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Kachelmann-Prozess The show must go on

 ·  Jörg Kachelmann ist unschuldig - so sehen es fast alle, die als normale Zuschauer zum Prozess kommen. Manche ermitteln auf eigene Faust. Doch für die meisten ist der Fall nur gute Unterhaltung.

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Heinz Neumann ist ein Mann, der alles ganz genau beobachtet. Und zurzeit beobachtet er vor allem einen: Jörg Kachelmann. Schon am ersten Verhandlungstag im Prozess gegen den Wettermann war der Rentner aus Ludwigshafen zum Landgericht Mannheim gekommen. Ganz früh raus, um sieben Uhr in der kühlen Septemberluft vor Saal 1, zwei Stunden später endlich drin. Seitdem kommt Neumann immer wieder. Auch am vergangenen Mittwoch sitzt er da, die ballonseidene Jacke spannt sich über seinen Bauch, er lächelt. Neumann stützt die Arme auf die Lehne der Sitzbank vor sich wie auf einen Gartenzaun. Mit wachen Äuglein beobachtet er den Angeklagten, der im grauen Anzug neben seinem Anwalt sitzt, über die Köpfe der anderen Zuschauer und Journalisten hinweg. Dann sagt er: „Wenn ich mich im Recht fühle, nehme ich nicht so viel ab wie der, wissen Sie?“ So dünn mache nur ein schlechtes Gewissen.

Heinz Neumann ist einer der wenigen unter den ganz normalen Zuschauern im Kachelmann-Prozess, die den Angeklagten für schuldig halten. Dennoch gehört er zu einer großen Mehrheit: zu jenen Beobachtern nämlich, die ihr Urteil längst gefällt haben. Einige von ihnen - etwa ein Dutzend stark - kommen an jedem Verhandlungstag ins Gericht, sogar wenn sie wissen, dass sie womöglich nach drei Minuten den Saal wieder verlassen müssen, weil eine Zeugin über Intimes sprechen soll. Dann halten sie Kriegsrat im Foyer des Gebäudes: Wer weiß was Neues? Was ist von der Zeugin zu halten? Hat schon jemand die gegoogelt? Die meisten dieser Verschworenen sind Frauen, und fast alle sind überzeugt von Kachelmanns Unschuld. Und die wollen sie auch beweisen.

Ein Profi im Prozessbusiness, sagt ihr Blick

Besonders eine Gruppe von weiß- bis dunkelblonden Frauen mittleren Alters zetert über den „Skandalprozess“, wie eine aufgebracht sagt. Die Frauen haben sich auf den Zuschauerbänken des Gerichtssaals kennengelernt und verbündet. Sie telefonieren auch gelegentlich miteinander; auf der Facebook-Seite „Jörg Kachelmann - Unrecht im Namen des Gesetzes“ sind einige von ihnen aktiv. „Unschuldig!“, steht dort unter einem Foto des Angeklagten.

„Ja, unschuldig“, sagt auch eine Frau, die ihren Namen in der Zeitung mit Birgit M. abgekürzt wissen will - so, wie es die Zeitungen auch bei den Zeuginnen machen. Birgit M. hat viel gelesen über den Fall, und sie ist an fast jedem Prozesstag in Mannheim. Wenn sie spricht, hören die anderen Frauen ehrfürchtig zu. „Ich verfolge Sachen, wo der Verdacht naheliegt, dass was nicht stimmt“, sagt Birgit M. und fügt an, dass sie auch schon mal Schöffin war. Ein Profi im Prozessbusiness, sagt ihr Blick. Ihr Urteil über die 37 Jahre alte Frau, die Kachelmann der Vergewaltigung beschuldigt: „Die kommt uns ja sowieso nicht vor wie so 'ne Vergewaltigte.“ Birgit M. schnaubt verächtlich.

„Spielt der Mann nicht mit, dann werden sie hysterisch“

Schnell versetzen sich die Frauen auf diese Weise in Großkampftagsstimmung. Die klammen Finger und kalten Füße sind rasch vergessen. Es gibt schließlich Schlimmeres: Die Mitarbeiter des Gerichts seien unfreundlich, die Brezeln beim Bäckerstand „Golden Brezel“ vor dem Eingang des Landgerichts teurer geworden. Groß ist der Unmut der Kachelmann-Kämpferinnen über den Prozess und die Welt, in der so etwas möglich ist. Armes Deutschland.

Noch ärmer sind nur noch Männer wie Kachelmann, finden die Frauen. Seine „Lausemädchen“ steckten „alle unter einer Decke“. Immer wieder loben sie dagegen das Blog „Jörg Kachelmann und das Chaos“, in dem eine Schweizerin über den Prozess schreibt. Ihr Engagement begründet sie damit, dass sie „eine spezielle Art von Frauen“ nicht möge: solche, die einen „Versorger“ finden wollen. „Klappt das nicht, spielt der Mann nicht mit, dann werden sie hysterisch. Dann wird gedroht, dann wird geheult, dann verlieren sie die Nerven“, heißt es in einem Blogeintrag. Jo, so ist das, meinen auch die Leserinnen, die nach Mannheim gekommen sind.

Sie erwarten gute Unterhaltung

Ein bisschen gelassener gehen andere Gerichtstouristen die Sache an. Eher bräsig kauen etwa die Jurastudenten, die von der gegenüberliegenden Uni gekommen sind, an ihren Brezeln. Studentin Lea, die mit zwei Freundinnen extra für den Prozess eine Vorlesung schwänzt, glaubt „wie ja fast alle hier“, dass Kachelmann unschuldig ist: „Man merkt, wenn man drin sitzt, dass es ungerecht zugeht.“ Das sei so eine Stimmung, die sie nicht näher beschreiben könne. Die „ganzen Befangenheitsanträge“ seien jedenfalls verdächtig. Sonderlich beeindruckt von dem Fall zeigen sich die jungen Frauen aber nicht. Sie sind neugierig, es geht halt irgendwie auch um Jura, und die Verhandlung ist ein ewiges Gesprächsthema.

Vor allem die männlichen Rentner unter den Besuchern halten den Prozess offenbar für eine Art Live-Gerichtsshow: Sie erwarten gute Unterhaltung, einen kleinen Ausflug ins Unglück anderer. Zu ihnen zählt auch Gerhard Häußler aus Mannheim, der in den Verhandlungspausen angeregt mit Heinz Neumann plaudert und dem während der Vernehmungen auch mal ein „Ohooo“ entfährt, wenn die Frauenärztin der Nebenklägerin im Zeugenstand ins Detail geht. Als am Mittwoch bekannt wird, dass eine andere frühere Freundin von Kachelmann diesem zum Geburtstag Kondome und eine Intimwaschlotion schenkte, kichern die Senioren. „Ich hab zu Hause Langeweile“, sagt Häußler wenig später. Immer bloß Musik und Sportnachrichten, das sei doch nicht das Wahre. Aus der „Sache“, findet er, werde „mehr Dramatik gemacht als nötig“. Das mutmaßliche Opfer sei nach der verhängnisvollen Nacht mit Kachelmann untersucht worden: „Es war halt eine Meinungsverschiedenheit. Sie konnte ja sogar noch allein vom Krankenhaus nach Hause gehen.“

Den Medien misstrauen sie, denn die seien „zensiert“

Den Eindruck, viel Ahnung vom Fall oder vom Justizsystem zu haben, wollen die Männer erst gar nicht erwecken. Ihnen macht es Spaß, sich aus Beobachtungen und hobbypsychologischen Schlussfolgerungen ein Urteil zu zimmern. Beim Staatsanwalt macht Neumann am Mittwoch eine „siegessichere Miene“ aus, Kachelmanns Verteidiger dagegen sei „geschafft“: „Der läuft viel rum in der Pause.“

Sich ihr eigenes Bild von dem Verfahren zu machen, bereitet den Zuschauern aber nicht nur Spaß. Einige halten es auch für ihre einzige Chance, die Wahrheit zu erfahren. Den Medien misstrauen sie, denn die seien „zensiert“, sagt eine Frau aus der Gruppe um Birgit M. Dem Staat misstrauen sie auch. Der Staat nämlich, repräsentiert durch Richter und Staatsanwalt, führe in Mannheim einen „Geheimprozess“, sagt Birgit M. - denn die Öffentlichkeit werde ständig ausgeschlossen. Dem Argument, dies geschehe zum Schutz der Privatsphäre des Angeklagten und seiner ehemaligen Freundinnen, kann sie wenig abgewinnen - „Nä!“ - und erinnert daran, dass eine Zeugin ihre Geschichte an die „Bunte“ verkaufte, aber am Montag vor Gericht die Zuschauer hinausschicken ließ.

Inzwischen kennt, schätzt und hilft man sich

Am Gericht hat man Geduld mit den Zaungästen. Sie dürfen während der Verhandlung sogar ein und aus gehen: So schlurfen am Mittwoch zwei Frauen mit Bürstenhaarschnitt, die ihre Bierflaschen eben noch vor dem Gericht abgestellt haben, für eine Viertelstunde in den Saal. Als es ihnen zu langweilig wird, gehen sie wieder. Andere klönen beim Kaffee am Brezelstand, wo sie auch ihre Handys deponiert haben; die darf man nicht in den Saal mitnehmen. Inzwischen kennt, schätzt und hilft man sich: Als eine Blonde einen Hustenanfall hat, werden aus einer hinteren Reihe Salbeibonbons nach vorn gereicht. Hier wird gelacht, dort getuschelt, und einige schreiben mit. Birgit M. etwa notiert immer gleich alle Namen, um sie später zu googeln und eventuelle Beziehungen zwischen den Beteiligten aufzudecken.

Einige wenige grenzen sich demonstrativ vom Kollektiv der Schaulustigen ab. Neugier? Nein, Wissensdurst! Eine Mannheimerin etwa ärgert sich über die „tratschenden Hausfrauen, die nichts Besseres zu tun haben, als sich an der Dramatik hier zu ergötzen“. Sie selbst habe Urlaub und sei zum ersten Mal in einem Gerichtssaal, „um mal zu sehen, wie so etwas abläuft“. Einerseits sei es interessant, andererseits „hat es etwas Peinliches, als Zuschauer hier zu sein“.

Doch offenbar überwiegt bei ihr wie bei vielen, die in dieser Woche gekommen sind, die Schaulust am Ende alle Scham, die sie empfinden könnten. Für sie ist Kachelmann, der seine Fernsehkarriere gerade für beendet erklärt hat, immer noch der Entertainer. Nun eben im Gerichtssaal.

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