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Kriegsgräberfürsorge Die Toten auf die Erde holen

 ·  Zwölftausend deutsche Kriegstote liegen allein in Brandenburg ungeborgen in der Erde. Nach ihren sterblichen Überresten sucht die Kriegsgräberfürsorge. Auf ihre Habe sind Leichenfledderer aus.

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Joachim Kozlowski steht am Rand eines Roggenfelds. Vor ihm liegt ein Stapel Knochen im Staub. Ganz unten liegen die Rippen, auf ihnen die Ellen, es folgen die Speichen, dann die Hüften. Neben dem Stapel liegt der Schädel und blickt Kozlowski leer an. „Normalerweise gehen die illegalen Sucher nicht so ordentlich vor“, sagt Kozlowski, kniet sich hin und baut das Türmchen menschlicher Gebeine Stück für Stück ab.

Hier in der Gegend von Lebus, am südlichen Zipfel des Oderbruchs, liegen noch viele Skelette in der Erde. Als die 1. Weißrussische Front im April 1945 die Seelower Höhen nahm und eine Million Rotarmisten die hunderttausend deutschen Reichssoldaten besiegten, blieb keine Zeit, die toten Kameraden zu bestatten. Die Schlacht um Berlin stand bevor. Was die Regierung der DDR dann bis 1989 unterließ, holt Joachim Kozlowski jetzt nach. Er arbeitet als Umbetter für den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Der Verein schätzt die Zahl der deutschen Kriegstoten allein in Brandenburg auf 12.000. In keinem anderen Bundesland seien mehr Soldaten verschollen.

Die illegalen Sucher aber, die mit ihren Metalldetektoren über die Schlachtfelder ziehen, machen Kozlowski die Arbeit schwer. Sie nehmen den Gefallenen alles, auch die Erkennungsmarke – und damit ihre Identität. Dem Toten am Roggenfeld ließen sie nur seine zerfledderten Lederschuhe und einen schwarz angelaufen Esslöffel. „Jetzt muss er als Unbekannter in die Erde“, sagt Kozlowski und fragt: „Wie kann man nur so pietätlos sein?“

Das Suchen mit Sonden und anderem technischen Gerät ist in allen Bundesländern ohne Genehmigung der Denkmalschutzämter verboten. Wer auf Schlachtfeldern buddelt, bricht zudem die Totenruhe. Und wer dann dort auch noch Waffen und Munition einsammelt, verletzt das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz. Gegen den Vorwurf, diese Gesetze gebrochen zu haben, müssen sich zurzeit wieder einige Männer verantworten, die Ermittler des Landeskriminalamts Brandenburg in den Jahren 2008 und 2009 festnahmen. Bei der ersten Durchsuchung am 28. Februar 2008 stellten die Ermittler Stahlhelme sicher und Feldpostkarten, sieben Karabiner, Erkennungsmarken, zwei Suchsonden, ein Maschinengewehr und zwei Kilogramm Sprengstoff. Bei der zweiten im Juli 2009 fanden sie 700 Gewehrpatronen, Wurfgranaten und mehr als 16 Kilogramm TNT.

„Was wollen die damit?“, fragt sich Joachim Kozlowski, der mittlerweile die Knochen des Unbekannten mit einem Zollstock vermisst. Folgt man dem Verdacht des Landeskriminalamts, ging es den mutmaßlichen Tätern um Geld. Die Marktpreise für Sprengstoff lassen sich nur schwer schätzen. Doch ein angeblich originaler, schussunfähig gemachter Wehrmachtskarabiner, Modell k98, wird im Internet für 259 Euro angeboten. Die Preisspanne für Dolche der SS reicht, je nach Typ und Zustand, von 800 bis 6000 Euro. Originale, unversehrte Uniformen können mehrere Tausender Euro bringen. Für Erkennungsmarken bekommt man 50 bis 150 Euro. Die Frage aber ist, ob tatsächlich allein das Geld die Sondengänger antreibt.

„Man wird immer gleich als Nazi verpönt“

„Snek“ und „eurone“ nennen sich zwei Sucher, die zur festen Community des Militaria-Fundforums gehören, einem der größten Internetforen für Sondengänger im deutschsprachigen Raum. Die beiden, die anonym bleiben wollen, äußern sich zu Fragen über ihre Beweggründe nicht. Am 28. Mai beschreibt „eurone“ in dem Forum aber, wie er und „Snek“ einen verkrusten Dolch in einer Scheide, vermutlich einen von der SS, mit einer Magnet-Angel aus einem Teich fischten : „Ca 2Stunden hatten wir schon gsucht und hatten die Hoffnung schon aufgegeben was zu finden. Dann ein Aufschrei von Snek. Ich guckte was ist los. Guck Dir das an wie geil ist das denn. Ich nur noch :-) :-) :-) :-). Jetzt keine Worte mehr. Gruss eurone.“ Einen Tag später lädt „eurone“ die Fotos ihres Fangs hoch. Das einzige, was „eurone“ auf Nachfrage per E-Mail antwortet, ist: „Das mit Militaria sammeln, ist ja in der Öffentlichkeit immer so eine Sache. Man wird ja immer gleich als Nazi verpönt. Die Sachen die gefunden werden, haben alle eine Geschichte, sowie Archäologen ihre Funde wahren. Ist im Endeffekt das gleiche.“

Dass die Öffentlichkeit nichts von der verbotenen Suche nach den Gebeinen toter Soldaten durch Sondengänger hält, wissen auch Thorsten Weckwert und Markus Müller, der seinen richtigen Namen nicht nennen will. Beide sammeln seit mehr als zwei Jahrzehnten Militaria, sie kennen die Szene daher genau: „Die meisten Militaria-Sammler, die mir begegnen, sind ganz normale, politisch gemäßigte Leute aus allen Gesellschaftsschichten“, sagt Müller. „Die Mehrheit von ihnen ist konservativ eingestellt, da sicherlich eine gewisse Grundhaltung dazugehört, sich für Dinge zu interessieren, die dem Kriegswesen dienen.“ Beide unterscheiden scharf zwischen Militaria-Sammlern, die wie sie auf Börsen und Auktionen legal ihrem Hobby nachgehen, und illegalen Sondensuchern.

Arm zum Hitlergruß gehoben

Dass die illegalen Sucher sich nicht dem Nationalsozialismus verbunden fühlen fällt schwer zu glauben. Die Einträge im Militaria-Fundforum sind so eindeutig wie die Fotos aus den Durchsuchungen des Landeskriminalamts. Die Bilder zeigen die Angeklagten, junge Männer im Alter zwischen Mitte 20 und 40 Jahren, bei einem Treffen im Wald. Sie haben kurzgeschorene Haare, manche tragen Bomberjacken. Ein Mann hat den Arm zum Hitlergruß gehoben. Andere lachen und sitzen biertrinkend in Campingstühlen. Hinter ihnen ist die schwarz-weiß-rote „Reichsflagge“ gehisst.

Würden die illegalen Sucher aus rein militärhistorischem Interesse handeln, dann könnte Thorsten Weckwert sie zumindest ein wenig verstehen. In seinem hochgesicherten Blockhaus im Garten bei Fürstenwalde bewahrt er die schönsten Stücke aus 25 Jahren Sammlertätigkeit auf. Die Begeisterung für deutsche Militaria aus der Zeit von 1933 bis 1945 ist offensichtlich. Allerdings, so sagt er, verurteile er die Ideologie des Nationalsozialismus und auch alle, die den Holocaust leugnen. Außen neben der Tür hängt jedoch ein Schild mit dem Namen des Blockhauses: „Wolfsschanze“ – Bezeichnung für eines der Führerhauptquartiere während des Zweiten Weltkrieges in Ostpreußen. Im Innern stehen auf einem purpurroten Teppich Glasvitrinen mit Orden und Dolchen, rechts und links lebensgroße Schaufensterpuppen in SS- und Wehrmachtsuniformen. Darunter ist auch Weckwerts Lieblingsstück: eine komplette, original erhaltene Obersturmführer-Uniform der SS-Totenkopf-Division aus feinstem grauem Offizierstuch.

„Es ist die Vielfältigkeit der Sachen, die mich fasziniert.“ Weckwerts Großvater mütterlicherseits war es, der in ihm das Sammlerfeuer entfachte. Es hat ihn seither Unmengen an Fachbüchern verschlingen lassen. Der Großvater war bei der Waffen-SS und nahm den Enkel, der 1964 geboren wurde, auf Veteranentreffen mit. Zu den Treffen fährt der heutige Metallhändler immer noch.

Uniformen auf Sado-Maso-Partys getragen

Auch Markus Müller kann „eurone“ und „Snek“ und deren Sammelleidenschaft gut verstehen. Seine Leidenschaft für Uniformen habe irgendwann sogar einen Punkt erreicht, an dem er sich nicht mehr im Griff hatte. „In manchen Monaten gab ich bis zu 1000 Euro aus.“ Inzwischen hat er viel von seinem Besitz verkauft. Seine Sammlung umfasst Uniformen aus vieler Herren Ländern aus der Zeit von 1890 bis 1960. Besonders sowjetische Uniformen nach 1918 mit ihrem hochgeschlossenen Kragen gefallen ihm. Uniformen aus dem „Dritten Reich“ interessieren ihn hingegen nicht. „Mit dieser Zeit will ich absolut nichts zu tun haben. Meine Faszination für Uniformen ist allein erotischer Natur.“ Darum will er auch mit der Militaria-Szene nicht in Verbindung gebracht werden. Müller zieht seine Uniformen oft auf Sado-Maso-Partys an. „Sie sind für mich die ideale Ausdrucksform des militärischen Ideals von Disziplin und Ordnung.“

Ein Stück Uniform hilft so manches Mal auch Joachim Kozlowski bei der Identifizierung der Toten weiter. Anhand eines schwarzen Stück Stoffs, aber auch der Konsistenz und Länge der Knochen stellt er fest, dass der Unbekannte am Roggenfeld ein deutscher, 20 Jahre alter und 1,68 Meter großer Soldat der Panzerdivision gewesen ist. Seine Gebeine sollen im Laufe des Jahres in einem schwarzen, fest vertackerten Pappsarg auf dem Soldatenfriedhof bei Lietzen beigesetzt werden.

Tourismus auf ehemaligen Schlachtfeldern

Die Zahl der Menschen, die die Friedhöfe besuchen, ist gering im Vergleich zu denjenigen, die NS-Militaria sammeln. Das sagen zumindest Weckwert und Müller. Viele Anfragen kämen aus den Vereinigten Staaten und Russland. „Es muss die Irrationalität des Regimes sein, die wohl auf viele immer noch eine magische Anziehung ausübt.“ Weckwert glaubt, dass in Deutschland der Paragraph 86 Strafgesetzbuch, der unter anderem die öffentliche Verwendung nationalsozialistischer Symbole unter Strafe stellt, das Interesse an NS-Militaria nur verstärke. „Was verboten ist, ist doppelt anziehend.“

Beim Landeskriminalamt Brandenburg hat man keine Zahlen, wie viele Sondengänger über die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs ziehen. Doch man weiß, dass es viele sind und dass sie nicht nur aus Brandenburg kommen. „Sie kommen aus dem gesamten Bundesgebiet und auch aus dem Ausland wie Russland, Großbritannien und Skandinavien. Es ist ein regelrechter Militaria-Tourismus“, sagt Kriminaloberat Uwe Jentsch. Da es nicht ihre Aufgabe sei und man auch nicht die Kapazitäten habe, die Schlachtfelder rund um die Uhr zu bewachen, konzentriere man sich vor allem auf die Fälle, bei denen es um das Ausgraben scharfer Munition und Waffen gehe.

Jentsch glaubt nicht, dass ein Verkaufsverbot der Metallsonden etwas brächte, geschweige denn durchsetzbar sei. Ähnlich verhält es sich mit einer Erhöhung des Strafmaßes, wie es Weckwert fordert. Mit mehrjährigen Haftstrafen müssen die Sprengstoff-Räuber aus Brandenburg also nicht rechnen. Weckwert ist allerdings überzeugt, dass das Sammeln von NS-Militaria viel von seiner Anziehungskraft verlöre, wenn der Paragraph 86 gelockert würde.

Knochen gegen Geld den Angehörigen angeboten

Joachim Kozlowski hofft, dass die Polizei weiterhin hart gegen die illegalen Sucher vorgeht, die ihn um wertvolle Arbeitszeit bringen. Hätte er mehr von ihr und ein hochauflösendes Georadar, könnte er viel mehr Kriegstote finden. Er hofft, eines Tages die zwei vermissten Brüder seiner Mutter zu finden, die auch im Zweiten Weltkrieg kämpften und vermutlich bei Berlin und in Ostpreußen fielen. Allerdings weiß er, dass die Wahrscheinlichkeit dafür nicht groß ist. „Man müsste hier bei Seelow ein 20 Meter hohes Kreuz aufstellen, das an all die nicht geborgenen Soldaten erinnert.“

Kozlowski steht in einem neuen zwei Meter tiefen Loch unter einem weißen Fliederbusch, an der Kante zu den Tälern des Oderbruchs. Auch hier waren offenbar schon illegale Sucher zugange gewesen, viel ist nicht mehr zu finden. Kozlowski entdeckt plötzlich noch den oberen Teil einer Erkennungsmarke: „Schtz / Inf / Btl 97 A V“. Und daneben liegen auch noch einige Knochen des Soldaten, der nun identifiziert und umgebettet werden kann. Soviel Glück hat Kozlowski nicht immer: „Es gibt auch illegale Sucher, die nehmen die Knochen mit und werfen sie weg. Oder aber sie bieten sie den Angehörigen gegen Geld an, seien es nun die richtigen Angehörigen oder Fremde.“

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