Was im Keller von Klára Mauerová in der mährischen Ortschaft Kurim geschah, entdeckte ihr Nachbar im Mai 2007 durch Zufall. Weil er sein schlafendes Neugeborenes nicht aus den Augen lassen wollte, installierte er eine Kamera. Auf dem Bildschirm war aber nicht nur das schlummernde Baby zu sehen, sondern auch der von der eigenen Mutter und seiner Tante brutal gequälte Nachbarsjunge Ondej. Klára Mauerová hatte in ihrem Keller die gleiche Kamera installiert, wohl nicht, um sich an dem Elend ihrer beiden auch sexuell schwer misshandelten Söhne von der Küche aus erfreuen zu können. Sie verkaufte vielmehr die Aufzeichnungen und Filme ihrer Quälereien.
Ondej, Jakub und ein angeblich 13 Jahre altes Mädchen mit Namen Anika konnten wenig später von der Polizei befreit werden. Die Kinder hatte man in Käfigen gehalten, sie waren mit Handschellen gefesselt, während die Mutter ihnen bei lebendigem Leibe Fleisch aus dem Körper herausgeschnitten und mit Familienangehörigen und Freunden verspeist haben soll. Möglich ist aber auch, dass die Kinder gezwungen wurden, sich selbst mit Messern zu verletzen. Ein Jahr nach der Befreiung der Gefangenen, die ihr womöglich jahrelanges Martyrium allesamt überlebt haben, stehen nun die 31 Jahre alte Klára Mauerová, ihre 34 Jahre alte Schwester Kateina, zudem die 33 Jahre alte Barbora Škrlová, ihr Bruder Jan Škrla und ihr gemeinsamer Freund Jan Turek vor Gericht.
Frühere Mitglieder der Gralsbewegung?
Den acht Jahre alten Ondej und den zehn Jahre alten Jakub hatte offenbar niemand vermisst. Sie galten als psychisch zurückgeblieben und mussten nicht zur Schule gehen. Anika indes war weder 13 Jahre alt noch ein Opfer. Sie war vielmehr eine Arbeitskollegin von Klára Mauerová und wohl Mittäterin, wie sich herausstellen sollte. Die vermeintliche Adoptivtochter von Klára Mauerová verschwand wenige Tage nach ihrer Entdeckung aus einem Kinderheim, in das man die geretteten Kinder gebracht hatte. „Anika“ tauchte unter und irgendwann als kahlgeschorener „Adam“ in Oslo wieder auf. Bei ihrer Verhaftung schließlich auf dem Prager Flughafen entpuppte sie sich als Barbora Škrlová, die selbst schon in jungen Jahren gefoltert und misshandelt worden war. Davon zeugen Narben auf ihrem Körper.
Noch im Mai 2007 erschien in der tschechischen Zeitung „MF Dnes“ ein Artikel, der die Verhafteten mit der Gralsbewegung in Verbindung brachte. Sie seien Anhänger dieser womöglich obskuren Sekte, die Kinder quäle. Die Verbindung zum Gral und damit zu einem mit menschlichen Blut gefüllten Abendmahlskelch lag nahe. Die Spur allerdings wurde von der Polizei nie ernsthaft verfolgt. Wie Artur Zatloukal, zuständiger Mann der Gralsbewegung in Brno (Brünn), berichtet, waren die Verdächtigen tatsächlich einmal Anhänger der von dem im sächsischen Bischofswerda geborenen Oskar Ernst Bernhardt (auch Abdruschin oder Abd-ru-shin genannt) gegründeten Gralsbewegung. „Ich habe ihnen aber schon vor zwölf Jahren in einem Brief geschrieben, dass sie nicht mehr zu uns gehörten“, sagt Zatloukal, der die Verhafteten allesamt kennt.
Opfer einer kriminellen Vereinigung
Nach seinen Angaben hatte sich die Gruppe einer Art Führerprinzip untergeordnet. Demnach gab es wohl schon in sozialistischen Zeiten eine Art Pfadfindergemeinschaft, die von Josef Škrla, dem Vater von Barbora Škrlová und Jan Škrla, geleitet wurde. Was genau in dieser Gemeinschaft geschah, zu der auch der Autor Martin Fahrner und der Schauspieler Viktor Skála gehört haben sollen, bleibt mysteriös. Josef Škrla zählt jedenfalls nicht zu den Angeklagten, die derzeit in Brno vor Gericht stehen. Ob er sich hinter dem geheimnisvollen „Doktor“ verbirgt, der Mutter und Tante der Buben mittels SMS Anweisungen gegeben haben soll, wie es Klára Mauerová vor Gericht aussagte, lässt sich wohl nicht klären. Die Mutter der Jungen behauptet nun, Barbora Škrlová habe sie einer „Gehirnwäsche“ unterzogen. „Furchtbare Dinge sind geschehen“, gab sie vergangene Woche zu Protokoll. Das sehe sie nun ein. „Ich kann nicht verstehen, wie ich das alles zulassen konnte.“
Falls es einen „Doktor“ gab, und Artur Zatloukal hält das durchaus für möglich, dann hat er keine Spuren hinterlassen. Zur Gralsbewegung allerdings könne er nicht gehören, versichert Zatloukal. „Wir lehnen einen Führer ab. Jeder Mensch ist eine selbständige Person und muss seinen eigenen Weg gehen.“ Das bestätigt auch der Landesbeauftragte für Weltanschauungs- und Sektenfragen von Sachsen, Harald Lamprecht. „Die Vorwürfe haben mit der Lehre und den Inhalten der Gralsbewegung nichts zu tun.“ Er hält die Gruppierung, eine Art „naturphilosophischer Verein“, für harmlos und ungefährlich.
Naheliegender scheint, dass Ondej und Jakub, vielleicht auch Barbora Škrlová und Jan Škrla Opfer einer kriminellen Vereinigung wurden. Die angeklagten Geschwister und Klára Mauerová müssen mit mehrjährigen Haftstrafen rechnen.