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Klatten-Prozess Sechs Jahre für „7 up“ und mehr

 ·  Helg Sgarbi hat vier Frauen charmiert, ausgenommen und erpresst, unter ihnen Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands. Am Montag wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt, die Beute bleibt verschwunden.

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Dass sich die Besucher im Gerichtssaal erheben, wenn die Richter eintreten, ist eine Förmlichkeit, um Staat und Recht die eingeforderte Ehre zu erweisen, und meist binnen weniger Sekunden erledigt. Doch nicht der Würde des Gerichts ist es geschuldet, dass die Zuschauer an diesem Montagmorgen im Schwurgerichtssaal des Münchner Strafjustizzentrums mindestens fünf Minuten stehenbleiben, sondern dem Pulk von Fotografen und Kameraleuten. Der arbeitet sich vor dem hageren, schmallippigen Mittvierziger im dunkelblauen Anzug mit aschblondem Haar ab, den die Gerichtsdiener in Handschellen in den Saal auf seinen Platz zur Rechten des Richters geführt haben.

Das Augenfälligste an diesem Angeklagten ist die Brille mit den breiten dunklen Fassungen - doch ist, das wird in der Hauptverhandlung an diesem Vormittag deutlich werden, Helg Sgarbi zu seinen monströsen Erfolgen in der Damenwelt, zumindest einem auserlesenen Teil derselben, nicht wegen etwaigen guten Aussehens gelangt: Mit Charme, Einfühlsamkeit, mit viel Gefühl und Weltläufigkeit bezirzte er bevorzugt reiche, einsame Frauen in deren schwachen Momenten, erzählte ihnen ebenso bedrohliche wie erfundene Geschichten und machte dann Kasse, erforderlichenfalls unter Zuhilfenahme von Methoden, die das Gesetz schnöde als Erpressung einstuft.

Anklageschrift „Geschädigte Klatten“

Dass Sgarbi, geboren am Dreikönigstag 1965 in Zürich und zuletzt als Übersetzer tätig, sich hier vor dem Landgericht München I für vier Fälle gewerbsmäßigen Betrugs, einen Fall versuchten gewerbsmäßigen Betrugs und zwei versuchte Erpressungen verantworten muss, ist der Frau zu verdanken, die ihn anzeigte und nun in der Anklageschrift als „Geschädigte Klatten“ geführt wird - ebenso wie die große Anteilnahme am Prozess gegen Sgarbi. Denn schließlich ist das Opfer Susanne Klatten nach der „Forbes“-Liste die reichste Frau Deutschlands, hält rund 80 Prozent der Aktien des Chemiekonzerns Altana und zwölfeinhalb Prozent an BMW.

Dass ihr Name öffentlich wurde, sagt Sgarbis Verteidiger Egon Geis, sei überhaupt nur „in Italien auf den Markt geworfenen verfahrensrelevanten Dokumenten“ geschuldet. Geis stellt in weichem, hessischem Dialekt den Antrag, bei der Verlesung der Anklageschrift sollten die Namen der anderen drei „geschädigten Damen“ nur mit dem Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens bezeichet werden. Schon da wird deutlich: Hier soll Konfrontation vermieden werden, hier will der Angeklagte die Frauen schützen, von denen er zuvor profitierte, und sich damit zu einem milderen Strafmaß verhelfen. Dem Antrag wird stattgegeben.

Liebesbeziehung nach Kontaktanbahnung

Bei jeder der vier Frauen verwendet der Staatsanwalt dann die Formulierung „in der Folgezeit entwickelte sich aus der Sicht der Geschädigten eine Liebesbeziehung“, um zu beschreiben, was nach der Kontaktanbahnung durch Sgarbi geschah. Im Fall der mehr als 60 Jahre alten „Geschädigten H.“ fand diese Ende 2005 im „Hotel Quellenhof“ im schweizerischen Bad Ragaz statt - er nahm ihr insgesamt 2,1 Millionen Euro ab. Im Sommer 2007 konnte er im Hotel „Lanserhof“ bei Innsbruck gleich drei Frauen für sich gewinnen, einem teuren „Medizin-, Therapie- und Beauty-Zentrum“ zum Entschlacken und Entschleunigen, dessen Räume laut Eigenwerbung den „Gesetzen der Authentizität“ folgen, mithin „weder repräsentieren noch manipulieren“.

Der Staatsanwalt berichtet auch, wie Sgarbi Susanne Klatten, eine der drei Frauen aus dem „Lanserhof“, danach unangemeldet während der Ferien in Südfrankreich besuchte, wie Treffen im Hotel „Holiday Inn“ in München-Schwabing folgten. Und wie Sgarbi ihr, ganz ähnlich wie den anderen „Geschädigten“, sehr bald die Mär von einem Kind erzählte, dass er angefahren habe, in diesem Fall in Amerika, wohin er als Krisenberater der Schweizer Regierung gereist sei; und, wie bei den anderen Damen, berichtete er von einer Summe Geldes, in Klattens Fall sieben Millionen Euro, die er brauche, um dem nunmehr behinderten Kind zu helfen und so einen Prozess abzuwenden. Sie zögerte, gab ihm schließlich aber das Geld, in einem Umzugskarton, in 14 Päckchen mit jeweils tausend 500-Euro-Scheinen in einer Münchner Tiefgarage - wie sie meinte, zu einem höheren Zweck, weshalb sie, so die Anklage, den Begriff „7up“ dafür prägte.

Kompromittierende Aufnahmen

Als Sgarbi, nun offenbar in Fahrt gekommen, von Susanne Klatten verlangte, dass sie sich von ihrem Mann trenne, fortan mit ihm lebe - und dass sie, zur Sicherung seines Lebensunterhalts, 290 Millionen Euro in eine Stiftung einzahle, beeendete sie Anfang Oktober 2007 die Affäre. Im nüchternen Tonfall des Ermittlers berichtet der Staatsanwalt dann von den Erpresserbriefen und Sgarbis Forderung nach zunächst 49 (Sgarbi: „Sieben Mal 7up“), schließlich 14 Millionen Euro. Und wie Sgarbi es schon bei der „Geschädigten H.“ getan hatte, verlieh er seiner Forderung mit kompromittierenden Aufnahmen aus einem Video Nachdruck, das er offenbar bei einem Treffen im „Holiday Inn“ in München angefertigt hatte. Am 14. Januar wurde er im österreichischen Vomp festgenommen, als er sich auf dem Weg zur Geldübergabe wähnte.

Als der Staatsanwalt geendet hat, zeigt sich, dass die Verteidiger die schon mit dem Anonymisierungsantrag angedeutete Linie fortsetzen. Denn nach einer Erklärung des Verteidigers Geis, der sagt, die Vorwürfe träfen „im Kern zu“, ergreift Sgarbi selbst das Wort, beugt sich umständlich über das Tischmikrofon und sagt, er bedauere das Geschehene „zutiefst“, er entschuldige sich „hier in aller Öffentlichkeit bei den geschädigten Damen“. Diesen bleibt damit eine Zeugenaussage erspart, und schon jetzt, nach so kurzer Zeit, erscheint es wenig wahrscheinlich, dass das Landgericht die vier für die Hauptverhandlung angesetzten Termine brauchen wird. Verlesen werden die durchweg tadellosen Zeugnisse, die Sgarbi vom Schweizer Militär und von einer Bank ausgestellt wurden, die besonders „seine analytischen Fähigkeiten und seine systematische Vorgehensweise“ hervorheben. Sein Lebenslauf nennt die Hobbys Hochseesegeln, Tennis, Architektur und Kunstgeschichte.

Was ist mit dem „Hintermann“?

Aber ganz ausgestanden ist die Sache da noch nicht. Denn Sgarbi, gibt der Staatsanwalt zu bedenken, solle „Ross und Reiter nennen“: Was denn mit den Videos sei, wo das von den vier Frauen erhaltene Geld, insgesamt etwa zehn Millionen Euro, geblieben sei und was mit dem „Hintermann“ sei? Dazu will Sgarbi nichts sagen, nicht persönlich, nicht über seine Anwälte. Ein Zeuge von der Münchner Polizei übernimmt es, dem Gericht Auskunft über den mutmaßlichen Mittäter, Ernano Barretta zu geben, dessen sektenähnlicher Organisation Sgarbi offenbar seit Anfang der neunziger Jahre angehörte. Dann folgen schon die Plädoyers - „wenn schon, dann gleich“, sagt der Staatsanwalt.

Er fordert eine Gesamtstrafe von neun Jahren. Verteidiger Geis verliest Auszüge aus den Ermittlungsakten, in denen sich Susanne Klatten immer wieder die „vielen starken Gemeinsamkeiten“ zwischen ihr und Sgarbi und die „intensive gemeinsame Zeit“ vor Augen geführt habe, ehe sie sich entschlossen habe, Sgarbi doch mit sieben Millionen Euro auszuhelfen - so spreche doch niemand, der sich täuscht, sagt Geis, und will so die Schwere des Betrugsvorwurfs mildern. Auch die Drohung, die Ehe mit der Enthüllung intimer Aufnahmen zu gefährden, wiege angesichts des Umstands weniger schwer, dass „heutzutage Ehebruch doch an der Tagesordnung“ sei und als „Errungenschaft gefeiert“ werde. Um die fünf Jahre Freiheitsstrafe wären insgesamt eher angemessen.

Bewährung kommt wohl nicht in Betracht

Am Ende, nachdem sich das Gericht auf eine Dreiviertelstunde beraten hat, werden es sechs Jahre Gesamtfreiheitsstrafe, wobei der Vorsitzende Richter deutlich macht, dass die übliche Verfahrensweise, nach der die Vollstreckung des letzten Drittels der Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, für Sgarbi wohl nicht in Betracht kommen wird - gerade weil er keine weitergehenden Angaben zur Beute gemacht hat. Kurz zuvor hat Helg Sgarbi - ein letztes Mal in Freiheit - seinen Charme erkennen lassen und in die zahlreichen Fernsehkameras gelächelt, den Zeigefinger in gespielter Denkerpose an die linke Wange gelegt, verträumt in eine unbestimmte Ferne schauend.

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Jahrgang 1980, Redakteur in der Politik.

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