18.02.2010 · Als der Feueralarm im weitläufigen Gebäudekomplex ertönt, wissen die Schüler der Berufsbildenden Schule Technik II in Ludwigshafen, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Wenig später ist es traurige Gewissheit: Ein ehemaliger Schüler hat einen Lehrer ermordet. Aus Ludwigshafen berichtet Thomas Holl.
Von Thomas Holl, LudwigshafenAls kurz vor zehn Uhr morgens der Feueralarm in dem weitläufigen Gebäudekomplex ertönt, wissen die Schüler der Berufsbildenden Schule Technik II in Ludwigshafen, dass etwas Besonderes passiert sein muss. „Wir haben Schreie gehört. Als wir dann aus dem Werkstattraum geschaut haben, lag da unser Lehrer im Treppenhaus. Dann sind alle in Panik rausgerannt.“ Immer wieder erzählt der 16 Jahre alte Ramazan Yilmaz den Reportern, was er gesehen und gehört hat. Der Jugendliche hatte in dem flachen Nebengebäude in der Malerwerkstatt gerade bei seinem Lehrer im Fach „Farbgestaltung und Lackieren“ Unterricht. Als gegen elf Uhr vormittags die ersten Meldungen über eine „unklare Bedrohungslage“ mit mindestens einer schwer verletzten Person und der Räumung der Schule laufen, werden sofort Erinnerungen an den Amoklauf von Winnenden vor gut einem Jahr wach. Am 11. März 2009 hatte der 17 Jahre alte Schüler Tim K. dort in seiner Schule und im Nachbarort 15 Menschen erschossen, bevor er sich selbst tötete.
In einer Pressekonferenz im Polizeipräsidium Rheinpfalz am Nachmittag wird klar, dass es sich nicht um einen wahllosen Amoklauf, sondern offenbar um den gezielten Angriff eines 23 Jahre alten ehemaligen Berufsschülers gegen seinen früheren Lehrer handelt. Nach Angaben des zuständigen Staatsanwalts Lothar Liebig verletzte der junge Mann mit einem mitgebrachten Kampfmesser seinen früheren Lehrer tödlich, der sich offenbar heftig wehrte. Zeugen für die Tat gibt es nicht. Nach Angaben Liebigs hat der festgenommene Beschuldigte, der die Schule nach eigenen Angaben 2004 verlassen hat, aber die tödliche Attacke in einer ersten Vernehmung gestanden. Als Motiv habe der in Ludwigshafen lebende und in einer „Fördermaßnahme“ arbeitende Beschuldigte angegeben, dass er eine „große Wut“ empfunden habe, weil der Lehrer ihm damals „viel zu schlechte Noten“ gegeben habe. Gegen den mutmaßlichen Täter wird nun wegen „Mordes aus niedrigen Beweggründen“ ermittelt.
Ein bengalisches Feuer im Flur
Dass es außer dem 58 Jahre alten Lehrer, der während der Erste-Hilfe-Maßnahmen am Tatort an der tödlichen Stichverletzung starb, keine weiteren Opfer gab, ist wohl auch dem schnellen Eingreifen der Polizei zu verdanken. Als um 10.01 Uhr im Präsidium der Brandalarm eingeht, seien zwei in der Nähe fahrende Funkstreifen mit vier Polizeibeamten rasch an dem Gebäudekomplex eingetroffen, der an einer vierspurigen Schnellstraße im Ludwigshafener Stadtteil Mundenheim liegt.
Neben 3200 Schülern etlicher Berufsschulen, die in dem Georg-Kerschensteiner-Berufsbildungszentrum zu Bauzeichnern, Fleischern oder Hotelfachleuten ausgebildet werden, befindet sich in dem weitläufigen Gebäudekomplex auch noch die Fachhochschule mit etwa 1000 Studenten. Als die Beamten dort eintreffen, wird ihnen zugerufen, dass eine „Bedrohungssituation“ vorliegt, wie es der stellvertretende Polizeipräsident Franz Leidecker ausdrückt.
Den Feueralarm löste der Mann selbst aus
Aus dem dritten Obergeschoss des Hauptgebäudes sind Schussgeräusche zu hören, zudem hat der Täter ein „Bengalisches Feuer“, eine Art Brandfackel, entzündet. Die Polizisten sehen einen Flüchtenden, der aus einer später als Schreckschusspistole identifizierten Waffe mehrere Schüsse abgibt. Die Beamten nähern sich mit gezogenen Waffen in geduckter Haltung dem Täter und fordern ihn zur Aufgabe auf. „Der Täter ließ dann seine Waffe fallen und wurde festgenommen.“ Den Feueralarm löste der Mann selbst aus, nachdem sein Brandsatz nicht richtig gezündet habe.
Neben dem ersten, tödlichen verletzten Opfer greift der ehemalige Schüler auch noch zwei weitere Lehrer an, darunter den Schulleiter. Da zunächst nicht klar ist, ob es sich um einen Einzeltäter handelt, lässt die Polizei das gesamte Schulgelände mit etwa 2000 Schülern und 130 Lehrern räumen. Spezialeinheiten durchkämmen und durchsuchen die Gebäude. In der nahegelegenen Anne-Frank-Realschule werden Schüler und Lehrer zunächst psychologisch betreut.
Später trifft auch die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen (SPD) ein. „Sie sehen mich fassungslos und in Gedanken bei dem Opfer und seinen Angehörigen. Es ist einfach entsetzlich“, sagt die Politikerin, die den Tränen nah ist. Gekommen ist auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Maria Böhmer (CDU). Es sei eine besondere Schule, der sie „sehr verbunden“ sei. Als Modellprojekt der Bundesregierung werden hier vor allem Jugendliche aus Einwandererfamilien gefördert, damit sie mit einer guten Ausbildung Chancen auf einen Arbeitsplatz bekommen.
Thomas Holl Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.
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