld nicht und kramt demonstrativ langsam seine Utensilien aus den Jackentaschen.
Wie beiläufig fördert es eine Schusswaffe zutage, legt sie auf den Kassentisch, findet endlich sein Geld, zahlt und stopft sich die Waffe wieder in die Jackentasche. Die Umstehenden atmen erleichtert auf, als die Jugendlichen den Laden verlassen. Alltag in London.
Tragen einer Schusswaffe als Statussymbol
Wahrscheinlich ist die Waffe des Mädchens eine Attrappe, die für 20 bis 50 Pfund zu haben ist. Würde sie beim Tragen einer echten Waffe ertappt, müsste sie nach englischem Recht für drei Jahre ins Gefängnis - wenn für sie in den überfüllten englischen Jugendstrafanstalten Platz wäre.
Im Milieu gehört das Tragen einer Schusswaffe in London mittlerweile zum Statussymbol. In den von Rauschgift, Kriminalität und einer Rap- und Gangkultur geprägten Stadtteilen Lambeth und Southwark im Süden Londons tragen nicht wenige Jugendliche nicht mehr nur Attrappen, sondern echte Feuerwaffen. Und sie setzen die Waffen ein.
„Da haben sie ihn eben erledigt“
Allein in den vergangenen zwei Wochen gab es in den heruntergekommenen Stadtteilen Südlondons sechs Morde. Das Motiv: Racheakte im Krieg der schwarzen Drogenmafia und ihrer zahllosen Gangs, die sich im territorialen Verteilungskampf gegenseitig an die Gurgel gehen. Am 3. Februar wurden zwei Schwarze ermordet, am selben Tag trafen den 16 Jahre alten James Andre Smartt-Ford zwei Kugeln tödlich.
Drei Tage später wurde der 15 Jahre alte Michael Dosunmu von Tätern, die in das Haus der Familie einbrachen, in seinem Bett erschossen. Eine Woche später wurde Billy Cox, 15 Jahre alt, „exekutiert“, wie es die Polizei formulierte. Billy war der Polizei schon wegen Einbrüchen bekannt, hatte über Nacht Ausgehverbot und wurde überwacht.
Dennoch war er augenscheinlich Mitglied einer Gang, der „Clap Town Boys“, einer der sogenannten Crews, die mit Rauschgift handeln und dabei unliebsame Konkurrenz ohne Rücksicht ausschalten. Offenbar hatte sich Billy mit Gang-Mitgliedern angelegt. Drei Jugendliche sollen in seine Wohnung gekommen sein und ihn aus nächster Nähe erschossen haben. „Er war die Konkurrenz“, sagten Nachbarn in Lambeth. „Und da haben sie ihn eben erledigt.“
Opfer und Täter werden jünger und aggressiver
Das Ausmaß der Gewalt ist selbst für Londoner Verhältnisse so groß, dass die Polizei nun bewaffnete Beamte der „temporary task force“ in den südlichen Stadtteilen Londons patrouillieren lässt. Sie sollen den Banden der schwarzen Rauschgiftmafia Einhalt gebieten und den Bewohnern wieder ein Gefühl von Sicherheit geben.
Die Morde werden von der „Operation Trident“ untersucht, einer 1998 von der Metropolitan Police geschaffenen Spezialeinheit, die auf die Kriminalität der schwarzen Rauschgiftbanden in britischen Innenstädten spezialisiert ist. Ihre Statistiken geben ein trauriges Bild: Vor drei Jahren noch waren nur 16 Prozent der Todesopfer bei den Bandenkämpfen jünger als 20 Jahre. Vor zwei Jahren waren es schon 27 Prozent, und dieses Jahr sind es schon 32 Prozent. Die Opfer und die Täter werden jünger und immer aggressiver.
Tausende Messer kassiert
Der Süden der britischen Hauptstadt ist das Einsatzgebiet der sogenannten Yardies, schwarzer Rauschgifthändler, die zwischen London und Jamaika pendeln und über die Jahre hochkriminelle Banden aufgebaut haben. Sie heißen „Cartel Crew“ und „Peckham Boys“, „Clap Town Boys“ und „Terror Zone“, „Mitcham Boys“ oder „The Spanglers“. Es geht vor allem um Crack und Kokain. Ältere Kriminelle ziehen Jugendliche und Kinder in die Gangs hinein. Oft werden die Jungen als „gun runners“ missbraucht, denn Kinder können nicht bestraft werden, wenn sie mit einer Schusswaffe ertappt werden.
Der Waffenkult der Rauschgiftszene hat in London groteske Formen angenommen. Jugendliche in Lambeth und Southwark brüsten sich damit, sie könnten „in Stunden“ Schnellfeuergewehre oder eine Magnum besorgen. Pistolen würden auf dem Londoner Schwarzmarkt für umgerechnet 1500 Euro und Schnellfeuerwaffen für 1200 bis 6000 Euro verkauft, berichtet der „Evening Standard“.
Die Waffen würden für 350 Euro die Nacht an Kriminelle vermietet, wenn es gilt, Konkurrenten einzuschüchtern oder gar auszurauben. Allein im vergangenen Jahr beschlagnahmte die Sondereinheit Trident mehr als 900 Schusswaffen im schwarzen Rauschgiftmilieu. Bei einer bis Juni vergangenen Jahres geltenden Amnestie für Stichwaffen kassierte die Polizei Tausende Messer - aber die Kriminalität ist nicht einzudämmen.
Autodiebstahl, Raub oder Sexualverbrechen
Die schwarzen „Crews“ sind nicht die einzigen Banden, die Gewalt in die Metropole tragen. Scotland Yard schätzt, dass es in London gut 200 Banden gibt, unter ihnen auch solche aus der Gemeinschaft der pakistanischen Zuwanderer (Heroinschmuggel), türkische Gangs (Rauschgift), im Norden Londons albanische Banden (Prostitution) und im Zentrum chinesische Gruppen (Prostitution und illegales Glücksspiel). Hinzu kommen englische Banden, meist weiße Männer und Jugendliche, die sich auf Einbrüche und Überfälle spezialisieren.
Die britische Regierung behauptet, die Kriminalitätsrate im Lande sinke. Dass dem nicht so ist, zeigte jüngst ein Bericht der Vereinten Nationen, der auf einer Gallup-Umfrage in 21 Industrienationen basierte. Danach ist es in Großbritannien und vor allem in London gefährlicher als in allen anderen Industrieländern und ihren Großstädten. London ist, gemessen an der Zahl der Überfälle und Einbrüche, gar gefährlicher als New York und Istanbul. 32 Prozent der Londoner sind schon einmal Opfer von Kriminalität geworden, von Wohnungseinbruch, Autodiebstahl, Überfall, Raub oder Sexualverbrechen.
In New York liegt die vergleichbare Zahl bei 23 Prozent der Bevölkerung, in Istanbul bei 18 Prozent. Dass einem Bewohner Fulhams von Rauschgifthändlern der Wagen gestohlen wird, während der Fahrer nur zehn Meter entfernt ist, dass Einbrecher in die Wohnung eindringen, während der Mieter im Wohnzimmer telefoniert, dass Frauen, mit ihren Kindern auf dem Schulweg, von Jugendlichen zur Herausgabe von Handtasche und Mobiltelefon gezwungen werden - das alles kommt vor. Wer sich in einem solchen Fall bei der Polizei meldet, wird zunächst darüber belehrt, dass dies kein Überfall im Sinne von „robbery“ gewesen sei. Dafür müsse das Opfer verletzt sein. Andernfalls handele es sich nur um „Belästigung“. So schönt die britische Regierung ihre Kriminalstatistik.
Polizisten sind überfordert
Die Londoner Kriminalität kann man aber nicht nur den schwarzen Rauschgiftbanden in die Schuhe schieben. Das ließe außer Acht, wie vernachlässigt und verwahrlost viele Jugendliche in Großbritannien aufwachsen - ob sie schwarzer oder weißer Hautfarbe sind. Nach einer Studie zur Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, liegt Großbritannien auf dem letzten Platz aller 21 Industrienationen - ein erschütterndes Ergebnis für die Regierung, die den Kampf gegen Kinderarmut zu einem ihrer Hauptthemen erkoren hatte.
Bewohner Londons erleben immer öfter marodierende Gruppen Jugendlicher in ihren Wohngebieten, die Passanten bedrohen, Autos aufbrechen, mit Rauschgift handeln und aggressiv werden, sobald sie jemand zur Rechenschaft ziehen will. Zu ihnen gehören auch die „Wheelers“, die auf Fahrrädern demonstrativ riskant in den laufenden Verkehr fahren, Autofahrer zum Bremsen zwingen, den Wagen bespucken oder gar zuschlagen, wenn der Fahrer erschrocken aussteigt.
Wer sich über den alltäglichen Terror bei der Polizei beschweren will, kapituliert bald: Die Notrufzentrale reagiert nur auf lebensbedrohliche Schwerkriminalität, bei der lokalen Polizeistation wird man abgewimmelt. Die Polizisten sind überfordert. Die randalierenden Jugendlichen und die kriminellen Banden nützen das aus.
Sechs Morde....
Guido Koch (g.koch)
- 20.02.2007, 22:52 Uhr
Ist das nun furchtbar oder gibt es Schlimmeres?
gisbert heimes (gisbert4)
- 21.02.2007, 01:07 Uhr
Heruntergekommen und verwahrlost
Susanne Kost (susanne.kost)
- 21.02.2007, 18:32 Uhr