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Kaspar Hauser Der Mord am Kind von Europa

 ·  175 Jahre nach Kaspar Hausers Tod ist die Lösung seines Rätsels noch immer nicht in Sicht. Theorien um Leben und Tod des bekanntesten deutschen Findelkindes gibt es genug. Dass er der Erbprinz von Baden war, können die Rechtsmediziner nicht ausschließen.

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Kaspar Hauser war ein Hasenfuß. Nachts traute er sich nicht vor die Tür. „Es war auch garstiges Wetter und schon dunkel“, sagte er später in einer Vernehmung. Warum also ging er, der schon einmal Opfer eines Attentatsversuchs geworden war, am 14. Dezember 1833 allein in den Ansbacher Hofgarten? Nur ein Grund ist denkbar: dass er zu erfahren hoffte, wer er war, woher er kam, wer seine Eltern waren. Doch er wurde getäuscht. Am Denkmal des Johann Peter Uz traf er nachmittags um halb vier niemand anderen als seinen Mörder, der ihn mit einem Messer schwer verletzte.

Sein Tod, so scheint es, war von langer Hand geplant - auch wenn die Polizei nicht glaubte, dass man ihm nach dem Leben trachtete. Die Gerichtsmediziner waren später geteilter Meinung. Der eine schrieb, der Neigungswinkel des Wundkanals mache eine Selbstverletzung äußerst unwahrscheinlich. Für den anderen schien alles auf einen vorgetäuschten Mord hinzudeuten.

Der berühmteste Mordfall des 19. Jahrhunderts

Für den emeritierten Professor und ehemaligen Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Münster, Bernd Brinkmann, steht hingegen zweifelsfrei fest: Es war der berühmteste Mordfall des 19. Jahrhunderts. Drei Tage lang lag Kaspar Hauser damals im Sterben. Am 17. Dezember 1833 endete das fünfeinhalb Jahre dauernde Leben des Einundzwanzigjährigen. Glaubt man den Aussagen des Pfarrers Fuhrmann, so rief er in den Stunden vor seinem Tod nur nach einer Person: „Die Mutter soll kommen! Die Mutter!“

Stéphanie de Beauharnais war die Adoptivtochter des französischen Kaisers Napoleon. Auf seinen Befehl hin hatte sie 1806 den späteren Großherzog Karl von Baden geheiratet und ihm fünf Kinder geboren, unter ihnen auch zwei Söhne. Doch beide waren - so dachte man jedenfalls - früh gestorben. Alexander, der Zweitgeborene, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit umgebracht, so wie der Erstgeborene, der vier Jahre früher zur Welt gekommen war.

„Man hat mich vergiftet und meine beiden Söhne!“

Und noch jemand wurde offenbar ermordet, im Alter von nur 32 Jahren: der Vater, Großherzog Karl, der 1818 an einem schweren Magenleiden verstarb. Vor Zeugen sagte er mehrfach: „Man hat mich vergiftet und meine beiden Söhne!“ Was er nicht wissen konnte: Einer seiner Söhne, der Erbprinz, den er eigentlich 1812 in der Schlosskirche zu Pforzheim zur ewigen Ruhe hatte betten lassen, lebte noch.

Für ihn war ein anderer Junge gestorben, ein gewisser Johann Ernst Jakob Blochmann, Sohn eines Hofangestellten, der mit dem badischen Erbprinzen vertauscht und dann statt seiner in der Wiege zu Tode gebracht worden war. So zumindest lautet die sogenannte Erbprinzentheorie, die seit dem Erscheinen Kaspar Hausers den eigentlichen Reiz der Geschichte ausmacht.

Der hilflose Knabe war im Mai 1828 plötzlich auf einem Platz in Nürnberg aufgetaucht. Wohlmeinende Zeitgenossen nahmen sich seiner an, vor allem der Gerichtspräsident Anselm von Feuerbach. Das „Jünglingskind“, wie Feuerbach ihn nannte, lernte sprechen. Bald schon berichtete er über die Zeit seiner „unschuldigen Einsperrung“. Er erinnerte sich an zweierlei: an ein „Gefängniß da war ein Stroh darin . . . so lange ich eingespirt war und keinen Menschen niemals gesehen habe.

Sogar Ludwig I. nahm sich seiner Sache an

Ich habe zwei hölzerne Pferde und ein Hund gehabt, mit diesen habe ich immer gespielt.“ Aber er beschreibt auch ein „Großhaus“, in dem es eine Treppe gab, die „war vier- oder fünfmal gebrochen“, und „Schränke mit Flügeltüren, in welchen die meisten und schönsten Tassen standen“. Das sorgte für großes Aufsehen und für allerlei Gerüchte.

So wurde Kaspar Hauser als vermeintlicher Prinz berühmt. Als anderthalb Jahre später das erste Attentat auf ihn verübt wurde, nahm sich sogar schon Ludwig I., König von Bayern, seiner Sache an und erließ einen Befehl, in dem von „allen Vorsichtsmitteln“ die Rede ist, auf dass der junge Mann fortan „vor ähnlichen Angriffen und Mißhandlungen geschützt bleibe“.

Ein Fremder hatte Kaspar Hauser niedergeschlagen und dem Verletzten ins Ohr geflüstert: „Du mußt doch noch sterben, ehe du aus der Stadt Nürnberg kommst.“ Kaspar Hauser, der eine deutlich sichtbare Narbe auf der Stirn davontrug, musste nach dem 17. Oktober 1829 mit zwei Polizisten leben, die ihn rund um die Uhr bewachten.

Wer war der Spion des badischen Herrscherhauses?

Am Tag des ersten Attentatsversuchs war in Nürnberg ein Mann aufgetaucht, der heute von einigen Kaspar-Hauser-Forschern als Spion des badischen Herrscherhauses angesehen wird: Philip Henry, der vierte Earl of Stanhope. Der Lord aus dem britischen Hochadel sprach fließend Deutsch, war ein angesehener und vielgereister Herr, allerdings wohl nicht so reich, wie er alle glauben machen wollte: Seine nicht unerheblichen Ausgaben zahlte er, wie sich später herausstellte, mit badischen Staatsnoten.

Bis zum Tode Kaspar Hausers trat Lord Stanhope als Gönner des jungen Mannes auf, danach versuchte er mit allen Mitteln, seinen Schützling in die Rolle eines Betrügers zu drängen. Schon 1831 war dem Engländer die Pflegschaft übertragen worden.

Kaspar Hauser musste daraufhin Nürnberg, seine Freunde und vor allem seine Beschützer verlassen. Er wurde nach Ansbach gebracht. Der Traum Kaspar Hausers, der Lord werde ihn wie versprochen adoptieren und mit nach England auf sein Schloss Chevening nehmen, erfüllte sich nicht.

Kaspar Hauser wurde zum Risiko

Im kleinen Ansbach wurde Kaspar Hauser endgültig zum „Kind von Europa“. Das Interesse an ihm war enorm, Fürsten und Könige ließen sich die merkwürdige Geschichte gern erzählen. Das hatten seine Feinde sicherlich nicht bedacht. Kaspar Hauser wurde zum Risiko. Zwar war sein genaues Geburtsdatum nicht bekannt. Doch nahm man an, dass der mittlerweile immer selbstbewusster auftretende junge Mann spätestens Ende des Jahres 1833 als volljährig gelten musste.

Darüber hinaus hatte Lord Stanhope einer Frau ein Versprechen gegeben, das er eigentlich nicht halten wollte: Er hatte der Großherzogin Stéphanie von Baden zugesagt, ihr Kaspar Hauser persönlich vorzustellen. Die Folgen wären unabsehbar gewesen. Immerhin hatte die früh verwitwete Gemahlin des Großherzogs Karl von Baden an den Berichten aus Ansbach schon Anteil genommen und einmal sogar seufzend über ihre mögliche Mutterschaft gesagt: „Ich wünsche, daß ich es glauben könnte.“

Eine Person hatte ein besonders großes Interesse, dass alle männlichen Erben des badischen Großherzogs Karl (1811 bis 1818) zu Tode kamen: seine Stiefgroßmutter, die Gräfin von Hochberg, die in zweiter Ehe mit Großherzog Karl Friedrich (1806 bis 1811) verheiratet gewesen war und selbst drei Söhne zur Welt gebracht hatte.

Einen von ihnen wollte sie unbedingt auf den Thron bringen, was ihr auch gelang. Dafür, so sind sich die Freunde Kaspar Hausers sicher, wurde der eigentliche Thronfolger zunächst eingekerkert, dann, weil man ihn für ungefährlich hielt, in Nürnberg ausgesetzt, um zuletzt doch noch getötet zu werden.

An Kaspars Stelle wurde zunächst das Kind armer Leute getötet

Warum aber wurde der kleine Erbprinz nicht schon in der Wiege ermordet? Die Kaspar-Hauser-Forscherin Ulrike Leonhardt glaubt, dass den Verschwörern 1812 einfach der Mut fehlte: „Noch hatten sie ja keinen Mord begangen.“ Zudem habe der Kindstausch einen entscheidenden Vorteil gehabt: „Wäre der Betrug entdeckt worden, hätte die Gräfin Hochberg notfalls den totgeglaubten Thronfolger wieder auftauchen lassen können.“

So aber verschwand der Prinz beinahe spurlos, und an seiner Stelle wurde das Kind armer Leute getötet. Kaspar Hauser verbrachte die nächsten Jahre in verschiedenen Kerkern, die längste Zeit war er wohl in einem niedrigen Verlies untergebracht, das 1924 bei Umbauarbeiten wiederentdeckt wurde, und zwar in dem bei Neumarkt in der Oberpfalz gelegenen Schloss Pilsach.

Das scheinen nicht nur die Erinnerungen Kaspar Hausers nahezulegen, sondern auch die Funde, die erst vor einem Vierteljahrhundert im Schloss gemacht wurden: halbvermoderte Reste von Kleidungsstücken, ein hölzernes Kinderlöffelchen, ein mokassinartiger Schuh und ein nur wenig beschädigtes altes Spielzeugpferd, das etwa so aussah wie das von Kaspar Hauser beschriebene.

Blutproben der Unterhose entnommen

Ulrike Leonhardt hat nie an der Erbprinzentheorie gezweifelt, wie schon der Titel ihres 1987 erschienenen Buches „Prinz von Baden genannt Kaspar Hauser“ zeigt. Nachdem schon Mitte der neunziger Jahre der „Spiegel“ versucht hatte, die Herkunft des Kindes mit einer Genanalyse endgültig zu klären, war es die damals schon fast 80 Jahre alte Hamburgerin, die Ende der Neunziger eine noch umfangreichere Untersuchung anregte. „Das Ergebnis von 1996 war für uns eine Katastrophe“, sagt Ulrike Leonhardt.

Zwei unabhängige Gerichtsmedizinische Institute hatten damals im Auftrag des „Spiegel“ Blutproben einer Unterhose entnommen, die Kaspar Hauser am Tag des Attentats im Ansbacher Hofgarten getragen haben soll. Unter der Annahme, dass er ein Spross des Hauses Baden war, gelang es, zwei weibliche Nachfahren zweier Töchter der mutmaßlichen großherzoglichen Eltern zu finden, Josephine und Marie.

Die Wissenschaftler kamen zu dem übereinstimmenden Ergebnis: Das Blut stammt nicht von einem Sohn der Stéphanie de Beauharnais. André Eisermann, der Hauptdarsteller in dem Kaspar-Hauser-Film von Peter Sehr aus dem Jahr 1993, kommentierte das Ergebnis polemisch: „Es ist erwiesen, dass die untersuchte Unterhose nicht mit dem Hause Baden verwandt ist.“

Genetisches Verwirrspiel

Ähnlich sieht es Ulrike Leonhardt, deren Buch Grundlage des Films mit Eisermann war: „Ich zweifle an der Echtheit der Unterhose.“ Keiner könne genau sagen, wo die Kleidung Kaspar Hausers, die die Polizei noch im Dezember 1833 konfisziert hatte, all die Jahre gelagert worden sei. Schon Ende des 19. Jahrhunderts habe es zudem Schilderungen von Zeugen gegeben, die gesehen haben wollen, dass man den Blutfleck immer mal wieder aufgefrischt habe. Manche behaupten: mit Rinderblut. Das aber kann nicht stimmen: Das Blut in der Unterhose, so die Gerichtsmediziner, stammt auf jeden Fall von einem Menschen.

Kaspar Hauser hat noch mehr hinterlassen. Im Ansbacher Markgrafenmuseum befinden sich unter anderem eine Haarlocke und ein Hut des Findelkinds. Und auch ein Nachkomme Anselm von Feuerbachs konnte einige Haare für eine abermalige Genanalyse beisteuern, die am Institut für Rechtsmedizin der Universität Münster vorgenommen wurde. Sechs verschiedene Proben lagen dem Institutsleiter Brinkmann im Jahr 2002 vor, darunter auch Gewebeproben, die durch Abstriche an der Hutkrempe und an einer Hose gewonnen wurden.

Darüber hinaus wurde der aus den Proben ermittelte Code wiederum mit dem genetischen Code eines weiblichen Abkömmlings der Zähringer-Linie verglichen - Astrid von Medinger, die in direkter weiblicher Linie von Stéphanie de Beauharnais abstammt. Das Ergebnis war nach Angaben Brinkmanns eindeutig: Sämtliche Proben gehen auf eine Person zurück, von der aber nicht das Blut auf der Unterhose stammen kann.

Allerdings stimmt der genetische Fingerabdruck dieser Person bis auf ein einziges Merkmal (Position 16.220 der untersuchten mitochondrialen DNS) mit dem der Vergleichsperson überein. Eine Verwandtschaft mit dem badischen Haus sei wahrscheinlich, wegen der Abweichung hätte solch ein Beweis vor Gericht aber keinen Bestand, sagt Brinkmann.

Kaspar Hauser, der Erbprinz von Baden?

Die mitochondriale DNA, die ausschließlich über die weibliche Linie vererbt wird, kann sich nur durch Mutationen ändern. Brinkmanns Institut versuchte also herauszufinden, ob die Abweichung auf eine Mutation zurückzuführen ist. Wäre dies der Fall, dann könnte es sich bei der Person, von der die Haar- und Gewebeproben stammen, nur um den Erbprinzen von Baden handeln - oder einen noch unbekannten Bruder. Doch die alten Proben sind äußerst fragil, die Wissenschaftler gaben ihr Vorhaben schließlich auf.

Selbst wenn in Zukunft Rechtsmediziner in einem Labor die Identität anhand der DNA-Proben zweifelsfrei klären könnten, so ist dennoch nicht damit zu rechnen, dass der Leichnam Kaspar Hausers vom Haus Baden umgebettet und in der großherzoglichen Gruft in Pforzheim beigesetzt wird - an der Stelle, an der der andere tote Säugling liegt, der angebliche Erbprinz.

Ein neuer Streit wäre dann wohl unausweichlich. Den aber wollten die Zeitgenossen im Ansbach vor 175 Jahren offenbar schon um jeden Preis vermeiden: Nicht einmal ein Name wurde auf dem Gedenkstein zu Ehren des berühmtesten Bürgers verzeichnet. „HIC OCCULTUS OCCULTO OCCISUS EST“ steht kunstvoll abgefasst auf ihm geschrieben. „Hier wurde ein Unbekannter auf unbekannte Weise getötet.“ Schon damals hatte die Geschichte kein befriedigendes Ende.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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