26.08.2009 · Oliver Shanti sieht sich in einem „Meer von Lügen“ und glaubt an eine Intrige: Laut Anklage hat er seine Autorität als Sektenguru ausgenutzt, um Kinder seiner Anhänger jahrelang sexuell zu missbrauchen. Die Fälle liegen bereits 20 Jahre zurück.
Von Martin WittmannNicht wie ein Angeklagter, sondern wie ein spurensuchender Ermittler sieht Oliver Shanti aus, als er mit Mundschutz, Umhang und Plastikhandschuhen ganz in Weiß den Glaskäfig im Gerichtssaal betritt. So grotesk verpackt und isoliert verfolgt der krebskranke Angeklagte, der sich während eines Krankenhausaufenthaltes mit einem ansteckenden Keim infiziert hat, am Mittwoch den ersten Verhandlungstag seines Prozesses vor der 20. Strafkammer des Landgerichts München. Dem Musiker wird Kindesmissbrauch in 314 Fällen vorgeworfen. Nicht nur streitet der 60 Jahre alte Hamburger vor Gericht alles ab, er geht tatsächlich auf Spurensuche und ermittelt in der eigenen Biographie. Sein Ergebnis: ehemalige Freunde hätten sich aus Geldgier gegen ihn verschworen und die Belastungszeugen zur Falschaussage überredet.
Ein Guru, ein geistiger Lehrer, der Führer einer sektenähnliche Kommune sei Shanti gewesen, heißt es in der Anklage. Diese Autorität soll er genutzt haben, um vier Söhne und zwei Töchter seiner Anhänger regelmäßig zu missbrauchen. Er soll die Kinder, die zur Tatzeit zwischen acht und 14 Jahre alt waren, am ganzen Körper berührt und zum Oralverkehr sowie in mindestens einem Fall zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben. Shanti drohen dafür bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung.
Mutmaßliche Opfer seien bereits erwachsen gewesen
„Ich habe mit Sekten gar nichts zu tun“, sagt Shanti, vielmehr sei seine Kommune, die Shanti-Familie, mit der „Kelly-Family“ zu vergleichen. Dass er mit manchen Mitgliedern der Kommune, auch mit manchen der mutmaßlichen Opfern, Sex gehabt hat, bestreitet Shanti nicht. Dies sei aber zu einem Zeitpunkt geschehen, als die zwischen 1977 und 1985 geborenen Zeugen bereits erwachsen gewesen seien. Wer im Prozess anderes behaupte, sage die Unwahrheit. „Ich werde durch ein Meer von Lügen schwimmen müssen“, sagt Shanti.
Bürgerlich heißt der Angeklagte Ulrich Sch., aber nichts wollte der Hamburger weniger sein als bürgerlich. Nach der dritten Klasse habe er einst die Schule verlassen und sei auf Handelsschiffen zur See gefahren, um die Welt zu sehen, sagt der Angeklagte. Das Jahr 1968 habe er im haschischverrauchten Berlin verbracht, bevor er nach Indien gezogen sei, wo er endgültig zur Musik gefunden habe. Ende der siebziger Jahre habe sich seine Kommune in Deutschland gegründet, Mitte der achtziger Jahre sei sie von Bayern nach Portugal umgezogen.
Shanti glaubt an Intrige
Friedlich und harmonisch habe er dort mit seinen Freunden von den Tantiemen seiner New-Age-Musik gelebt, die im Sattva-Kunstverlag erschienen sei, sagt Shanti. Nein, um Geld habe er sich nie richtig gekümmert - der Verlag habe schließlich satte Umsätze eingefahren und Shanti und seine Freunde, die als Angestellte des Verlages entlohnt wurden, versorgt. Im Jahr 2002 habe Shanti sich mit der Verlagschefin überworfen, woraufhin die den 15 000 Kunden per Email mitteilte, der Musiker vergehe sich an Kindern. „Die wollte mich vernichten“, sagt der Angeklagte.
Die Verlagschefin und andere frühere Weggefährten hätten ihn zudem mit fingierten Vollmachten um viel Geld betrogen. Mit seiner Weltmusik habe er Millionen verdient, sagt Shanti. 1982 sei sein Verlag mit einem Jahresumsatz von damals 30 000 Mark (etwa 15 000 Euro) gestartet, im Jahr 2002 habe der Umsatz dann bei zehn Millionen Mark gelegen. Mit dem Geld habe er zwölf Häusern in Portugal gekauft und mit wertvollen Kunstgegenständen ausgestattet. Auch habe er eine Papageiensammlung besessen, die mehr als eine Million Euro wert gewesen sei. Um das alles unter sich aufteilen zu können, hätten die Betrüger als finale Intrige ihre Kinder angestiftet, ihn des Missbrauchs zu beschuldigen.
Schwere Vorwürfe gegen Polizei und Staatsanwaltschaft
Gegen Shanti war aufgrund der Anzeige seiner früheren Weggefährten im Jahr 2004 Haftbefehl ergangen, im vergangenen Jahr wurde er in Portugal festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Der Angeklagte erhob in dem Prozess schwere Vorwürfe gegen Polizei und Staatsanwaltschaft. Während der gesamten Untersuchungshaft sei er nicht ein einziges Mal vernommen worden und habe deshalb die Vorwürfe nicht entkräften können, sagte der Musiker.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft und der Anwälte von Ulrich Sch. werden im Prozessverlauf sowohl einige der mittlerweile erwachsenen Opfer als auch die ehemalige Inhaberin des Verlags als Zeugen erwartet. Sch. kündigte bereits weitere Einlassungen im Beisein der Zeugen an. Der Prozess ist zunächst auf acht Tage terminiert.
Alle sind sie unschuldig ...
Stefan Neudorfer (sttn)
- 26.08.2009, 14:00 Uhr
Mundschutz wg. MRSA?
Michael Meier (never1)
- 26.08.2009, 18:04 Uhr