http://www.faz.net/-gum-u695

Kreditkarten : 89 Dollar für „Smart Privacy“

  • -Aktualisiert am

Rätselhafte Abbuchungen: Ein Unternehmer will nun seine Bank verklagen Bild: ddp

Ein Wiesbadener will die Commerzbank AG in den Vereinigten Staaten verklagen - mit seinen gestohlenen Kreditkartendaten wurde Kinderpornografie bezahlt.

          Das Weihnachtsfest 2006 war das schönste seines Lebens, sagt Hans Weber. Noch neun Tage zuvor habe er befürchtet, ins Gefängnis zu müssen - und das wegen eines Missverständnisses. Am 15. Dezember 2006 stehen zwei Kriminalbeamte in seinem Büro in Wiesbaden, „es war wohl gegen halb elf“, erinnert sich der 67 Jahre alte Unternehmer.

          Einen Durchsuchungsbeschluss haben sie dabei, dem Weber (Name geändert) entnimmt, dass gegen ihn ein Ermittlungsverfahren läuft. „Wegen des Verdachts d. Verbreitens kinderpornografischer Schriften“, liest er auf dem am 11. Oktober von einem Richter des Amtsgerichts Wiesbaden unterschriebenen Papier. Die Beamten sind angewiesen, die Computer im Büro zu beschlagnahmen, außerdem sämtliche Speichermedien wie externe Festplatten und CD-ROMs. Webers private Wohnung, das Geschäft und das Auto sollen durchsucht werden.

          Seltsame Abbuchungen

          „Ich wusste nicht, wie mir geschah“, sagt Weber. „Mit Sauereien wie Kinderpornos hatte ich nie zu tun.“ Er benutze nicht einmal für die Arbeit Computer. Das überlässt er seinen Mitarbeiterinnen. Der Gedanke, die Rechner könnten mitgenommen werden, schockiert ihn. Er sieht sich kurz vor dem Bankrott: „In der Vorweihnachtszeit schreiben wir 300 Rechnungen am Tag, alle Kundendaten sind da gespeichert.“ Fieberhaft habe er überlegt, wie der Verdacht der Kriminalpolizei auf ihn gefallen sein könnte. Da seien ihm die eineinhalb Jahre zurückliegenden rätselhaften Dollar-Abbuchungen von seinem Konto bei der Commerzbank eingefallen, die damals laut Kontoauszug mit seiner Mastercard Gold getätigt worden waren. Weber ruft seine Kundenbetreuerin bei der Bank an. Die schickt ihm sofort per Fax Kontoauszüge, interne Informationspapiere über gestohlene Kreditkartendaten beim Commerzbank-Partner „CardSystem Solutions“ und Kopien der zahlreichen Reklamationen, die Weber vor eineinhalb Jahren an die Bank geschickt hatte, um die Abbuchungen zu stoppen.

          Daraufhin entschließen sich die Polizisten, die Durchsuchung abzubrechen. „Der Vorgang wird mit dem Vorschlag, das Ermittlungsverfahren einzustellen, an die Staatsanwaltschaft Wiesbaden abverfügt“, heißt es im Polizeivermerk vom 15. Dezember. Die Verdachtsmomente seien ausgeräumt worden. Inzwischen sind die Ermittlungen abgeschlossen. Noch immer aber ist Weber wütend über das Verhalten der Polizei und seiner Bank. Nur durch sein geistesgegenwärtiges Handeln, nämlich den Anruf bei der Bank, habe er verhindert, dass grundlos seine unternehmerische Existenz zerstört worden sei. Doch wie konnte es so weit kommen?

          Am 9. Mai 2005, so erzählt Weber, habe er zum ersten Mal seltsame Abbuchungen auf seiner Kreditkartenabrechnung entdeckt. Von einer Firma namens „CCBill.com“, so stand zu lesen, waren am 2. Mai 2005 15,58 Euro abgezogen worden. Die Summe entsprach 19,95 Dollar; wie Weber später erfährt, ist das genau der Preis für verschiedene kinderpornografische Bilder und Videos, die er und seine Frau Renate (Name geändert) bestellt haben sollen. Insgesamt neun Abbuchungen von Beträgen zwischen 7,84 Euro und 38,29 Euro sind für den Zeitraum vom 2. bis zum 9. Mai 2005 auf dem Auszug verzeichnet.

          Mysteriöse Zahlungen

          Der Unternehmer ruft die Commerzbank-Filiale in Wiesbaden an, weist auf die ihm unerklärlichen Zahlungen hin. „Reklamationsgrund 90“ ist auf der Aktennotiz der Bank vermerkt, „Karteninhaber kann Buchung nicht zuordnen; hat reklamierten Umsatz beim Vertragsunternehmen nicht getätigt“. Doch obwohl, wie eine Mitarbeiterin der Commerzbank notiert, Webers Mastercard am 13. Juni 2005 wegen „Internetmissbrauchs“ gesperrt wird, werden weiter Summen zwischen sieben und 90 Euro abgebucht. Am 14. Juni, als Weber wieder mehrere Abbuchungen reklamiert, vermerkt die zuständige Sachbearbeiterin: „Umsätze wurden vom Kunden nicht getätigt. Eine vorherige Reklamation liegt Ihnen schon vor. Kreditkarte wurde gesperrt.“ Tatsächlich tauchen die Daten der gesperrten Karte seitdem nicht mehr auf den Kontoauszügen auf.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.
          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.