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Kriminalität in Japan : Eine dicke schwarze Null des Verbrechens

Aufpasser: Kenjuro Abe und Mitstreiter auf Patrouille

Eine Erklärung für die niedrige Kriminalitätsrate und die hohen Aufklärungsquoten ist auch das dichte Netz sozialer Kontrolle. Bald an jeder dritten Straßenecke gibt es einen „Koban“, eine Polizeiwache, 826 allein in den Innenstadtbezirken Tokios. Selbst in abgelegenen Landesteilen gibt es außerdem Selbsthilfegruppen, die regelmäßig Patrouillen machen - und genau Buch darüber führen, wie viele Wohnungseinbrüche es im Viertel gegeben hat. In Saitama, der Präfektur mit 7,2 Millionen Einwohnern vor den Toren Tokios, gibt es 5000 solcher Bürgergruppen. Nirgendwo sonst im Land haben sich so viele Menschen zur Verbrechensvorbeugung zusammengetan.

Kenjuro Abe, 78 Jahre alt, hat vor knapp zehn Jahren im Bezirk Minamihara in der Stadt Toda so eine Gruppe gegründet. „Vielleicht mag es verglichen mit anderen Ländern in Japan sicherer sein“, räumt er ein, „aber verglichen mit der Zeit, als ich jung war, gibt es heute mehr Verbrechen.“ Die zumeist alten Leute, die zu seiner Gruppe gehören, nicken zustimmend. Mit leuchtend hellgrünen Westen, unter denen sie gelbe Hemden tragen, ziehen die Senioren regelmäßig um drei, um fünf und nach sechs durch die Straßen und machen dabei bewusst auch ein bisschen Krach.

„Leute, die Verbrechen planen, gibt es immer“, sagt Abe. Potentielle Täter, hoffen sie, würden allein durch ihre Kontrollgänge abgeschreckt. 2003 habe es in dem Bezirk noch bis zu 20 Einbrüche gegeben, viele in leerstehende Häuser. Und jetzt? Abes Statistik kennt seit kurzem fast nur noch eine Zahl, eine dicke schwarze Null. Die 28 Männer und 30 Frauen, die in seiner Gruppe mitmachen, patrouillieren nicht nur durch die Straßen. Sie treffen sich vorher bei Tee und Kuchen, sprechen über Alltagssorgen. Das Durchschnittsalter liegt bei 62. „Hier mitzumachen bereichert mein Leben“, sagt Akiko Inoue.

Woher kommt die große Furcht vor der Kriminalität? Das hat viel zu tun mit der Politik. Der frühere nationalkonservative Gouverneur der Hauptstadt, Shintaro Ishihara, hat in einem Zeitungsartikel vor wenigen Jahren vorgemacht, wie eine schlechte Stimmung geschaffen wird. Da sprach er vom „Zusammenbruch der öffentlichen Sicherheit“ - eine Folge der Globalisierung und der vielen Ausländer -, wobei es in Japan bis heute praktisch keine Einwanderung gibt und die Zahlen ihn nicht bestätigen. Bis heute ist Japan ein Land, in dem eine im Café vergessene Kamera oder Geldbörse selbst nach drei Stunden noch auf dem Tisch liegt oder von einem aufmerksamen Besucher abgegeben wurde.

Gleichwohl boomt auch der Krimimarkt. In wohl kaum einem anderen Land verschlingen Leser so viele Kriminalromane wie in Japan. Zu den vielen heimischen Autoren kommen Übersetzungen, auch deutsche Autoren wie Nele Neuhaus oder Volker Kutscher haben hier ihre Fans. Kripo-Chef Ohno schwört auf den Japaner Keigo Higashino. Higashino ist in Japan einer der populärsten Krimiautoren, aber leider gibt es von ihm, wie von vielen anderen Krimiautoren aus Japan, kaum Übersetzungen.

Bei der Frage, wie viel die japanischen Krimis mit der Wirklichkeit der Polizeiarbeit zu tun hätten, muss Ohno erstmals lachen. „Nichts“, sagt er nur. „Das ist sehr weit weg von der Wirklichkeit.“ Im Krimi steht stets ein einzelner Kommissar im Mittelpunkt, der genial den Fall löst und den Verbrecher überführt. In der Wirklichkeit sind es mehrere Dutzend Kriminalisten, die - jeder auf seinem Gebiet - die Puzzleteile eines Falls zusammentragen. Außerdem würden Verdächtige nie so schnell gestehen wie im Roman. „Die leugnen bis zuletzt.“ Er sagt es nicht, aber insgeheim scheint auch der Vizechef der Kripo in Tokio davon zu träumen, seine Arbeit hätte etwas mehr mit der Wirklichkeit im Kriminalroman zu tun.

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