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„Kehler Phantom“ : So grausam die Tat, so groß die Lücken

  • -Aktualisiert am

Hüllt sich in Schweigen: Jacques Plumain Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Im Straßburger Prozeß um drei Frauenmorde will sich der Angeklagte Jacques Plumain nicht so recht erinnern. Bis zum Ende behält er wichtige Details für sich. Der Staatsanwalt bleibt mit seiner Ungewißheit zurück.

          Brice Raymondeau-Castanet will Gewißheit. Der Staatsanwalt im Straßburger Schwurgerichtsprozess gegen Jacques Plumain will wissen, ob der Mann auf der Anklagebank ein kaltblütiger Mörder ist, der kalkuliert, ja mit Vergnügen mordet. Gibt es das eine Motiv, das den Mörder antrieb? Raymondeau-Castanet, ein schmaler Mann mit ergrautem Haar, nimmt jeden Tag die Akten hervor, als ob sich daraus die Erinnerung des Angeklagten erschließen ließe.

          Doch Gewißheit über die erste Tat, den Mord an der türkischen Altenpflegerin Hatice Celik im Oktober 1999, gibt es nicht. Er bleibt das einzige der ihm zur Last gelegten vier Verbrechen in Kehl und Straßburg, das Plumain nicht begangen haben will. In den ersten Prozeßtagen gesteht der 31 Jahre alte Franzose aus Guadeloupe schnell und erneuert seine zwischenzeitlich widerrufenen Geständnisse vom Juni 2001. Nirgends fand man damals Fingerabdrücke, nur Fußspuren in schlechtem Zustand. Plumain hinterließ auch keine genetische Spur.

          Problematische Beziehung zur Mutter

          Immer wenn Richter und Staatsanwalt den Angeklagten in die Zange nehmen - der Richter väterlich streng, der Staatsanwalt mitunter ungehalten-, gibt Plumain einen kurzen Blick auf sein Wissen frei. Dann zieht er sich wieder zurück: „Ich kann es nicht erklären, ich weiß es nicht.“ Dann bestreitet er Abläufe und Fakten, die medizinische Gutachter noch kurz zuvor rapportiert hatten. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Jerome Bensussan, ob er mit den Taten seine Mutter bestrafen wolle, antwortet Plumain: „Ja, so war es.“ Die ambivalente Beziehung zur Mutter, die ihn in der Kindheit prügelte und als Erwachsenen nicht nach Guadeloupe zurückkehren ließ, diese Bindung zwischen Liebe und Haß ist das Leitmotiv des Prozesses. Für die Psychiater ist sie eine Illusion, mit der sich der Angeklagte zu schützen sucht. Beim ersten Geständnis vom Juni 2001 stammelte Plumain: „Pardon, Maman. Pardon, Maman.“

          Werden Bilder der Tatorte und der Opfer gezeigt, senken sich Plumains Lider. Bensussan versucht, ihm Schilderungen des Tathergangs abzuringen, den Oberkörper nach vorne gelehnt, als könne er so die Distanz zum Angeklagten überbrücken. Plumain schildert in knappen Sätzen, wie er zweien seiner Opfer den Puls fühlte. Doch was danach geschah, blendet er aus: Daß er einem Opfer, als es schon am Boden lag, den letzten Stoß versetzte, daß er in einem Waldstück bei Straßburg seinem nach der ersten Attacke fliehenden Opfer von hinten die Kehle durchschnitt. Je grausamer die Tat, desto größer die Gedächtnislücken.

          Psychiater erhärten Zweifel

          Bleibt die Wissenschaft. Nach der Familie, nach den vielen ehemaligen Freundinnen und einigen Freunden, nach den Gerichtsmedizinern gehört der Zeugenstand den Psychiatern. Sie erhärten die Zweifel an Plumains Glaubwürdigkeit. Das Verbrechen an der Türkin entspricht dem Muster der anderen Morde: der schnelle Griff von hinten, die teilweise Entkleidung der Körper und die sexuellen Manipulationen, die fast schüchtern erscheinen im Vergleich zum Tötungsakt. Beim ersten und jüngsten Opfer der Serie, bei der damals 22 Jahre alten Hatice Celik, wiesen die Spuren am deutlichsten auf ein Sexualverbrechen hin.

          Daniel Zagury, der Psychiater aus Paris, redet über die Steigerung der Brutalität bei Serienmördern. Die Opfer des Kehler Frauenmörders wurden bestialisch getötet und weggeworfen. „Ist es vorstellbar“, fragt Raymondeau-Castanet, „daß der Täter mit dem abscheulichsten Verbrechen begonnen hat?“ Zagury antwortet abwägend und ausweichend: „Unmöglich ist es nicht.“

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