Die kalabresische Mafia 'ndrangheta hat auch in Deutschland stabile Organisationen. Das geht aus den Ermittlungsakten zu den Morden von Duisburg vor einem Jahr hervor. Der noch immer flüchtige Hauptverdächtige Giovanni Strangio soll nach Informationen der kalabresischen Staatsanwälte auch Anführer einer örtlichen Unterorganisation des Mafiaclans der Nirta-Strangio sein, zu der weitere sieben Mafiosi zählten.
Es gelte als erwiesen, dass Giovanni Strangio und seine Helfer die Mafiagruppe in der Stadt Kaarst, zwischen Mönchengladbach und Düsseldorf gelegen, etabliert hätten, heißt es in einem Antrag der Staatsanwälte an den Untersuchungsrichter in Reggio Calabria. Die acht Italiener - sechs aus Kalabrien, einer aus Ligurien und einer aus Apulien - hätten den Mittelpunkt ihrer geschäftlichen Interessen nach Kaarst verlegt und dort zwei Pizzerias namens „Tonys“ und „San Michele“ eröffnet, „die bei Licht besehen ohne Zweifel als logistische Basis für die Mafiafamilie 'Nirta-Strangio' gelten können, genauso, wie das Restaurant 'Da Bruno' in Duisburg für die konkurrierende Mafiafamilie als Referenzpunkt galt“.
Ausgedehntes Operationsgebiet
Die Morde in Duisburg, denen in der Nacht zum 15. August sechs kalabresische Mafiosi zum Opfer gefallen waren, haben zwar zum ersten Mal einen ursprünglich lokalen Mafia-Krieg nach Deutschland getragen. Sonst aber zeigen sich die italienischen Anti-Mafia-Staatsanwälte wenig überrascht. In Duisburg und Kaarst, so heißt es, hätten die kalabresischen Mafia-Organisationen „ihre wirtschaftlichen und kriminellen Interessen verwurzelt.“
Unterstellt wird damit, dass auch die ermordeten Kalabresen von der konkurrierenden Mafiafamilie Pelle-Vottari Verbindungen nach Nordrhein-Westfalen besaßen. Diese Familie habe ihr Operationsgebiet vom kalabresischen San Luca nach Duisburg ausgedehnt. Mehrere der in Duisburg ermordeten Italiener hatten offenbar selbst einen tödlichen Anschlag auf die verfeindete Mafiafamilie geplant. Denn der 29 Jahre alte Giovanni Strangio soll für eine Bluttat im Heimatdorf San Luca Rache geschworen haben. Die Gegner haben ihn gefürchtet, wollten also nicht warten, bis er oder Mitglieder seiner Familie in Kalabrien Rachepläne verwirklichten, sondern ihn schon vorher ausschalten. Doch Giovanni Strangio ist ihnen zuvorgekommen.
Die Entsorgung der Waffe - bis ins Detail organisiert
Verhöre und abgehörte Telefonate belegen aus Sicht der Staatsanwälte, dass der Verdächtige selbst tagelang Vorbereitungen für sein Attentat getroffen hatte. Er war 2007 bis zum 4. August in Kalabrien mit Ausreiseverbot belegt, kam dann am 8. August nach Deutschland und versuchte sofort, sich mit Waffen und einer schusssicheren Weste einzudecken. Am Vormittag nach dem Attentat waren fünf von Giovanni Strangios Gehilfen zu einem Treffen in der Pizzeria „San Michele“ in Kaarst bestellt. Einer hatte den Schlüssel zu Strangios Wohnung bei sich, einer kannte das Versteck der Waffe, ein dritter brachte den Befehl, die Waffe zu holen, ein Vierter musste sie in Empfang nehmen und wegbringen.
Die Entsorgung seiner Waffe hatte Giovanni Strangio bis ins Detail organisiert. Das lässt auch Schlüsse zu auf die Vorgehensweise bei dem Attentat, das unter anderem ihm zugeschrieben wird, und bei der Flucht. Demgegenüber wirkt es wie eine kurzsichtige Verzweiflungstat, dass eine andere Waffe in einem Fass mit Senf und die dazugehörige Munition in einem Glas Tomatenketchup versteckt wurden, denn beides hat die deutsche Polizei schließlich bei Hausdurchsuchungen gefunden.
In Untersuchungshaft und auf der Flucht
Im Gegensatz zur deutschen Polizei, die ein Jahr nach Duisburg noch keine konkreten Ermittlungserfolge vorweist, können sich die italienischen Ermittler auf vielfältige Abhör- und Überwachungsaktionen gegenüber beiden Mafiafamilien stützen, die aus der Zeit vor und nach den Morden von Duisburg stammen. Denn viele der Telefonate hatten am anderen Ende einen deutschen Anschluss. Damit zeigt sich nun, dass diverse Mafiosi schon im Juni nach Deutschland gereist waren, eventuell für Drogengeschäfte, aber auch zur Vorbereitung späterer Taten. Das systematische Abhören italienischer Telefone, vor und nach dem Attentat, liefert nun die entscheidenden Indizien für Haftbefehle und den Antrag auf Eröffnung eines formellen Gerichtsverfahrens.
Dabei sollen nun alle Einzelheiten einer siebzehn Jahre dauernden Blutfehde zusammen in einen Prozess gepackt werden, der sich gegen insgesamt 58 Italiener richten soll. Sie sitzen zum Teil in Untersuchungshaft, andere sind noch auf der Flucht. Für die italienischen Staatsanwälte und Behörden geht es dabei nicht nur darum, eine jahrzehntelange Mordserie aufzuklären und zu ahnden. Falls der Prozess Erfolg hat, gelänge es auch, die wichtigsten Köpfe zweier Mafiabanden hinter Schloss und Riegel zu bringen. Der Prozess, immer auch wegen des Straftatbestandes der „Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung“, bietet außerdem die Möglichkeit, das Vermögen der Angeklagten zu beschlagnahmen. Im Falle einer Verurteilung werden alle Besitzungen vom italienischen Staat eingezogen.
Einzelheiten sind längst nicht vollständig aufgeklärt
Die Blutfehde der beiden Familien bietet zwar einen Ansatzpunkt, gegen die Mafia vorzugehen und lange Freiheitsstrafen zu verhängen. Doch viele Einzelheiten des Bandenkrieges sind auch nach Jahren noch nicht vollständig aufgeklärt. Klar scheint, dass seit den siebziger und achtziger Jahren Rivalitäten zwischen zwei Mafiafamilien gewachsen waren. Die alteingesessene Familie namens „Pelle-Romeo“ hatte früher von Entführungen gelebt, konzentrierte sich dann aber dann immer mehr auf das Drogengeschäft. Eine zweite Familie namens „Strangio“ war zunächst nur geduldet worden, wuchs aber dann immer mehr zur ernstzunehmenden Konkurrenz heran.
Die Situation explodierte im Karneval 1991. Es kam aus nichtigen Gründen zu einer Prügelei. Eine Eisbar der Familie „Pelle-Romeo“ wurde mit faulen Eiern beworfen. Heißblütige Angehörige beider Familien rannten zu den Autos, um dort Waffen zu holen, es gab zwei Tote und zwei Verletzte. Im folgenden Jahr gab es einen weiteren Toten, dann versuchte Mordanschläge und vier Tote am 1. Mai 1993. In den folgenden Jahren schien wieder ein Waffenstillstand zu herrschen, bis am zweiten Weihnachtstag 2006 die Ehefrau eines Mafiabosses vor dem Eingang ihres Hauses erschossen und der kleine Sohn schwer verletzt wurde.
Einige Stimmen klangen erleichtert
Inzwischen herrscht wieder ein brüchiger Friede in San Luca. Auch dies konnten die italienischen Sicherheitskräfte aus den Telefonaten in San Luca abhören. Einige Stimmen klangen dabei erleichtert. Doch italienische Mafiafachleute aus Kalabrien meinen, die Angehörigen der beiden Familien hätten inzwischen alle Angst vor den anderen Bossen der kalabresischen 'ndrangheta. Denn dort gebe es inzwischen großen Unmut darüber, dass zwei Familien mit ihrer Fehde ganz Kalabrien und die kalabresische Mafia ins Scheinwerferlicht gerückt hätten.
Seit dem Attentat von Duisburg wird schließlich auch in Italien mehr über die 'ndrangheta gesprochen. Die Behörden haben innerhalb eines Jahres etwa 50 kalabresische Mafiosi festgenommen. Neun, unter ihnen Giovanni Strangio, werden noch intensiv gesucht. Für florierenden Kokainhandel, den die 'ndrangheta als Großhändler für ganz Europa abwickelt, bedeutet diese Aufmerksamkeit der Behörden im In- und Ausland zusätzliche Erschwernisse.
Daher spricht man nun in Kalabrien davon, dass womöglich nun eine Strafexpedition anderer Mafiabosse in Richtung San Luca zu befürchten sei, wegen geschäftsschädigenden Verhaltens. Allen steht dabei vor Augen, dass schon einmal in Kalabrien von der 'ndrangheta zwei lokale Mafiafamilien aufgelöst wurden, in Locri, wo es auch eine Fehde gab, die nicht enden wollte.