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Kriminalität Mit dem Zieh-Fix in die Limousine

 ·  In Deutschland haben Autodiebstähle im vergangenen Jahr stark zugenommen. Die Täter sind äußerst professionell. Oft brauchen sie nur wenige Monate, um neue Sicherheitstechniken der Hersteller zu umgehen.

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Das muss man erst einmal erklären: Der tarantellaschwarze Phaeton mit Perleffekt, den man vorgestern noch als gestohlen gemeldet hatte, steht am nächsten Tag ohne geringste Aufbruchspuren verladefertig am Seehafen Rotterdam. Die Polizei wird fragen: Wie viele Schlüssel hatten Sie denn? „Der Händler hat mir zwei Schlüssel gegeben.“ Waren das wirklich alle Schlüssel? Gab es nicht irgendwo vielleicht noch welche? Achselzucken auf Seiten des Käufers und Händlers. Der Hersteller wird sagen, dass das Fahrzeug nur mit dem Originalschlüssel geöffnet werden kann. Und der Versicherer wird daraufhin jegliche Zahlung an den Bestohlenen ablehnen.

Insgesamt 40.375 Autos wurden 2009 als gestohlen gemeldet, 2008 waren es noch 37.184 Fahrzeuge. Nach 16 Jahren kontinuierlichen Rückgangs ist somit wieder ein deutlicher Anstieg der Fälle zu verzeichnen (dazu zählen auch die vorgetäuschten Diebstähle). Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für 2009, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, verzeichnet eine Zunahme um 8,9 Prozent. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass sich insgesamt seit 1993 die Anzahl der Fälle stark verringert hat: 1993 waren es noch 214.836 Fälle im Vergleich zu den 40.375 Fällen von 2009. Gestohlen wird dabei alles, was Rang und Namen hat: Gerne die X-er-Serie von BMW, alle SUVs, Volkswagen, Audi. In grenznahen Bundesländern gibt es die größten Zunahmen, in Berlin, Sachsen und Brandenburg zum Beispiel. Der Wegfall der Grenzkontrollen im Zuge der Erweiterung des Schengenraumes 2007 wird als wichtige Ursache gesehen.

Hieß es noch in der PKS für 2008, der niedrigste Stand seit 1993 sei auf die sicherheitstechnischen Ausstattungen der Fahrzeuge zurückzuführen, so lässt die Zunahme der Fälle demnach nur einen Rückschluss zu: Die Täter haben aufgerüstet. Auch das Landeskriminalamt Niedersachsen führt die steigenden Fallzahlen vermehrt auch auf den Diebstahl von älteren Fahrzeugen (bis Baujahr 2003) zurück. Für diese Autos sei das richtige Handwerkszeug – die sogenannten Entwendertools – inzwischen wesentlich günstiger zu bekommen.

Der Schlüssel zum Auto ist der Schlüssel. Entweder wird er klassisch vom Kneipentisch, aus dem Hotelzimmer, der Wohnung oder der Badetasche gestohlen. Oder er wird schon vor dem Verkauf nachgemacht – besonders bei Gebrauchtwagen. „Beim Autokauf wird selten festgehalten, wie viele Schlüssel zum Auto gehören oder übergeben werden“, sagt Detlev Burgartz von „Crimereport“, einem Informationsportal für die Versicherungswirtschaft. In kaum einem Bedienungshandbuch sei von der offiziellen Schlüsselanzahl die Rede. „Der Kunde fragt nicht nach, erhält somit kein Schriftstück, in dem seine Anzahl an Schlüsseln als die offiziellen Originalschlüssel bestätigt werden.“

Der moderne Kleiderbügel

Vor dem Verkauf, besonders bei Gebrauchtwagen, würden oft illegal Nachschlüssel angefertigt. Der Kunde fährt also mit seinem Auto nach Hause, das vielleicht am nächsten Morgen nicht mehr vor der Tür steht. Und gerät gegenüber Polizei und Versicherer in Erklärungsnot. „Der Kunde müsste sich schriftlich bestätigen lassen, wie viele Schlüssel auf der Schlüsselbahn angelernt sind“, sagt Burgartz, also elektronisch für dieses Autos zugelassen sind. Diagnosegeräte der Werkstätten könnten das leicht überprüfen.

Doch es geht auch ohne Schlüssel. Wo früher der umgebogene Kleiderbügel seine Dienste tat, ist heute ausgeklügelte Technik im Einsatz. So werden sogar schon Funkstörsender verwendet. Denn wer auf einem riesigen Parkplatz im Gehen per Schlüssel sein Auto elektronisch verriegelt, schaut oft kaum hin, ob es auch geblinkt und geklickt hat. Und erst recht geht er nicht nochmals zurück und überprüft am Türgriff, ob auch wirklich abgeschlossen ist. Ein Störsender kann bequem das Funksignal unterbrechen – das Auto wird nicht abgeschlossen, obwohl man das Knöpfchen auf dem Schlüssel gedrückt hat.

Professionalität und Arbeitsteilung

Ist der Täter erst einmal im Auto, wird er mit einem laptopähnlichen Gerät wie in „Mission Impossible“ mit der Daten-Schnittstelle des Autos kommunizieren, um der Wegfahrsperre klarzumachen, dass er der neue Zugangsberechtigte ist. „Dazu wird ein falscher Schlüssel mit integriertem Transponder angelernt“, sagt Jürgen Barton, Kriminalhauptkommissar im Fachbereich Kraftfahrzeugdiebstahl in Köln. Doch auch aufgebrochen werden Autos immer noch. Mittels eines „Zieh-Fix“, eines extra dafür entwickelten Werkzeugs, kann der Schließzylinder im Türgriff überwunden werden. „Die Täter lernen schnell“, sagt Barton. „Sie brauchen oft nur drei oder vier Monate, um auf neue Sicherheitstechniken der Hersteller zu reagieren.“ In den Niederlanden verlangten manche Versicherer von ihren Kunden, an ihren Luxusfahrzeugen einen GPS-Sender anzubringen.

Die Professionalität spricht für die Tätergruppe. In erster Linie sind nach Polizeiangaben organisierte Banden für das Gros der Diebstähle verantwortlich. Es herrscht Arbeitsteilung. Spezialisten kümmern sich um die Entwendung, andere Spezialisten um das Verladen und Verstecken auf Lastwagen, Kuriere bringen die Autos auf dem Lastwagen ins Ausland, wo sie wiederum von Spezialisten für den Weiterverkauf in Empfang genommen werden.

Im Staub des Eyjafjallajökull

Betroffen sind alle, die Autos besitzen: Vom Privatmann über Mietwagenfirmen, vom Flottenmanagement großer Unternehmen bis zu Leasingfirmen. So hatte zum Beispiel die Aschewolke des Vulkans Eyjafjallajökull zur Folge, dass „Kunden“, die angeblich irgendwo hängenblieben, als in Europa kein Flugzeug mehr flog, ohne große Prüfung für einen Schnäppchenpreis teure Fahrzeuge liehen. Die Autos wurden nie wieder gesehen. Oft werden auch mit Papieren von dubiosen Firmen, die kurz vor dem Bankrott stehen, 20 oder 30 Leasingverträge abgeschlossen. Auch diese Autos sieht man nicht wieder.

Zumindest nicht in Deutschland. Russland, Polen, Ukraine, Weißrussland, die Slowakei, Rumänien sowie die baltischen Staaten sind wichtige Absatzmärkte für gestohlene Autos in Deutschland. Richtung Süden geht es oft über niederländische Häfen nach Marokko, Nigeria oder in andere westafrikanische Staaten. Verschickt wird zu Land und zur See, mitunter auch mit der Bahn. Die Kontrollen an den Seehäfen seien mehr als durchlässig, sagen Fachleute. Oft werde bei der Ausreise nur die Fahrgestellnummer fragmentarisch notiert, noch nicht einmal die Marke.

Ersatzteillager und Unfall-Betrüger

Nach Angaben von Interpol gelten auf der ganzen Welt mehr als 6,2 Millionen Fahrzeuge (Stand Dezember 2009) als gestohlen. Die internationale Zahl hat sich noch dramatischer entwickelt als die deutsche: 2008 waren es noch 4,6 Millionen gestohlene Fahrzeuge, 2009 waren es schon 6,2 Millionen – eine Zunahme von sage und schreibe knapp 1,6 Millionen gestohlener Fahrzeuge. In den Jahren davor lagen die Steigerungen immer deutlich unter einer Million, meist waren es zwischen 300.000 und 400.000 Fahrzeuge jährlich.

Die gestohlenen Fahrzeuge fungieren auch als Ersatzteillager, wie man auf den Fotos von Fahndern in Osteuropa erkennt. Alles, was älter ist als vier oder fünf Jahre, wird zumeist ausgeschlachtet: Airbags, Navigationsgeräte, Türen, Sitze, Spiegel. In Litauen und Polen gebe es Firmen, die ausschließlich Airbags und Navigationsgeräte aus gestohlenen Fahrzeugen verkauften, heißt es. Auf diesem Markt wiederum tummeln sich die Unfall-Betrüger, die in Deutschland einen Verkehrsunfall provozieren, sich den Schaden von der Versicherung bezahlen, aber nicht gerade in der Vertrags-Werkstatt reparieren lassen. Warum viel Geld für einen Marken-Airbag ausgeben, wenn man genau das gleiche Exemplar viel billiger haben kann?

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Jahrgang 1969, Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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