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Jugendkriminalität : Junge Türken neigen am meisten zur Gewalt

  • -Aktualisiert am

Video aus einer Überwachungskamera der Münchner U-Bahn Bild: ddp

In Großstädten hat fast jeder zweite jugendliche Gewalttäter einen Migrationshintergrund. Der Kriminologe Christian Pfeiffer erklärt, warum das so ist, und untermauert seine Einschätzung mit Zahlen, Daten und Fakten, die er in vielen Einzelinterviews erhoben hat.

          „Jugendkriminalität ist kein Ausländerthema, sondern ein Unterschichtenthema.“ Das sagt Christian Pfeiffer, SPD-Mitglied, zwischen 2000 bis 2003 Justizminister in Niedersachsen und heute Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Ausländische Jugendliche seien zwar gegenüber deutschen doppelt so hoch „belastet“ mit Gewalt. Aber die Kriminalität hafte den Türken nicht an wie eine Klette. Vielmehr sei ihr Verhalten zu verändern.

          Wenn ein türkischer Jugendlicher zur Realschule gehe und ohne einen prügelnden Vater aufwachse, sei sein Gewaltpotential nicht größer als das eines deutschen Jugendlichen unter vergleichbaren Verhältnissen. Die Intelligenz junger Deutscher, Türken oder Russen sei gleich. Mit einer besseren Bildung der Jugendlichen mit ausländischen Eltern gehe die Zahl der Gewalt- und Intensivtäter unter diesen jungen Leuten zurück, sagte Pfeiffer und verwies auf die Ergebnisse seiner Schülerbefragungen.

          Regelmäßig befragt Pfeiffer Tausende Schüler

          Regelmäßig befragt Pfeiffer Tausende Schüler in der neunten Jahrgangsstufe in ganz Deutschland nach ihren Erfahrungen als Gewalttäter und als Opfer – 2005 zum Beispiel mehr als 23.000 Jungen und Mädchen in elf Städten und Landkreisen sowie im Land Thüringen. Als Deutsche stuft er Kinder ein, die mindestens ein deutsches Elternteil haben. Als Migranten stuft Pfeiffer Kinder mit einem ausländischen Pass sowie Kinder ein, deren Eltern zugewandert sind. Als Intensivtäter gilt eine Person, die im Jahr vor der Befragung mindestens fünf Gewalttaten begangen hat.

          Bild: F.A.Z.

          In Hannover, wo im Vergleich der Jahre 1998 und 2006 der Anteil der Türken, die zur Hauptschule gingen, von 47,1 auf 32,5 Prozent sank und der Anteil der Gymnasiasten unter den Türken der neunten Jahrgangsstufe von 8,7 auf 15,3 Prozent stieg, sank der Anteil der Gewalttäter unter den türkischen Jugendlichen von 31,6 auf 22 Prozent und jener der Intensivtäter von 15,3 auf 7,2 Prozent.

          Gegenbeispiel München

          Als Gegenbeispiel führt Pfeiffer München an, wo im selben Zeitraum zwar auch der Anteil der Hauptschüler unter den Türken von 67,6 auf 61,4 Prozent fiel, aber ebenso der Anteil der Gymnasiasten von 18,1 auf 12,6 Prozent. Dort sei der Anteil der Gewalttäter unter den Türken von 27,3 auf 30,9 Prozent gestiegen und der Anteil der Intensivtäter sogar von 6,0 auf 12,4 Prozent.

          Die These des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), dass jede zweite Gewalttat von einem Migranten im Alter von unter 21 Jahren verübt werde, sei falsch. „Hier übertreibt er gewaltig“, sagt Pfeiffer. Der Anteil der Ausländer an den tatverdächtigen Jugendlichen (14 bis 18 Jahre) und unter den Heranwachsenden (bis 21 Jahre) betrage etwa 20 Prozent. Rechnet man die Personen mit fremdem ethnischem Hintergrund hinzu, werden 43 Prozent der Gewalttaten in Großstädten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund begangen. Auf dem Land und in Kleinstädten seien es 17 Prozent. Im deutschen Durchschnitt dürften die Migranten an allen Gewalttaten Jugendlicher einen Anteil von etwa 27 Prozent haben.

          Insgesamt geht die Jugendkriminalität zurück

          Die Kriminalität unter Jugendlichen und Heranwachsenden geht seit 1998 zurück. Erfasste die Polizei 1998 noch 8,2 Prozent der Jugendlichen und 8,9 Prozent der Heranwachsenden als verdächtig, eine Straftat begangen zu haben, sank der Wert bis 2006 auf 7,4 Prozent unter den Jugendlichen und auf 8,4 Prozent unter den Heranwachsenden. Während die Häufigkeit von Mord, Totschlag und Raubdelikten in dieser Zeit ebenfalls zurückging, nahm die Häufigkeit schwerer Körperverletzungen unter Jugendlichen und Heranwachsenden zu. Gefährliche und schwere Körperverletzung wird nach der Definition im Gegensatz zur einfachen Körperverletzung von mehreren Tätern begangen oder mit Gegenständen ausgeführt, sei es durch Messerstiche oder Stiefeltritte. Unter Jugendlichen stieg von 1998 bis 2006 die entsprechende Tatverdächtigenziffer je 100 000 Personen von 669,46 auf 931,66, unter den Heranwachsenden von 707,61 auf 1008,4.

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