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Kriminalität Stolz auf jeden einzelnen Mord

01.07.2005 ·  „Wir sind eine Seuche“: Die Maras sind zum Schrecken der mittelamerikanischen Länder geworden - die Regierungen versuchen verzweifelt, der Jugendbanden Herr zu werden.

Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
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"Wir sterben nicht aus. Wir sind eine Seuche. Es kommen mehr dazu als gehen", sagt der frühere Anführer "El Recio" (Der Rauhe) und verschwindet wieder in seiner Gefängniszelle in Tegucigalpa. Als Chef der Gruppe "Mara 18" hatte er in Honduras mehr als 20.000 Gefolgsleute im Alter zwischen zehn und 20 Jahren hinter sich.

Sie sind in einzelnen "Clikas" (Cliquen) organisiert. Diese Unterorganisationen, die aus noch kleineren Zellen zusammengesetzt sind, dienen keinem anderen Zweck, als Raubüberfälle, Vergewaltigungen, Morde und andere Verbrechen zu begehen. Ein Mitglied der "M 18" soll innerhalb von sechs Monaten 180 Personen getötet haben. Im Nachbarland Guatemala sind kürzlich in nur sechs Tagen 25 Personen von jugendlichen Kriminellen umgebracht worden, vorwiegend Mitglieder rivalisierender Gruppen.

Honduras leidet am meisten unter der „Seuche“

Die Maras sind zum Schrecken der mittelamerikanischen Länder geworden. Alle Versuche der Regierungen in der Region, mit "harter Hand" gegen die Banden vorzugehen, sie länderübergreifend zu verfolgen und ihnen den Garaus zu machen, sind bisher gescheitert. Am Donnerstag kündigten die Präsidenten der Karibikstaaten bei ihrem Gipfeltreffen in Tegucigalpa an, künftig gemeinsam gegen die Banden kämpfen zu wollen. Die "Anti-Mara-Gesetze", die Honduras und El Salvador 2003 beschlossen, haben zwar dazu geführt, daß die Macht der Banden dort ein wenig zurückgegangen ist. Dafür sind sie in die Nachbarländer ausgewichen, besonders nach Guatemala und Mexiko. Nach neuesten Schätzungen sind in Mittelamerika mittlerweile 100.000 Jugendliche in den "Maras" organisiert, in Mexiko und in den Vereinigten Staaten mindestens noch einmal so viele.

Vor einem Jahr warnte der Präsident von Honduras, Ricardo Maduro, dessen Land neben El Salvador und Guatemala am meisten unter der "Seuche" leidet, vor der Gefahr, die Maras könnten mit dem internationalen Terrorismus in Verbindung geraten und von ihm für seine Ziele benutzt werden. Die Befürchtung teilt auch die internationale Polizeiorganisation Interpol. Bei ihrer jüngsten regionalen Jahrestagung in der peruanischen Hauptstadt Lima berichteten leitende Interpol-Mitglieder, es gebe im Augenblick zwar noch keine Beweise dafür, doch starke Indizien. Für das Mara-Problem sieht Interpol keine Lösung in naher Zukunft. Im Gegenteil, es werde sich weiter verschärfen, hieß es in Lima.

„Für meine Mutter lebe ich, für meine Mara sterbe ich“

"Für meine Mutter lebe ich, für meine Mara sterbe ich" lautet der Wahlspruch der "Mareros". Die kalifornische Polizei hatte 1992 die "Mara Salvatrucha" (Salva: El Salvador, trucho: gewitzt) als Haupturheber eines Aufstands in Los Angeles ausgemacht. Die anderen Hispanos jener Jahre organisierten sich in der "Mara 18", einer Bande von Mexikanern, zu denen sich Flüchtlinge aus Honduras, Guatemala und Nicaragua gesellten. Sie wurden festgenommen und eingesperrt, in den kalifornischen Gefängnissen fanden sie sich wieder zusammen. Der amerikanische Kongreß erließ 1996 ein Gesetz, wonach jeder Ausländer, der länger als ein Jahr im Gefängnis sitzt, in sein Heimatland deportiert werden muß. Zwischen 2000 und 2004 kamen auf diese Weise 20.000 jugendliche Kriminelle in die mittelamerikanischen Staaten zurück. Dort fanden sie die besten Voraussetzungen, um ihr kriminelles Unwesen weiter treiben zu können: Arbeitslosigkeit von mehr als 50Prozent, extreme Armut, Unterernährung und Analphabetismus, korrupte Regierungen und eine kurzsichtige herrschende Oberschicht.

Das Phänomen der Maras ist das Ergebnis einer explosiven Mischung aus Gewalt, Ausgrenzung, Armut und Versagen der Justiz, aber auch eine Spätfolge der früheren Kriege und Konflikte zwischen aufständischen Gruppierungen und staatlichen Sicherheitskräften, zwischen Guerrilla und "Contras". Viele Kinder und Jugendliche, die sich den Banden angeschlossen haben, sind als Strandgut der Nachkriegswirren aufgewachsen, nur auf sich gestellt. Andere sind wegen der katastrophalen sozialen Verhältnisse früh in das kriminelle Milieu abgeglitten.

Streit zwischen Maras und Drogenkartellen

Begünstigt wird das Entstehen und die Ausbreitung der Jugendbanden durch die nahezu freie Verfügbarkeit von Waffen jeder Art, bis hin zu Sturmgewehren wie M-16 oder AK-47, die teilweise aus den früheren Arsenalen von Guerrilla und "Contras" stammen. In Mexiko beteiligen sich Maras am Menschenhandel in die Vereinigten Staaten. Cliquen der "Mara Salvatrucha" beherrschen den Ort Tapachulasan an der Grenze zu Guatemala, wo die Immigranten aus Zentralamerika eintreffen, um Mexiko zu durchqueren und in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Die Mareros überfallen Züge und rauben den Passagieren ihr Geld. Menschenhändler verlangen 2.000 bis 8.000 Dollar für den Personenschmuggel. Die Maras wollen sich das Geschäft nicht entgehen lassen, manchmal dienen sie sich auch selbst als "Koyoten" (Händler) an.

In den Armenvierteln der großen Städte streiten sich die Jugendbanden mit den Drogenkartellen um die Rauschgiftverteilung. Die meisten Mitglieder der Banden sind selbst rauschgiftabhängig. Als Einstandsritual bekommen junge Männer eine Tracht Prügel, junge Mädchen müssen sexuelle Beziehungen mit mindestens drei Mitgliedern der Bande unterhalten. Die Mareros haben einen bizarren Sinn für Zahlensymbolik. Bei der "Mara Salvatrucha", die in der 13.Straße in Los Angeles entstanden ist, dauert die Prügelorgie 13 Sekunden, zeigt das Opfer jedoch Widerstand, beginnt die Tortur von vorne. Bei der "M 18" dauert sie 18 Sekunden.

Tätowierung zeigt Gruppen-Zugehörigkeit

Charakteristisch für die Bandenmitglieder ist die Tätowierung auf dem ganzen Körper mit Angaben über die Zugehörigkeit zu ihrer Gruppierung. An der rechten Hand zwischen Zeigefinger und Daumen geben bestimmte Zeichen über die Art der abgeleisteten Verbrechen Aufschluß. "Wir sind für unser Leben gebrandmarkt, aber wir leben ja auch nicht lange", sagt der Mara-Anführer "El Mal" (Das Böse). Zwei Drittel der Jugendlichen, die die Maras verlassen, kommen kurze Zeit danach ums Leben.

Südamerika ist bisher von der Mara-"Seuche" weitgehend verschont geblieben. Fachleute fürchten aber, daß in einigen Ländern der Nährboden schon bereitet ist, in Peru und Ecuador gibt es schon erste Mara-Gruppierungen. Wenn in Argentinien die von der Krise verschärfte Armut und Marginalisierung großer Teile der Bevölkerung nicht beseitigt oder stark verringert wird, kann es sehr schnell gehen, bis auch am Rio de la Plata die ersten Maras auftauchen. Vorformen und Varianten existieren schon.

Für die Armen ist es nur ein kleiner Schritt

In der Provinz Buenos Aires leben zwei Millionen Jugendliche zwischen 14 und 21Jahren, die Hälfte von ihnen ist arm, 38,8 Prozent sind bedürftig, einer von fünf geht weder zur Schule noch zur Arbeit. Rund 90 Prozent der Diebstähle mit Waffengewalt werden von Delinquenten zwischen 16 und 25 Jahren begangen, fast immer sind Drogen im Spiel.

Nahezu jeder Jugendliche, der einmal im Gefängnis war, wird nach der Freilassung wieder straffällig. Nach Meinung der meisten Fachleute ist es von der in Argentinien noch vergleichsweise harmlosen Form der Jugendkriminalität zu den gut organisierten Maras mit ihrer unbegrenzten Bereitschaft zur Gewalt nur ein kleiner Schritt.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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