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Kachelmann-Prozess Rangeleien um Details und eine Offenbarung

13.09.2010 ·  Am zweiten Verhandlungstag streiten Anklage und Verteidigung um die Reihenfolge, in der die Zeugen vernommen werden sollen. Und Kachelmann, der ja eigentlich schweigen wollte, offenbart ein bislang unbekanntes persönliches Detail.

Von Friedrich Schmidt, Mannheim
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Viele Worte um wenig Neues werden an diesem Montag im und um das Mannheimer Verfahren gegen Jörg Kachelmann verloren. Aber wenig Neues war in der Causa Kachelmann, der dank munterer Wetteransagen im ARD-Fernsehen bekannt und wegen Vergewaltigungsvorwürfen einer früheren Freundin noch bekannter wurde, noch nie ein Grund zu schweigen - warum sollte das nun in der Hauptverhandlung anders sein als in den fünfdreiviertel Monaten seit der Festnahme des Schweizers am Frankfurter Flughafen.

An ihrem zweiten Tag bietet die Hauptverhandlung vor dem Landgericht allerdings auch reichlich Raum dafür: Beginn mit einer halben Stunde Verzögerung um halb zehn, Unterbrechung um zehn Minuten vor zehn, laut dem Vorsitzenden Richter für zwanzig Minuten, um den Verfahrensbeteiligten Raum für Gespräche über rechtliche Fragen zu geben. Fortsetzung aber erst um zehn vor zwölf, Mittagspause ab ein Uhr, Fortsetzung am Nachmittag.

„Der war ganz zahm, nachdem ich ihn abgefilmt habe“

Kachelmann ist aber zwischendurch lange genug im Saal, um den Besuchern in den Pausen Gelegenheit zu geben, über seine Befindlichkeit zu spekulieren. Draußen ist ein hellgrauer Herbstmorgen in Mannheim, drinnen trägt Kachelmann einen dunkelgrauen Anzug. Sie finde, er sehe gar nicht mehr so blass aus wie noch am letzten Montag, sagt eine junge Frau im Zuschauerraum, die aus ihrer zeitweiligen Bekanntschaft mit Kachelmann nun in Boulevardmedien Kapital schlägt. Ihr Begleiter von einem Privatsender sucht sie mit einer Anekdote zu erheitern, wie er sich an dem „Idioten“, der ihn in der Warteschlange vor dem Gerichtsgebäude abgedrängt habe, gerächt habe. „Film den mal“, habe er seinem Kameramann gesagt. „Der war ganz zahm, nachdem ich ihn abgefilmt habe.“

Vergewaltigungsprozess: Jörg Kachelmann will vorerst nicht aussagen

Auch die Frau, die bis auf weiteres als mutmaßliches Opfer zu bezeichnen ist, ist zunächst im Saal, wie schon in der vergangenen Woche. Die zierliche Mittdreißigerin aus Schwetzingen mit dem blonden, schulterlangen Haar sitzt nun jedoch nicht mehr den Richtern und Schöffen gegenüber, sondern neben ihrem massigen Anwalt auf der Seite des Staatsanwalts. Das mutmaßliche Opfer ist im Verfahren schließlich nicht nur Zeugin, sondern auch Nebenklägerin. Sie trägt eine schwarze, enganliegende Lederjacke, darunter Violett. In der vergangenen Woche schrieben einige Beobachter, Kachelmann habe den Blick des mutmaßlichen Opfers gesucht, andere, Kachelmann habe es keines Blickes gewürdigt. Ob er an diesem Morgen ihren Blick sucht, ist Ansichtssache.

„Klingenlänge etwa acht Zentimeter“

Wo sie in der vergangenen Woche saß, sitzen nun die vier psychologischen Sachverständigen, die vom Gericht geladen worden sind, um die Glaubhaftigkeit der Aussagen zu analysieren, neben diesen, in Richtung der Verteidigung, weitere drei Sachverständige, die von dieser geladen worden sind. Vielleicht werden die Angaben zu den Personalien die einzigen Worte bleiben, die Jörg Andreas Kachelmann verliest: geboren 1958 in Lörrach, geschieden, wohnhaft in der Schweiz, Meteorolge und „Verwaltungsratspräsident“ eines Unternehmens nach Schweizer Recht.

Er schweigt zu den Anklagevorwürfen, die der Staatsanwalt mit auffallend lockigem Haar mit auffallend hoher Stimme verliest: Kachelmann habe seine damalige Freundin am 9. Februar zwischen 0 Uhr 30 und ein Uhr „unter Vorhalt eines Küchenmessers“, „Klingenlänge etwa acht Zentimeter“, „ins Schlafzimmer geschoben“, „Halt die Klappe oder du bist tot“ gesagt, ihr das Messer an den Hals gepresst, die Verletzungen, die er ihr dabei beigebracht habe, „billigend in Kauf“ genommen und „den Geschlechtsverkehr bis zum Samenerguss durchgeführt“. Das sei „besonders schwere Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“, Mindeststrafe fünf Jahre. Dann verlässt die Nebenklägerin den Saal.

„(...)“ festgestellt

Kachelmanns Verteidiger Reinhard Birkenstock sagt, sein Mandant erhalte die vor dem Haftrichter gemachte Aussage von Ende März aufrecht und werde nichts weiter sagen. Aber gegen die Verlesung des Protokolls erhebt er keine Einwände. Die frühere Freundin sagte Ermittlern, sie habe Kachelmann zunächst wegen einer anderen Frau zur Rede gestellt, dann habe er sie vergewaltigt. Kachelmanns Version des Geschehens in Schwetzingen ist die einer einvernehmlichen Trennung; an jenem Abend sei es zunächst zu einvernehmlichem Sex gekommen, danach hätten sie zusammen gegessen. Erst dann habe seine damalige Freundin ihn zur Rede gestellt. Beide seien danach davon ausgegangen, dass die Beziehung zu Ende sei. Locker sei diese gewesen; sie hätten sich seit 1998 maximal zwölf Mal im Jahr getroffen, sie sei auch nur einmal in seinem Haus im Schwarzwald gewesen. Er habe ihr allerdings nie gesagt, dass er keine Perspektive für ihre Beziehung sehe.

Er sei sehr misstrauisch in Beziehungen, seit ihm seine geschiedene Frau zwei Kinder habe unterschieben wollen. Er habe dies herausgefunden, nachdem seine „(...)“ festgestellt worden sei. Da war sie dann, die Neuigkeit.

Aus mehrfachbeziehungslogistischen Gründen

Kachelmanns Anwälten geht es an diesem Tag vor allem um die Reihenfolge, in der die Zeuginnen vernommen werden sollen - und welche überhaupt vernommen werden sollen. Birkenstock sagt mit rauer Stimme, man sei nach der Verlesung der Anklageschrift in einer Situation, in der eigentlich die „Persönlichkeit an der Reihe“ sei, „die behauptet, verletzt worden zu sein“. „Sie ist aber nicht da. Stattdessen sollen zehn junge Frauen kommen, die zu ihrem Liebesleben und zu dem des Herrn Kachelmann aussagen sollen.“ Das mutmaßliche Opfer soll erst am 13. Oktober, dem neunten Tag der Hauptverhandlung, vernommen werden, nach etlichen Frauen, die ebenfalls in intimer Beziehung zu Kachelmann standen und die er nach Presseberichten aus mehrfachbeziehungslogistischen Gründen „Lausemädchen“ nannte.

Birkenstock spricht von „Beziehungszeuginnen“. Die „einzige Belastungszeugin“ sei in jedem Fall zuerst zu hören, um zu verhindern, dass sie sich vor ihrer Aussage ein Bild von der Beweisaufnahme machen könne. „Wir wissen noch nicht einmal, ob die Frau ihre falschen Anschuldigungen aufrecht erhält“, sagte Birkenstock. In 35 Jahren als Strafverteidiger sei ihm noch kein solcher Fall untergekommen.

„Nicht unbeachtliche Phantasie und Beharrungsvermögen“

Umfangreich zitiert er, wie „Zeit“ und „Spiegel“ vor ihm, aus Gutachten, nach denen die Glaubhaftigkeit der Aussagen des mutmaßlichen Opfers zweifelhaft sei: Sie habe zum Geschehen im Vorfeld der angeblichen Tat falsche Angaben gemacht, etwa zu einem Mailverkehr mit der fraglichen weiteren Partnerin Kachelmanns. Birkenstock attestiert der Nebenklägerin „nicht unbeachtliche Phantasie und Beharrungsvermögen“ wenn es darum gehe, eine falsche Aussage aufrechtzuerhalten. Der Verteidiger wirft der Staatsanwaltschaft vor, eine bestimmte Zeugin nur geladen zu haben, um „unbefangenen Verfahrensbeteiligten - etwa den Schöffen“ den Eindruck zu vermitteln, bei Kachelmann könne einvernehmlich eingesetzte sexuelle Gewalt umschlagen in nicht einvernehmliche Gewalt. Das ist ein Seitenhieb gegen den Vorsitzenden und eine weitere Richterin der 5. Großen Strafkammer, deren angebliche Befangenheit die Verteidigung in der vergangenen Woche beanstandete. Das Gericht lehnte den Antrag Ende der Woche ab.

Eine weitere Frau, so Birkenstock, könne bestätigen, dass Kachelmann nach der angeblichen Tat am Telefon völlig ruhig und gelassen gewesen sei; diese Frau sei aber bisher nicht als Zeugin geladen worden.

Der Staatsanwalt verteidigt die Ladung der „Beziehungszeuginnen“ nur knapp: Es werde darauf ankommen, „Erkenntnisse über die Person des Angeklagten, der ja nicht aussagen“ wolle, zu gewinnen. Und der Zeitpunkt der Aussage der Nebenklägerin sei „nicht von entscheidender Bedeutung“. An diesem Mittwoch soll über die Anträge der Verteidigung entschieden werden.

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Jahrgang 1980, Redakteur in der Politik.

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