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Bluttat von München : „Klassischer Amoklauf ohne politische Motivation“

  • Aktualisiert am

Trauer in München am Tag nach der Bluttat Bild: dpa

Nach der Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum ist sich die Polizei sicher: Der 18 Jahre alte Täter, ein Deutsch-Iraner, hatte keine politischen Motive, sondern verübte einen Amoklauf. Möglicherweise litt er unter Depressionen. Die Ermittler sehen auch einen Zusammenhang zum Breivik-Attentat in Norwegen vor fünf Jahren.

          Der Attentäter von München hatte nach Angaben der Polizei keinen Kontakt zur Extremistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS). „Es gibt keinerlei Anhaltspunkte für einen Bezug zum IS“, sagte der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä am Samstag in München. Stattdessen habe die Durchsuchung des Zimmers des 18-Jährigen ergeben, dass er sich intensiv mit Amoktaten beschäftigt habe. Auch die Münchner Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es sich bei der Tat um einen „klassischen Amoklauf“ ohne „jegliche politische Motivation“ handelte.

          Die Ermittler gehen auch von einem Zusammenhang mit dem Attentat des Norwegers Anders Behring Breivik aus. „Diese Verbindung liegt auf der Hand“, sagte Andrä. Am Freitag war der fünfte Jahrestag von Breiviks Amoklauf.

          Die Ermittler haben am Morgen die Wohnung des Täters, der in München geboren wurde und auch dort aufwuchs, durchsucht und dabei keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund der Tat gefunden. Auch gebe es „überhaupt keinen Bezug zum Thema Flüchtlinge“, wie Andrä sagte. Offenbar litt der junge Mann unter Depressionen. Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch sagte am Samstag, der Attentäter habe eine Erkrankung „aus dem depressiven Formenkreis“ gehabt. Weitere Details nannte er nicht.

          Acht von neun Opfern zwischen 14 und 20 Jahren

          Nach den Angaben wurden bei dem Amoklauf insgesamt neun Menschen getötet und 27 verletzt, davon zehn schwer. Unter den schwer Verletzten befindet sich auch ein 13 Jahre alter Junge. 17 Personen wurden leicht verletzt, von ihnen erlitten vier Schussverletzungen. Die Getöteten stammten laut Polizeipräsident Andrä alle aus München und Umgebung. Acht der neun Opfer waren im Alter zwischen 14 und 20 Jahren, ein Opfer war 45 Jahre alt. Unter den Getöteten befinden sich drei Frauen.

          Der Deutsch-Iraner nutzte für seine Tat eine 9mm Glock-Pistole. Diese habe der 18-Jährige offenbar illegal besessen, da die Seriennummer der Waffe ausgefeilt war, sagte der Präsident des bayerischen Landeskriminalamts, Robert Heimberger.

          Die Schießerei hatte nach Angaben der Polizei um 17.52 Uhr bei einem Schnellrestaurant am Olympia-Einkaufszentrum begonnen. Das OEZ liegt mitten in einem Wohngebiet, zwei U-Bahn-Stationen vom Olympiastadion entfernt. Mit 135 Geschäften ist es eine der größten Shopping-Meilen in München.Nach dem Amoklauf hatte die Polizei zunächst von einer „akuten Terrorlage“ gesprochen und nach bis zu drei möglichen Tätern gefahndet. Bis zu drei Männer mit „Langwaffen“ seien auf der Flucht, hieß es zunächst. Die Stadt rief den „Sonderfall“ wegen einer „Amoklage“ aus. In Teilen Münchens herrschte Panik. 

          Von überall in der Stadt eilten Polizisten zu dem Einkaufszentrum. Vor dem OEZ waren zahlreiche Einsatzfahrzeuge der Polizei und auch ein Krankenwagen zu sehen. Die Gegend war abgeriegelt. Über der ganzen Stadt kreisten Hubschrauber. Schwer bewaffnete Polizisten patrouillierten auch in der U-Bahn-Station am Stachus. Der Marienplatz im Herzen der Stadt war am Abend wie leer gefegt. Der öffentliche Nahverkehr – U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen – wurde zunächst ebenso komplett eingestellt wie der Zugverkehr. Der Münchner Hauptbahnhof wurde evakuiert. Nach ein Uhr in der Nacht teilte die Polizei dann mit, die Verkehrsmittel seien wieder freigegeben.

          Auch Polizisten in Spezialausrüstungen sichern am Stachus das Gelände. Bilderstrecke

          Nach ein Uhr in der Nacht gab die Polizei zunächst „vorsichtige Entwarnung“: Unter den Toten sei auch der Täter. Er habe sich selbst getötet, und er habe alleine gehandelt. Die Leiche war in einer Seitenstraße in der Nähe des Einkaufszentrums gefunden worden. Der Mann hatte einen Rucksack dabei, der von Sprengstoffexperten mit einem Roboter untersucht wurde.

          Die Polizei durchsuchte am Samstagmorgen eine Wohnung im Stadtteil Maxvorstadt. Das mehrstöckige Haus wurde weiträumig abgesperrt, Ermittler trugen Kartons aus dem Haus.

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