Home
http://www.faz.net/-gum-76z9s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Kindesentführung Ein Labyrinth aus Lügen

Ein deutsches Paar entführt ein Baby in der Tschechischen Republik. Der Mann behauptet vor Gericht, er habe es für sein eigenes gehalten. Auch die Zeugen überbieten sich mit phantastisch klingenden Geschichten.

© dpa Entführung gestanden, auf Opferstatus bestanden

Liebe macht blind, weiß der Volksmund. Aber kann sie einem Mann derart die Sinne vernebeln, dass er glaubt, sein soeben geborenes Kind, das er selbst nie gesehen hat, sei entführt worden, und er müsse es aus dem Kinderwagen einer fremden Frau retten? Kann es einer Frau gelingen, ihrem verliebten Freund erst eine Drillingsschwangerschaft, dann den Tod zweier Babys und schließlich die Entführung des dritten vorzuspielen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich seit Anfang Januar das Landgericht Koblenz. An diesem Montag müssen sich die Richter aller Voraussicht nach entscheiden.

Lena Schipper Folgen:

Angeklagt sind Melanie B., 48 Jahre alt, gelernte Fremdsprachenkorrespondentin, und ihr Lebensgefährte Uwe R., 51. Im Juli des vergangenen Jahres sollen die beiden in der Tschechischen Republik ein Baby entführt haben - und den grundsätzlichen Ablauf der Tat bestreiten sie auch gar nicht. Offen aber ist, ob auf der Anklagebank in Saal 105 in Koblenz zwei Komplizen sitzen - oder eine manipulative Kindsentführerin und ein Opfer ihrer Lügengeschichten.

Lappen und Tücher unter der Kleidung

Sicher ist, dass Uwe R. am 4.Juli 2012 in der tschechischen Region Ustí nad Labem, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze, auf eine junge Frau zurannte, die gerade einen türkisblauen Kinderwagen aus dem Bus hob, darin Michála, ihre 18 Tage alte Tochter. Uwe R. stieß die Mutter zur Seite, riss das Mädchen aus dem Wagen und sprang mit ihm in ein wartendes Auto. Am Steuer saß Melanie B., sie gab Gas, zurück Richtung Deutschland. Fünf lange Tage blieb Michála verschwunden.

Am 9. Juli dann klingelte die Polizei an einer Tür in der Friedrich-Ebert-Straße in Neuwied bei Koblenz. Im Wohnzimmer saß eine ältere Frau, in ihren Armen Michála. Das sei die Enkelin ihrer Freundin, sagte die verdutzte Frau. Doch die Polizisten nahmen ihr das Mädchen ab. Dann verhafteten sie die Tochter der besagten Freundin und deren Lebensgefährten: Melanie B. und Uwe R.

Mehr zum Thema

Das Paar gestand die Entführung - doch Uwe R. behauptet auch, selbst ein Opfer zu sein. Und Melanie B. stützt seine Aussage. Vor Gericht lässt sie von ihrer Anwältin eine lange Stellungnahme vorlesen: Im Dezember 2011 sei sie schwanger gewesen, habe aber im folgenden Frühjahr eine Fehlgeburt erlitten. Ihrem Lebensgefährten Uwe R. und ihrer eigenen Familie erzählte sie aber weiterhin, dass sie Drillinge erwarte. Sie stopfte sich Lappen und Handtücher unter die Kleidung. Ihrem Freund zeigte sie sich von April an nicht mehr nackt. Als der vermeintliche Geburtstermin näher rückte, fuhr sie zusammen mit Uwe R. in die Tschechische Republik. Dort gebe es deutschsprachige Ärzte, die günstiger seien, sagte sie ihm, schließlich sei sie in Deutschland nicht krankenversichert.

In Ustí nad Labem ging Melanie B., so trägt es ihre Anwältin weiter vor, in ein Krankenhaus. Uwe R. wartete draußen im Auto. Irgendwann kam sie wieder heraus und sagte ihrem Freund, dass sie die Kinder gut zur Welt gebracht habe. Allerdings müssten sie über Nacht noch in der Klinik bleiben.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
70 Jahre Massaker von Aussig Was Tschechen und Sudetendeutsche bis heute trennt

70 Jahre nach dem Massaker von Aussig spaltet der ehemalige tschechoslowakische Präsident Beneš noch immer die Meinungen von Tschechen und Sudetendeutschen. In Tschechien wird er verehrt – für Sudetendeutsche ist er verantwortlich für Gräueltaten. Mehr Von Karl-Peter Schwarz, Prag

31.07.2015, 09:00 Uhr | Politik
Berlin Geldstrafe für Familienangehörige wegen Freiheitsberaubung

Im Prozess um die Entführung des homosexuellen Deutsch-Libanesen Nasser A. haben die drei angeklagten Familienangehörigen Geldstrafen erhalten. Mehr

12.03.2015, 16:50 Uhr | Gesellschaft
Musikgeschmack und Denkstil Macht Klassik einfühlsam?

Was wir hören, formt unser Denken, behauptet eine psychologische Studie. Die Musiksoziologin Melanie Wald-Fuhrmann erklärt, warum das nur ein Bruchteil der Lösung ist. Mehr Von Kornelius Friz

03.08.2015, 15:59 Uhr | Feuilleton
Heimkehr nach Spanien Schwangere Frau überlebt Attentat auf Museum in Tunesien

Die Frau und ihr Ehemann konnten sich verstecken und überlebten so den blutigen Angriff. Nun sind sie heil in ihre spanische Heimat zurückgekehrt. Mehr

21.03.2015, 16:49 Uhr | Gesellschaft
Upper East Side Die Luxus-Weibchen von New York

Eine Journalistin hat unter den Superreichen an der Upper East Side gelebt – und schildert deren Frauen in einem Buch als Luxus-Primaten, die heftig um ihren Rang buhlen. Mehr Von Nina Rehfeld

01.08.2015, 09:47 Uhr | Stil

Veröffentlicht: 17.02.2013, 17:24 Uhr

Hollywood-Schauspielerin Charlize Theron adoptiert ein Mädchen

Schauspielerin Charlize Theron vergrößert ihre Familie, Popsänger Sasha heiratet seine Freundin, und Ashlee Simpson wird zum zweiten Mal Mutter – der Smalltalk. Mehr 20



Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden