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Kindesentführungsprozess Bis zur Delphintherapie

Im Prozess um die Entführung eines Säuglings aus der Tschechischen Republik erzählen die Angeklagten und Zeugen exotische Geschichten. Vor allem geht es um die Frage, ob Melanie B. alleine handelte.

© dpa Das Urteil der Gutachter über ihre Glaubwürdigkeit steht noch aus: Die Angeklagten und ihre Anwälte im Koblenzer Gericht

Der Verhandlungssaal 105 ist im Vergleich zum Prozessbeginn leer geworden. Nur noch ein paar versprengte Verwandte der Zeugen sind im Zuschauerraum, ansonsten ist das Koblenzer Gericht unter sich. Den Angeklagten, der 48 Jahre alten Melanie B. und dem 51 Jahre alten Uwe R., werden Kindesentführung, gewerbsmäßiger Diebstahl, gewerbsmäßiger Betrug sowie gewerbsmäßige Urkundenfälschung vorgeworfen. Sie sollen im vergangenen Sommer in der tschechischen Stadt Ustí nad Labem (Aussig) ein drei Wochen altes Kind vor den Augen seiner Mutter aus dem Kinderwagen gerissen und nach Deutschland entführt haben. Außerdem legt die Staatsanwaltschaft dem Paar zur Last, in den Monaten vor der Tat mehrere Autos gestohlen zu haben.

Lena Schipper Folgen:

Beim vorherigen Termin hatte die Angeklagte in einer Stellungnahme abermals die wilde Geschichte über die Entführung wiederholt, die schon vor dem Prozess kursierte: Sie habe ihrem Partner eine Lügengeschichte aufgetischt. Eine Fehlgeburt im vergangenen Frühjahr habe sie ihm verschwiegen, im Sommer dann die Geburt von Drillingen in einer tschechischen Klinik vorgetäuscht und behauptet, die Kinder seien entführt worden. Als ihr Lebensgefährte das Kind im vergangenen Juli aus dem Kinderwagen riss, habe er geglaubt, es sei sein eigenes. Der Mann gab zu Protokoll, er komme sich im Rückblick „naiv“ vor. „Blind vor Liebe“, habe er Melanie B. alles abgenommen. Nur Tage später fanden Ermittler den Säugling in der Wohnung der Mutter der Angeklagten in Neuwied; seitdem sind Melanie B. und Uwe R. in Untersuchungshaft. Im Saal sitzen auch zwei Gutachter. Ihr Urteil über die Glaubwürdigkeit der Angeklagten steht noch aus.

Phantasievolle Geschichten

Heute beschäftigt sich das Gericht jedoch nicht mit der Entführung. Stattdessen geht es um die Autodiebstähle und, wie sich später herausstellt, um die Glaubwürdigkeit der Angeklagten. Gleich zu Beginn lässt Melanie B. über ihre Anwältin wissen, auch die Diebstähle gingen auf ihr Konto. Sie habe sie im Alleingang geplant und ausgeführt. Ihr Lebensgefährte äußert sich nicht, auch Melanie B. bleibt für den Rest der Verhandlung schweigsam und bedrückt. Die Aussagen der Zeugen wecken allerdings bald Zweifel an der Alleingangsversion. Wie im Laufe der langwierigen Befragung deutlich wird, scheinen sich die Diebe in jedem der Fälle einer ähnlichen Masche bedient zu haben: Meist meldete sich ein Mann auf eine Annonce hin bei einem der Zeugen, die ein Auto zum Verkauf angeboten hatten, und bat um einen Termin zur Probefahrt. Manchmal kam er vorher auch noch vorbei. Die Probefahrt absolvierte jedoch eine Frau, in der die meisten Zeugen Melanie B. wiederzuerkennen meinen. Uwe R. will nur einer definitiv als ihren Komplizen erkannt haben, die anderen legen sich nicht fest.

Im Lauf der Fahrt, berichten die Zeugen übereinstimmend, bewegte die Frau sie jeweils unter einem Vorwand zum Aussteigen und fuhr dann mit dem Wagen davon. Davor erzählten sowohl der Mann als auch die Frau phantasievolle Geschichten: Sie seien gerade aus Südafrika zurückgekehrt, wo sie als Delphin- und Hundetherapeuten gearbeitet hätten, nun seien sie zurück in Deutschland und brauchten schnell ein neues Auto, es sei Nachwuchs unterwegs. Auf den Probefahrten klagte die Frau jeweils über Beschwerden, die sie laut Zeugenaussagen auf eine Schwangerschaft zurückführte.

Erhebliche Zweifel an den medizinischen Behauptungen

Auch wenn noch nicht klar ist, ob zwischen den zwei doch sehr unterschiedlichen Anklagepunkten eine Verbindung besteht, und auch wenn der gynäkologische Gutachter gegen Ende des Verhandlungstages erhebliche Zweifel an den medizinischen Behauptungen der Angeklagten anmeldete, zieht sich das Motiv der Schwangerschaft, ob nun real oder vorgegaukelt, durch den gesamten Prozess. Mit ihm wird sich auch der psychiatrische Gutachter beschäftigen müssen, der dem Gericht seine Einschätzung am Montag vorlegen soll.

Auch die noch exotischeren Geschichten, die Zeugenbefragungen im Laufe des Nachmittags zutage fördern, müssen wohl noch eingeordnet werden. Die wildeste stammt von einer Zeugin, die, begleitet von ihrer Anwältin, dem Gericht darlegt, wie die Angeklagte sie glauben machte, sie werde von der Mafia verfolgt. Sie habe die Angeklagten im Frühjahr 2010 bei sich zu Hause aufgenommen, weil sie geglaubt habe, auf einem Foto der Angeklagten Melanie B. in einer Online-Partnerbörse eine alte Freundin wiederzuerkennen. Die Angeklagte habe bestätigt, sie sei diese Person, sei gerade nach Deutschland zurückgekehrt und habe mit ihrem Lebensgefährten in der Nähe ein Schloss erstanden. Später hätten Uwe R. und Melanie B. sie auf eine Odyssee durch halb Europa geschickt - mit Verweis auf die „Mafia-Gefahr“ und dem Versprechen, sie solle eine Anstellung als Pflegerin B.s erhalten, die vorgab, schwer krank zu sein. Während ihrer Abwesenheit auf einer dieser Reisen hätten sie ihr schließlich alles gestohlen. Das Urteil wird wohl nicht vor Mitte Februar fallen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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