16.10.2007 · Sieben junge Schläger im Anti-Gewalt-Training auf dem langen Weg zur Friedfertigkeit. Im Hunsrück lernen sie das erste Mal, sich in ihre Opfer hineinzudenken und erkennen die Wurzeln ihrer Aggression - die eigene Kindheit.
Von Michael BrüggemannAm Anfang jeder Sitzung müssen die sieben Gewalttäter singen. Sie, die auf Hip-Hop stehen, tief hängende Jeans und Silberketten tragen, sollen einzeln oder im Chor ein 175 Jahre altes Volkslied vortragen. Widerwillig stehen sie auf, räuspern sich, ein heiseres Krächzen dringt aus ihren Kehlen: „Ma-rie-chen saß wei-nend im Gar-ten, im Gra-se lag schlummernd ihr Kind . . .“ Und Trainer Stefan Werner fordert: „Kraftvoller, mit mehr Gefühl!“
Anti-Gewalt-Training im Hunsrück
Anfangs wirkt das auf die Jungen blamabel. Aber es ist für sie ein wichtiger Schritt. Sie lernen peinliche Situationen zu meistern, über sich selbst zu lachen, ihre Gefühle auszudrücken. Denn wer keine Gefühle zeigt, kann auch kein Mitleid empfinden. Das Singen ist Teil eines Anti-Gewalt-Trainings, das die jungen Schläger über vier Monate lang mit sich selbst konfrontiert, mit ihren Stärken und Schwächen.
Aus Straßenkämpfern sollen friedfertige Männer werden, die ihre Wut unter Kontrolle haben. Das Training findet in einem kleinen Waldschloss im Hunsrück statt. Die sieben jugendlichen Straftäter sind zwischen 17 und 20 Jahre alt, keiner von ihnen ist freiwillig hier. Ein Jugendgericht hat sie zu Bewährungsstrafen verurteilt, das Training ist ihre Auflage. Wer nicht ordentlich mitmacht, kommt wieder vor das Gericht.
70 Stunden Zeit
Trainingsleiter Stefan Werner bleiben rund 70 Stunden Zeit, um den Schlägern das Schlagen auszutreiben. Als Co-Trainer unterstützen ihn abwechselnd zwei Sozialarbeiter und zwei Lehrerinnen. Außerdem hilft der 26 Jahre alte Marco, ein ehemaliger Gewalttäter, der durch Werners Training vor sechs Jahren vom Schlagen wegkam.
Marco, ein sympathischer, mitteilsamer Typ, findet schnell einen Draht zu den Jugendlichen. Man glaubt kaum, dass er sich früher fast täglich prügelte, an manchen Tagen zehnmal hintereinander.
Langer Weg zur Reue
In der Mitte sitzt Tim, die anderen sechs und die Therapeuten um ihn herum. Der heiße Stuhl. Zwei Stunden lang wird der Achtzehnjährige mit sich und seinen Taten konfrontiert. Die Richter haben ihn zu einer Jugendstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt, weil er einer jungen Frau auf dem Friedhof die Handtasche wegriss und sie von hinten würgte. „Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort“, schreibt er im Fragebogen, den jeder Teilnehmer ausfüllen muss.
Solche Rechtfertigungen sind üblich. Es ist einfacher, die Tat zu beschönigen und das Opfer herabzusetzen, als sich mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen. Mal wurde die Ehre beschmutzt (“Der hat meine Mutter beleidigt“), mal sind die Opfer älter und stärker (“Es war Notwehr“), oder es sind üble Kerle (“Ich musste meine Freunde beschützen“). Bis zur Reue ist es ein langer Weg. Tim steht noch am Anfang. Im Fragebogen stuft er sich als „freundlich, nett und respektvoll“ ein.
„Mach doch mal!“
Tim ist klein und trägt eine Brille. Sein schmaler Körper steckt in labbrigen, senfgelben Hip-Hop-Klamotten. Die Hauptschule brach er nach der achten Klasse ab, seine Lehre als Koch nach drei Wochen. Mit seinem Leben sei er zufrieden. Die Therapeuten sehen das Gegenteil: Ständig weicht er ihren Blicken aus, nuschelt, als wäre ihm jeder Satz peinlich. Widerwillig betritt Tim den Stuhlkreis. In der Mitte steht ein flacher Holztisch, darauf liegt ein brauner Ledergürtel mit einer Metallschnalle.
„Mach doch mal!“, fordert ihn einer der Co-Trainer auf. Einen Moment lang schaut der Junge entgeistert. Dann legt er die Lederenden sorgfältig übereinander, tritt neben eine der Holzstützen im Raum und holt aus: Einmal, zweimal saust das Leder wie eine Peitsche durch die Luft, knallt dumpf gegen das Holz. Dann ist es still. Mit dem Gürtel hat Tim schon mal zugeschlagen: nicht auf eine Stütze, sondern in das Gesicht eines Gleichaltrigen. Als Kind wurde er von seiner Mutter mit einem Gürtel misshandelt.
Die Stirn bieten
Die Befragung ist intensiv und konfrontiert ihn mit Selbstwidersprüchen. Bis zur nächsten Sitzung soll Tim seine fünf schlimmsten Taten aufschreiben. „Die Aggressionen kommen immer wieder, und du musst verdammt viel tun, um davon wegzukommen“, sagt Werner. Er ist enttäuscht nach der Sitzung, aber nicht ohne Hoffnung. „Auch wenn es nicht so aussieht: Tim hat etwas mitgenommen.“
Werner spricht in einfachen, klaren Sätzen zu den Jugendlichen. Manchmal schreit er sie an, aber er lässt sie nicht allein mit ihren Problemen. „Die Jungs haben feste Handlungsmuster, sie nicken alles ab. Erst wenn wir ihnen die Stirn bieten, fangen sie an zu denken.“
Ein dicker Schutzwall
Gewalt kennen die meisten der Straftäter aus der Schule oder Familie: als Mittel, sich „Respekt“ zu verschaffen. In ihrer Kindheit mussten sie selbst Schläge einstecken. Heute bestimmt das Einschüchtern, Beleidigen und Bedrohen von Gleichaltrigen ihren Alltag. Es verdeckt ihre Probleme in der Schule oder im Beruf und gibt ihnen das trügerische Gefühl, besser dazustehen. Keiner der Schläger will mit seiner Zeit als Opfer konfrontiert werden, keiner will Schwäche zeigen. Oft dauert es Wochen, bis sie ihre Deckung verlassen.
Yilmaz, ein kleiner, muskulöser Türke, prügelt sich seit seinem zwölften Lebensjahr. Auf dem heißen Stuhl erzählt er, wie sein Vater die Familie verließ und er und sein Bruder ins Heim kamen. Wut und Schmerz lässt er seitdem an anderen aus. „Ich glaube, du bist eigentlich ein sensibler Mensch, aber du hast einen dicken Schutzwall um deine Gefühle gezogen“, sagt Stefan Werner. „Deshalb kannst du dich nicht in deine Opfer hineinversetzen.“
Die Kindheit, eine große Demütigung
Genauso wie Thomas, ein wortkarger Hüne, dessen Mundwinkel meist nach unten zeigen. Zwei Jungen streckte er an einem Abend grundlos mit Kopfstößen nieder. Er und sein Bruder wurden als Kinder von den Eltern misshandelt: Stundenlang mussten sie zur Strafe in einer Ecke knien. Auf dem Boden lag Salz, das die Knie blutig scheuerte. Von zu Hause ausziehen will Thomas trotzdem nicht - aus Sorge um seinen heroinsüchtigen Bruder.
Die Kindheit war für die meisten der Jungen eine große Demütigung. Nervös und gereizt reagieren sie auf jede noch so beiläufige Geste der Abwertung oder Beleidigung. Eine wegwerfende Handbewegung, ein abschätziger Blick - schon fliegen die Fäuste.
Voll rein ins Fettnäpfchen
Der Reihe nach sollen sie nun den Raum durchschreiten. „Stellt euch vor, das wäre die Fußgängerzone“, sagt Stefan Werner. „Und ich bin ein Schläger, der euch entgegenkommt.“ Die meisten der Jungen schaffen die Prüfung. Geschickt umkurven sie den Trainer oder blicken abgelenkt auf ihr Handy.
Nur Yilmaz läuft Werner direkt vor die Brust. „Was soll er auch machen, wenn sich unbedingt jemand mit ihm schlagen will?“, verteidigt ihn einer der anderen. Ein Satz, den Stefan Werner schon hundertmal gehört hat. „Ihr seid die Marionetten. Die anderen stellen euch ein Fettnäpfchen hin, und ihr tretet voll rein. Ihr müsst das kapieren, sonst bekommt ihr immer wieder Probleme.“
„Meine Vergangenheit ist asozial.“
Die Opfersitzung. Yilmaz steigt als Erster in den gepolsterten Kampfanzug, in dem die sieben Straftäter in die Rolle des Opfers schlüpfen. Marco und ein Kampfsportler sollen dem Jungen einheizen. Eine Viertelstunde lang treten, boxen und schubsen sie ihn quer durch den Raum. Yilmaz ist ein harter Brocken, scheinbar emotionslos steckt er die Angriffe weg. „Sag was, hauen kannst du doch auch“, brüllt Marco und stößt ihn zu Boden.
Hilflos wie ein Käfer liegt Yilmaz auf dem Rücken. „Na, wie fühlst du dich jetzt?“ Yilmaz will nur noch raus aus dem Schutzanzug. „Scheißgefühl!“ Später soll Yilmaz den Therapeuten seine schlimmste Tat aus Sicht des Opfers schildern. Auf einmal steckt er selbst in der Rolle des Jungen, dem er den Kiefer brach. Verschwitzt sitzt der Achtzehnjährige auf dem Stuhl, die glasigen Augen starren ins Nirgendwo. „Meine Vergangenheit ist asozial.“
Eine sinnlose Revanche am Leben
Als Nächstes schlüpft Daniel in den Schutzpanzer, ein schmales, blasses Kerlchen mit vernebeltem Blick. Seit dem 13. Lebensjahr dröhnt er sich zu. Der stumme Kampf ist eine Erniedrigung: Die Schläger packen ihn an den Beinen, schleifen ihn über den Boden, helfen ihm hoch, um ihn im nächsten Moment fallen zu lassen. Als Daniel den Helm abnimmt, laufen ihm Tränen übers Gesicht. „Die haben mich klein gemacht, ich konnte nichts machen.“ - „Wurdest du früher auch gedemütigt?“, fragt ihn Werner. Daniel muss schlucken. Dann erzählt er, wie sie ihn in der Schule „Feigling“ riefen und seine Stiefeltern ihn prügelten.
Seine Tat erscheint wie eine sinnlose Revanche am Leben: Zusammen mit einem Freund stieß er einen Dreizehnjährigen vom Rad und schlug ihn mit einer Kette. „Wir wollten einen Schwächeren klein machen und uns gut dabei fühlen“, gibt Daniel zu. „Eben habe ich das erste Mal gemerkt, was ich eigentlich getan hab.“
Gelungene Resozialisierung
Rene Meyer (matrix1329)
- 16.10.2007, 11:41 Uhr