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London : Sechs Morde in zwei Wochen

  • -Aktualisiert am

Vor dem Tatort abgelegter Zettel zum Gedenken an den getöteten Billy Cox Bild: REUTERS

In den heruntergekommenen Stadtteilen Südlondons ist Gewalt an der Tagesordnung. Die Polizei von London wird der Banden und der jugendlichen Randalierer kaum mehr Herr. Das liegt auch an der Kinderarmut, die Tony Blair doch bekämpfen wollte.

          Fulham - ein ruhiges Stadtviertel in London, spät vormittags in einem Laden an der Ecke: Vier Jugendliche stöbern in den Regalen und schüchtern die Umstehenden durch ihr schnodderig-provozierendes Gehabe ein. Ein Mädchen aus der Gruppe will zahlen, findet sein Geld nicht und kramt demonstrativ langsam seine Utensilien aus den Jackentaschen.

          Wie beiläufig fördert es eine Schusswaffe zutage, legt sie auf den Kassentisch, findet endlich sein Geld, zahlt und stopft sich die Waffe wieder in die Jackentasche. Die Umstehenden atmen erleichtert auf, als die Jugendlichen den Laden verlassen. Alltag in London.

          Tragen einer Schusswaffe als Statussymbol

          Wahrscheinlich ist die Waffe des Mädchens eine Attrappe, die für 20 bis 50 Pfund zu haben ist. Würde sie beim Tragen einer echten Waffe ertappt, müsste sie nach englischem Recht für drei Jahre ins Gefängnis - wenn für sie in den überfüllten englischen Jugendstrafanstalten Platz wäre.

          Im Milieu gehört das Tragen einer Schusswaffe in London mittlerweile zum Statussymbol. In den von Rauschgift, Kriminalität und einer Rap- und Gangkultur geprägten Stadtteilen Lambeth und Southwark im Süden Londons tragen nicht wenige Jugendliche nicht mehr nur Attrappen, sondern echte Feuerwaffen. Und sie setzen die Waffen ein.

          „Da haben sie ihn eben erledigt

          Allein in den vergangenen zwei Wochen gab es in den heruntergekommenen Stadtteilen Südlondons sechs Morde. Das Motiv: Racheakte im Krieg der schwarzen Drogenmafia und ihrer zahllosen Gangs, die sich im territorialen Verteilungskampf gegenseitig an die Gurgel gehen. Am 3. Februar wurden zwei Schwarze ermordet, am selben Tag trafen den 16 Jahre alten James Andre Smartt-Ford zwei Kugeln tödlich.

          Drei Tage später wurde der 15 Jahre alte Michael Dosunmu von Tätern, die in das Haus der Familie einbrachen, in seinem Bett erschossen. Eine Woche später wurde Billy Cox, 15 Jahre alt, „exekutiert“, wie es die Polizei formulierte. Billy war der Polizei schon wegen Einbrüchen bekannt, hatte über Nacht Ausgehverbot und wurde überwacht.

          Dennoch war er augenscheinlich Mitglied einer Gang, der „Clap Town Boys“, einer der sogenannten Crews, die mit Rauschgift handeln und dabei unliebsame Konkurrenz ohne Rücksicht ausschalten. Offenbar hatte sich Billy mit Gang-Mitgliedern angelegt. Drei Jugendliche sollen in seine Wohnung gekommen sein und ihn aus nächster Nähe erschossen haben. „Er war die Konkurrenz“, sagten Nachbarn in Lambeth. „Und da haben sie ihn eben erledigt.“

          Opfer und Täter werden jünger und aggressiver

          Das Ausmaß der Gewalt ist selbst für Londoner Verhältnisse so groß, dass die Polizei nun bewaffnete Beamte der „temporary task force“ in den südlichen Stadtteilen Londons patrouillieren lässt. Sie sollen den Banden der schwarzen Rauschgiftmafia Einhalt gebieten und den Bewohnern wieder ein Gefühl von Sicherheit geben.

          Die Morde werden von der „Operation Trident“ untersucht, einer 1998 von der Metropolitan Police geschaffenen Spezialeinheit, die auf die Kriminalität der schwarzen Rauschgiftbanden in britischen Innenstädten spezialisiert ist. Ihre Statistiken geben ein trauriges Bild: Vor drei Jahren noch waren nur 16 Prozent der Todesopfer bei den Bandenkämpfen jünger als 20 Jahre. Vor zwei Jahren waren es schon 27 Prozent, und dieses Jahr sind es schon 32 Prozent. Die Opfer und die Täter werden jünger und immer aggressiver.

          Tausende Messer kassiert

          Der Süden der britischen Hauptstadt ist das Einsatzgebiet der sogenannten Yardies, schwarzer Rauschgifthändler, die zwischen London und Jamaika pendeln und über die Jahre hochkriminelle Banden aufgebaut haben. Sie heißen „Cartel Crew“ und „Peckham Boys“, „Clap Town Boys“ und „Terror Zone“, „Mitcham Boys“ oder „The Spanglers“. Es geht vor allem um Crack und Kokain. Ältere Kriminelle ziehen Jugendliche und Kinder in die Gangs hinein. Oft werden die Jungen als „gun runners“ missbraucht, denn Kinder können nicht bestraft werden, wenn sie mit einer Schusswaffe ertappt werden.

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