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Kriminalität 300 Waisenkinder zum Verkauf angeboten

05.01.2005 ·  Wurden im asiatischen Flutgebiet Kinder entführt oder nicht? Floriert im Schatten der Katastrophe der in der Region ohnehin existierende Handel mit Waisen? Kinder müssen in den verwüsteten Staaten offenbar nicht nur die Katastrophe verkraften.

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Die Befürchtungen der Vereinten Nationen sind schlimm genug. Man habe konkrete Hinweise auf eine erhöhte Sterblichkeitsrate unter Kindern in der asiatischen Katastrophenregion, sagte der UN-Koordinator für Katastrophenhilfe, Jan Egeland, am Dienstag. Doch Krankenheiten, fehlende Nahrung, das traumatische Erlebnis der Zerstörung und des möglichen Verlusts der Eltern sind offenbar nicht die einzigen schlimmen Erfahrungen, die Kinder in den Trümmern ihrer Heimat machen. Es verdichten sich vielmehr Hinweise auf einen florierenden Handel mit Waisen und Kindes-Entführungen.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) betonte am Dienstag zwar, es lägen keine offiziellen Berichte über entführte oder verschleppte Kinder im Katastrophengebiet Südasiens vor. Doch die schwedische Polizei schickte gleichzeitig zwei Ermittler nach Thailand, um gemeinsam mit der örtlichen Polizei nach einem angeblich aus einem Krankenhaus verschleppten schwedischen Jungen zu fahnden. Bisher gebe es aber noch keine Erkenntnisse über den Verbleib des zwölfjährigen Krisitan Walker. Gefahndet wird nach einem Mann, den die Überwachungskamera eines Hotels in Tagua Apa nördlich von Khao Lak festgehalten habe - offenbar in Begleitung des Jungen. Die anfangs skeptische thailändische Polizei schließe mittlerweile nicht mehr aus, daß Kristian als Sexsklave verschleppt worden sei.

Nicht nur Einzelfälle

So abenteuerlich diese Einzelgeschichte klingt, sie ist offenbar kein Einzelfall. John Budd von Unicef nennt die Verhältnisse schlicht „schauerlich“: 300 Waisenkinder aus der von der Flutkatastrophe besonders schwer getroffenen indonesischen Provinz Aceh werden derzeit von anonymen Geschäftemachern zum Verkauf angeboten. Die Nachricht traf per SMS im malaysischen Unicef-Hauptquartier ein. „Das zeigt, daß sie die Kinder schon in ihrer Gewalt haben oder daß sie über ein Netzwerk verfügen, mit dem sie ein Kind nach Wahl herausgreifen können“, fürchtet Budd. Bei makabren Textbotschaften blieb es nicht: In einem Fall ist bewiesen, daß ein Kind aus Aceh in Sumatras Hauptstadt Medan verschleppt wurde. Die Kinderhändler haben sich auf die Altersklasse der Drei- bis Zehnjährigen spezialisiert.

Kinderhandel ist in Indonesien nichts Neues, doch wirkt das kriminelle Treiben vor dem Hintergrund der Flutkatastrophe umso skrupelloser. „Es gibt Banden, die das schon seit langer Zeit machen“, sagt Budd. Medan habe sich als eine Art Umschlagplatz herausgebildet, die Kinder würden vorzugsweise nach Malaysia und Singapur verkauft und dort von den Abnehmern adoptiert. Von Nicht-Regierungsorganisationen wurde Unicef darüber informiert, daß mehrere hundert Kinder aus der Provinz Aceh in die indonesische Hauptstadt Jakarta verfrachtet wurden. „Wir wissen nicht, ob es zum Schutz war oder ob sich dahinter etwas Finsteres verbirgt“, sagt Budd.

Unter dem Deckmantel der Hilfe

Das Schaudern über die kriminellen Machenschaften in der Krisenregion beschränkt sich nicht auf den Kinderhandel. „Wir hören von Vergewaltigungen, von sexuellem Mißbrauch von Frauen und Kindern im Zuge unkontrollierter Hilfseinsätze“, klagt die Menschenrechtsgruppe Women and Media Collective. In Sri Lanka wurden Fälle bekannt, in denen Leichen aus Krankenhäusern gestohlen und Finger oder Ohren von Verstorbenen abgeschnitten wurden, um den daran befestigten Schmuck zu rauben. Selbst unter dem Deckmantel der Hilfe kommen die Kriminellen daher: Auf den thailändischen Urlaubsinseln Phi Phi machte sich ein Team von 200 „Helfern“ aus dem Staub, nachdem die Polizei bei 20 von ihnen Diebesgut aus Leichenfledderei entdeckt hatte.

„In einem derartigen Tumult, wenn Familien zerbrechen, wenn es wenig Würde und Hoffnung gibt, sind Kinder verstärkter Mißbrauchsgefahr ausgesetzt“, warnt Unicef-Direktorin Carol Bellamy. Auch sie sorgt sich um das Schicksal des zwölfjährigen Kristian aus Schweden. Die Skrupellosigkeit kennt keine Grenzen: Die Hilfsorganisation Oxfam beklagt, daß in ihrem Namen falsche Spendenaufrufe ergingen. In Schweden werden die Namen von Vermißten nicht veröffentlicht, um Einbruchsdiebstählen vorzubeugen. Das haben die schwedischen Behörden aus dem Untergang der Fähre „Estonia“ 1994 gelernt.

„Die Lage ist so, daß derzeit alle Kinder verwundbar sind“, faßt Unicef-Sprecherin Wivina Belmonte in Genf die aktuelle Situation zusammen. Nach Angaben der Vereinten Nationen gibt es potentiell 600.000 mögliche Opfer der Machenschaften im Schatten der Katastrophe. Soviele Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind von der Tsunami-Katastrophe direkt betroffen. Tendenz steigend, heißt es.

Quelle: FAZ.NET mit Material von AFP, dpa
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