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Veröffentlicht: 16.07.2015, 13:57 Uhr

Kinderbesuch im Gefängnis Bis in zwei Wochen

Alle 14 Tage hört man Kinderlachen – und das im Gefängnis. In Hamburg dürfen Kinder ihre Väter in der Haftanstalt besuchen. Zu Gast bei einer ungewöhnlichen Vater-Kind-Gruppe.

von Yasemin Ergin, Hamburg
© Daniel Pilar Bis in zwei Wochen: Ein Junge verabschiedet sich nach dem Gruppennachmittag im Gefängnis von seinem Vater.

Die Kleine in den pinkfarbenen Schuhen hüpft mit wippenden Zöpfen durch die Sicherheitsschleuse. Der Metalldetektor piept, sie kichert aufgeregt. Die Beamtin hinter der Glasscheibe schaut von ihrem Monitor auf und ermahnt sie.

Ein paar ältere Kinder haben Handys und Kleingeld in Kästen gelegt und warten darauf, dass sie an die Reihe kommen. Nele, ein etwa vier Jahre altes Mädchen, schüchtern, mit dicken Locken und rauher Stimme, klammert sich an Betreuerin Anna Klausutis.

Die Personenkontrolle am Eingang der Untersuchungshaftanstalt Hamburg ist Routine für die Jungen und Mädchen. Alle 14 Tage kommen sie, um Zeit mit ihren Vätern zu verbringen. Möglich ist das nur, weil es seit gut einem Jahr die Vater-Kind-Gruppe gibt.

Jede offene Tür wird abgeschlossen

Anna Klausutis, eine zierliche junge Frau mit großen braunen Augen, nimmt die Kleinsten an die Hand und stapft mit allen zusammen die Treppen hoch. Ein Ermittler vom Zoll schließt sich der Gruppe an. Neles Vater sitzt wegen eines Delikts, das in seine Zuständigkeit fällt. Ohne Beobachtung darf er keinen Besuch empfangen. Die Kinder beachten ihn kaum. Klausutis verwickelt sie in Gespräche, sie erzählen von Schulausflügen und Geburtstagsfeiern.

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Alle paar Meter mischt sich lautes Schlüsselrasseln unter das Stimmengewirr. Auf jedem Stockwerk trennen schwere Türen, die mit Gitterstäben gesichert sind, Treppenhaus und Gänge voneinander, und jede Tür, die aufgeschlossen wird, muss wieder abgeschlossen werden. Klausutis überspielt das Prozedere. Je weniger Gedanken die Kinder sich über die Situation machen, umso besser.

Eine letzte Tür öffnet sich, und die Kinder laufen ihren Vätern in die Arme. Sechs Männer, unterschiedlich alt, einige in Jogginghosen, andere in Jeans. Auch ein Cordhosenträger mit graumeliertem Haar und feinem Wollpulli ist dabei. Sie sitzen wegen Raubs, Betrugs oder Rauschgiftschmuggels, doch darum soll es hier nicht gehen, nicht in Anwesenheit der Kinder.

Kinder hinter Gitter

Nele juchzt, als ihr Vater, ein drahtiger Mann um die 30, der den gleichen Wuschelkopf hat wie seine Tochter, sie in die Luft hebt und herumwirbelt. All die Sachen, die sie ihm schon seit Tagen erzählen will, sprudeln aus ihr heraus. Warum ihre Schwester Maja dieses Mal nicht dabei sein kann, welches Lied sie neulich im Kindergarten gelernt hat und mit wem sie zurzeit am liebsten spielt.

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Die Vater-Kind-Gruppe findet in der Mitarbeiter-Cafeteria statt, zu der Häftlinge normalerweise keinen Zutritt haben. Alle zwei Wochen machen die Gruppenleiterinnen eine Ausnahme. „Wir wollen die Treffen so kindgerecht gestalten wie möglich. Im regulären Besucherraum wäre das nicht machbar“, sagt Klausutis.

Die Fenster sind auch hier vergittert, doch sonst sieht der großzügig geschnittene Raum kaum nach Gefängnis aus – auch dank Tellern mit Süßigkeiten und Obst auf den Tischen, dank Büchern und Bastelsachen.

„Der Papa arbeitet hier“

Justizvollzugsbeamtin Nina Rüster, die mit Klausutis und Vollzugsabteilungsleiterin Heike Trebus die Gruppe leitet, hat die Männer kurz zuvor aus ihren Zellen geholt und sie durchsuchen lassen. Jetzt setzen sich alle in einen Stuhlkreis. Väter, Kinder, Betreuerinnen und auch der Mann vom Zoll erzählen, wie es ihnen geht.

Dann dürfen die Kinder sagen, was sie in den kommenden zwei Stunden gern machen würden. Die einen wollen mit dem Papa spielen, die anderen basteln, die Größeren einfach nur reden.

Während Väter und Kinder sich in verschiedene Ecken zurückziehen, schiebt Nina Rüster Tische zusammen und spannt ein Pingpongnetz auf. Die Kleinsten begriffen oft nicht, wo sie eigentlich seien, sagt sie: „Die denken, das ist hier ein Krankenhaus, oder Papa arbeitet hier, je nachdem, was die Mütter erzählen.“

An die Kinder denken

Die zupackende Frau mit den grauen Locken ist seit mehr als 20 Jahren Justizvollzugsbeamtin. Auf die korrekte Berufsbezeichnung legt sie Wert, weil sie den Begriff „Gefängniswärterin“ hasst. Zu dem Vater-Kind-Projekt stieß sie auf Initiative von Anna Klausutis. Die jüngere Kollegin kam während des Studiums der Sozialarbeit als Praktikantin in die Haftanstalt, und die zwei ungleichen Frauen freundeten sich schnell an.

Väter in Haft - In der Hamburger Untersuchungshaftanstalt wird in Vater-Kind-Gruppen inhaftierten Vätern der Kontakt mit ihren Kindern ermöglicht. © Daniel Pilar Vergrößern Was sollen wir heute machen? Der Vater-Kind-Nachmittag im Knast.

Als Klausutis auf Anregung der Anstaltsleiterin Claudia Dreyer die Vater-Kind-Gruppe plante und Gegenwind aus den Reihen der Mitarbeiter aufkam, hatte sie in Rüster eine tatkräftige Unterstützerin. „Natürlich gab es einige, die gefragt haben, was denn der Quatsch soll, warum man die Inhaftierten jetzt auch noch belohnen muss“, sagt Rüster.

Früher habe sie ähnlich getickt: „Wenn Häftlinge sich beklagt haben, dass sie ihre Kinder vermissen, habe ich schnell mal gedacht, selbst schuld, das hättet ihr euch vorher überlegen können. Heute denke ich eher an die Kinder, die mitbestraft werden für etwas, für das sie nichts können.“ Später schiebt sie per Mail hinterher, sie wisse, wie es sei, ohne Vater aufzuwachsen, und mache auch deshalb bei der Gruppe mit.

Fünf Monate seit dem letzten Besuch

Klausutis hat ihr Studium inzwischen fast abgeschlossen, sie arbeitet als Honorarkraft im Gefängnis, um die Gruppe weiter zu betreuen. An diesem Nachmittag zeigt sie Vätern und Kindern, wie man Kressesamen in Schälchen einbringt. Zwischendurch begleitet sie immer mal wieder die Kleinen auf die Toilette. Zu den Gruppenregeln gehört, dass Väter und Kinder nicht die gleiche Toilette benutzen dürfen.

So soll vermieden werden, dass sie Zettel mit Informationen austauschen. Die Männer haben ihre Prozesse noch vor sich und stehen unter strenger Beobachtung, damit sie ihre Aussagen nicht mit der Außenwelt abstimmen können.

Nele sitzt mit ihrem Vater auf dem Fußboden und lädt, tief versunken in das Spiel, Murmeln in einen Spielzeugbagger. Er sei schon fünf Monate hier, murmelt der Mann, die Kleine denke tatsächlich, er sei krank und hier in Behandlung. Dann wendet er sich wieder dem Mädchen zu, das sich fest an ihn drückt.

Strafe für die Familie

Das Kuscheln fehle ihr am meisten, sagt sie. Zu Hause schlafe sie oft in der „goldenen Mitte“ zwischen Mama und Papa, das sei ihr Lieblingsplatz, aber da, wo sonst der Papa liegt, liege nun ihre ältere Schwester. „Da kann ich immer nicht so gut einschlafen.“ Ihr Vater lächelt hilflos und streicht ihr stumm übers Haar.

Als Nele sich gerade bei den Süßigkeiten bedient, lässt er durchblicken, dass er so schnell wohl nicht auf freien Fuß kommen werde. Er habe zu großen Mist gebaut, mehr will er nicht sagen. Was er seiner Familie damit angetan habe, werde ihm erst jetzt schmerzlich bewusst.

Wie Kinder unter der Inhaftierung von Eltern leiden, damit befasste Anna Klausutis sich schon im Studium. Sie ist selbst Mutter zweier Kinder, das spiele auch eine Rolle – „natürlich würde ich mir so ein Angebot auch wünschen, wenn ich in einer vergleichbaren Situation wäre“. Doch wichtiger sind ihr die Fakten, auf die sich ihr Konzept stützt.

Verantwortung für die Kinder

So wurden bei der von der Europäischen Union finanzierten „Coping“-Studie zwischen 2010 und 2012 in ganz Europa etwa 700 Kinder inhaftierter Eltern befragt. Das wenig überraschende Ergebnis: Die lange Trennung vom Vater – oder in selteneren Fällen der Mutter – macht die Kinder anfälliger für Krankheiten als andere in ihrer Altersgruppe, sie haben überdurchschnittlich oft auch psychische Probleme. In Deutschland hatten nur 52 der 143 untersuchten Anstalten Angebote, die den Kontakt zwischen Inhaftierten und ihren Kindern fördern.

Mit der Vater-Kind-Gruppe übernehme die Untersuchungshaftanstalt Hamburg nun Verantwortung für die Kinder, sagt Klausutis: „Das sind zwei Stunden, in denen die Väter ihnen zeigen können, Papa ist nicht gegangen, weil er von euch wegwollte, er liebt euch trotzdem, auch wenn er einen Fehler gemacht hat.“ Ein wichtiger Punkt sei außerdem, dass die Kinder sehen, dass sie nicht allein sind, dass es andere in der gleichen Situation gibt.

Lichtblick während der Haft

Anmeldungen für die Gruppe gab es zuhauf, die Warteliste ist lang. Zu Klausutis’ Aufgaben gehört auch die Auswahl der Teilnehmer. Sie schaut in die Akten der Bewerber, berät sich mit Vollzugsbeamten und Psychologen. Sexualstraftäter werden unter keinen Umständen zugelassen. Und wer wegen eines Gewaltdelikts sitzt, wird besonders intensiv geprüft: „Wir schauen dann zum Beispiel, wie es zur Tat gekommen ist und wie der Häftling sich im Vollzug benimmt.“

Nach der Vorauswahl werden die Bewerber befragt. Wie war die Beziehung zum Kind vor der Inhaftierung? Gab es regelmäßigen Kontakt? Väter, die eine nachweislich enge Bindung zu ihrem Kind haben, werden bevorzugt.

Die Männer, die es in die Gruppe geschafft haben, sind dankbar. Die Treffen mit den Kindern seien der einzige Lichtblick während der Haft, etwas, auf das sie sich freuen könnten und das ihnen Hoffnung gebe. So oder ähnlich äußern sich alle Teilnehmer an diesem Nachmittag.

Lachen dürfen wir zu Hause nicht mehr!

Wie heilsam die Treffen nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Väter sind, bekommt Nina Rüster täglich mit: „Ich sehe, wie sie sich zum Positiven entwickeln. Sie schlafen besser, sind gelassener, bedanken sich x-mal. Das kommt ja sonst selten vor, dass sich Insassen bei uns bedanken.“

In einer Ecke des Raums sitzt ein Mann im Trainingsanzug an einem Tisch mit dem acht Jahre alten Leo und der elf Jahre alten Kim. Das Mädchen trägt einen straffen Zopf und eine Lederjacke und wirkt älter, als es ist. Während sein Bruder stumm auf seinem Stuhl hin und her wippt, redet es ohne Punkt und Komma auf den Vater ein. Es geht um den Ärger, den Kim mit der Mutter hat.

Die schimpfe immer nur und verbiete alles: „Sogar lachen dürfen wir zu Hause nicht mehr! Wenn wir mal rumalbern, schreit sie sofort rum.“ Sie wolle nun mit dem Boxen anfangen, um die Aggressionen abzubauen, die ihre Mutter bei ihr auslöse. Kims kleiner Bruder kichert, der Vater schaut skeptisch. „Bist du sicher, dass du nicht auch Fehler machst? Ich merke doch, wie du drauf bist“, sagt er. Das Mädchen protestiert, er spricht weiter: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wenn du nicht auf die Mama hörst, ist es klar, dass sie sauer wird. Ich gehorche meinen Eltern bis heute.“

Zuhause wird es immer schlimmer

Er sei schon lange von der Mutter seiner Kinder getrennt und habe kein Sorgerecht, erzählt er, als Kim und Leo kurz darauf eine Runde Tischtennis spielen. Er sei dankbar, dass sie den beiden die Gefängnisbesuche erlaube, und nehme sie in Schutz, auch wenn er wisse, wie sehr Kim seinen Zuspruch brauche.

Auf einmal steht sie wieder neben ihm und will wissen, worüber er spricht. „Hat er Ihnen erzählt, warum er sitzt?“ fragt sie. „Uns verrät er es ja nicht.“ Seine Haft sei für sie die absolute Katastrophe. Die Wochenenden beim Vater seien die einzigen Auszeiten von dem Stress mit der Mutter gewesen. „Jetzt ist er ganz weg, und zu Hause wird es immer schlimmer.“

„Bis zum nächsten Mal, Anna“

Die Wut des Mädchens sei typisch für die Kinder Inhaftierter, sagt Klausutis, umso wichtiger sei es, dass die Treffen mit dem Vater ihm ein Ventil böten. Sie tausche sich auch mit den Müttern aus, um zu klären, ob die Gruppe wirklich allen Beteiligten guttue, und fast immer sei die Antwort ein klares Ja.

Mehrere Frauen hätten ihr berichtet, dass es zu Hause besser laufe, seitdem die Kinder den Vater regelmäßig sehen, dass sie ruhiger seien und mit der Trennung besser klarkämen. Eine Mutter habe vorgeschlagen, sie mögen doch ein gemeinsames Abendbrot anbieten, um Alltagsstimmung zu schaffen.

Es ist fast halb fünf, und Nina Rüster, die gerade noch mit einem Kind auf dem Boden rumtollte, stellt Stühle zu einem Kreis zusammen. Alle setzen sich noch einmal hin für eine Abschiedsrunde. Kinder umarmen ihre Väter, hier und da fließen Tränen, doch die meisten wirken glücklich. Während Rüster die Männer zurück in ihre Zellen bringt, führt Anna Klausutis die Kinder zur Pforte, wo die Mütter schon warten.

„Bis zum nächsten Mal, Anna“, krächzt Nele und wedelt fröhlich mit den Armen. Die junge Frau winkt zurück und bleibt noch eine Weile am Tor stehen. Erst als alle Kinder außer Sichtweite sind, lässt sie die schwere Tür ins Schloss fallen.

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