09.12.2008 · Zweieinhalb Jahre suchte die Dresdner Polizei nach dem Vergewaltiger zweier neun und elf Jahre alter Mädchen. Erst der größte Massengentest der deutschen Geschichte überführte den Täter. Der Prozess gegen ihn begann nun mit seinem Geständnis.
Von Reiner Burger, DresdenCarsten D. ist ein unauffälliger Mann, ein wenig untersetzt, die Haare sorgfältig in die Stirn gekämmt. Mit gesenktem Blick lässt er sich am Dienstag in den Gerichtsaal im Landgericht Dresden führen. Ehemalige Freunde und Bekannte sagen, der 33 Jahre alte Kraftfahrer sei ein freundlicher Mensch. Auch mit Kindern habe er gut umgehen können. In seinem Fußballclub war er bestens integriert. Seit 2007 lebte er in einer festen Beziehung. Niemand ahnte etwas von der dunklen Seite des Carsten D., die den Albtraum aller Eltern Wirklichkeit werden ließ.
Mehr als zweieinhalb Jahre lang suchte die Dresdner Polizei nach dem Vergewaltiger zweier neun und elf Jahre alter Mädchen. Der Fall erregte Aufsehen, weil die Ermittler versuchten, dem Täter mit dem größten DNA-Massentest der deutschen Geschichte auf die Spur zu kommen. Seit Juli 2006 bat die Sonderkommission „Heller“ 30.000 Männer zwischen 25 und 45 Jahren mit einer Körpergröße von 1,65 bis 1,85 Metern zur Speichelprobe. Letztlich nahmen 14.200 Männer teil. Im Juli schließlich brachte traditionelle Ermittlungsarbeit die Polizisten auf die Spur von Carsten D. Er hatte früher einmal in der Nähe eines der Tatorte gelebt. Auch war einem Zeugen an einem der Tattage ein silbergraues Auto mit dem Kennzeichenfragment „DD-D . . .“ aufgefallen. Ein solches Fahrzeug besaß er früher. Ein Speicheltest ergab schließlich: Die DNA von Carsten D. stimmt mit jener des Täters überein.
Seinem Opfer gab er drei Euro für den Bus
Weit über ihren Schriftsatz gebeugt, als wolle sie auf keinen Fall Blickkontakt mit Carsten D. eingehen, trägt Staatsanwältin Bettina Ball am Dienstag die Ungeheuerlichkeiten vor, die der unscheinbare Kraftfahrer allesamt schon in seinen Vernehmungen gestanden hat. Demnach positionierte sich Carsten D. am 6. September 2005 im Dresdner Stadtteil Hellerau in der Absicht, bei der erstbesten Gelegenheit ein Mädchen von der Straße zu greifen. Gegen 16 Uhr packte er die neun Jahre alte Henriette, zwang sie unter Todesdrohungen, sich flach auf die Rückbank seines Autos zu legen, und fuhr in ein 21 Kilometer entferntes Waldstück. Dort zwang er das Kind zum Oralverkehr.
Als das Mädchen beim Vaginalverkehr vor Schmerz verkrampfte, ließ sich D. von ihm befriedigen. Dann fuhr er das Mädchen zurück, gab ihm drei Euro für den Bus, damit es nach Hause kam. Das Mädchen trug schwere Verletzungen davon und musste mehrere Tage im Krankenhaus behandelt werden. Nur ein paar Wochen später, am 10. Januar 2006, griff sich D. die elf Jahre alte Ann-Christin direkt vor ihrem Elternhaus in Coswig, hielt ihr einen Schraubendreher an den Hals und zwang sie, sich in den Fußraum im Fahrzeugfond zu legen. In einem 38 Kilometer entfernten Waldgebiet musste sich das Kind nackt ausziehen. Dann zwang er es zum Oralverkehr bis zum Samenerguss. Auch Ann-Christin fuhr Carsten D. in die Nähe ihres Wohnorts zurück.
Eine tickende Zeitbombe
Am Dienstag gesteht Carsten D. im (unter Rücksicht vor allem auf die Opfer) nichtöffentlichen Teil des Prozesses die Taten in vollem Umfang, wie Christian Avenarius, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden, im Anschluss mitteilt. Sein Geständnis und dass er die Kinder nicht in der Wildnis aussetzte, sind die einzigen Punkte, die das Gericht strafmildernd bewerten dürfte. Wegen der Schwere seiner Taten und weil ein Gutachter ihn als unvermindert schuldfähig einschätzt, muss Carsten D. – in dem schon für Donnerstag in Aussicht gestellten Urteil – mit einer hohen Freiheitsstrafe rechnen.
Anders als die meisten Sexualstraftäter hat sich Carsten D. nicht Schritt für Schritt an seine Opfer herangemacht. In einem eruptiven Ausbruch verdichtete sich bei ihm alles auf einmal: Er entführte seine Opfer, bedrohte sie auch dann noch mit dem Tod, als sie mutterseelenallein waren, ließ an sich manipulieren und erzwang schließlich Oral- und Vaginalverkehr. Avenarius, der maßgeblich an den Ermittlungen beteiligt war, ist deshalb überzeugt, dass Carsten D. eine tickende Zeitbombe war. Die ungeheuerliche Brutalität der beiden Vergewaltigungen habe darauf hingedeutet, dass es bald zu einer weiteren Tat kommen würde.
Dass Carsten D. dennoch bis zu seiner Festnahme nicht wieder zuschlug, erklärt sich Avenarius auch mit dem hohen Fahndungsdruck. Trotz des von einigen Politikern erhobenen Vorwurfs, mit dem DNA-Massentest Zehntausende unbescholtener Dresdner latent kriminalisiert zu haben, würde Avenarius bei einem ähnlichen extremen Verbrechen wieder zu diesem Instrument greifen. Er hoffe aber, nie wieder in diese Situation zu kommen. „Zudem zeigt der Fall, dass man gerade in einer so großen Stadt wie Dresden nicht auf sozialen Druck setzen kann, sondern den Test so früh wie möglich mit einer Rasterfahndung kombinieren muss.“