Pablos Kapuzenpullover lässt ihn breiter aussehen. Eine Basecap verschattet sein Gesicht. Auch sein Kollege verbirgt seinen Babyspeck unter einer Schirmmütze. Schlägertypen. Sie steuern eine Bank an, über die grünes Laub gewebt ist, ein Platz für Verliebte. Pablo (Name geändert) wischt die Bretter sauber, bevor er sich setzt. Dann beobachtet er ein paar Mädchen. Sie beachten ihn nicht. Pablo zieht eine Schachtel aus seinen Shorts, zündet beiläufig die Zigarette an, saugt den Rauch in seine Kinderlunge, spielt mit Glut und Asche.
Vor sechzehn Jahren ist er nach Deutschland gekommen, aus einem Armenviertel bei São Paulo, adoptiert mit anderthalb. Er behauptet, dass er keine Chance hatte. Sprüche wegen seiner dunklen Haut, verächtliche Blicke. Du gehörst hier nicht her. Die Lehrer, die Streber, die ihn anmachten wegen seiner Aussprache.
Gejammer im Macho-Ton
Weil er sich manchmal nicht richtig ausdrücken könne, habe er auch jetzt seinen Kollegen mitgebracht. Der könne dann helfen. Eine Ausrede. Man kann genau verstehen, was Pablo sagt. Es ist das große Lamento des Schlägers. Schuld sind immer die anderen. Gejammer im Macho-Ton.
Die Eltern hatten sich getrennt. Umzüge mit der Mutter in Gegenden voller Asozialer und Rapper - über die er aber nicht schlecht reden will, weil er ja selbst so gewesen sei. Er habe sich die Arme aufgeritzt, mit neun Jahren versucht, sich aufzuhängen, sei dann von Psychiater zu Psychiater geschickt worden. Dann sei die Gewalt gekommen. Schon in der vierten Klasse habe er andere Kinder getreten. "So kleine Pisser", sagt Pablo. Er sei schließlich auf eine integrierte Gesamtschule gegangen, die habe schon so einen Ruf gehabt. Viele Ausländer, viele Assis. "Da kann es schon nicht gut laufen." Falsche Freunde, Drogen, Alkohol und Rapmusik.
„Alles Bitches“
Stoff für eine "mitfühlende Tätergeschichte", wie sie schon so oft geschrieben wurde, mundgerecht serviert. Na und? "Eine kaputte Kindheit ist kein Freifahrtschein für Mord und Totschlag." Schrieb die Journalistin Susanne Leinemann, nachdem drei Jugendliche sie fast totgeprügelt hatten, einfach so.
Pablos Kollege schaut auf die Mädchen. "Mit der Blonden würde ich gerne mal", sagt er zu Pablo. "Na ja, mit der Dunkelhaarigen würde ich auch gerne." Pablo lacht. "Alles Bitches", sagt er.
Texte voller Gewalt und Porno
Pablo ist mit Rapmusik aufgewachsen. Mit den Texten und Geschichten von Eminem, von 50 Cent. Hauptsächlich aber von der Plattenfirma "Aggro Berlin": Sido, Fler, B-Tight, Bushido und andere, die Texte voller Gewalt und Porno absonderten und so taten, als lebten sie in einem amerikanischen "Getto" aus einem B-Movie. Mit den Folgen wollen sie nichts zu tun haben. Das berüchtigtste Lied von Aggro Berlin ist wohl Sidos "Arschficksong": "Es fing an mit dreizehn und einer Tube Gleitcreme . . . Katrin hat geschrien vor Schmerz, mir hat's gefallen . . . Ihr Arsch hat geblutet und ich bin gekomm' / Seit diesem Tag sing ich den Arschficksong." Einen Videoclip mit diesem Lied versah die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft mit dem Siegel "FSK 16". In einem anderen Lied von Sido heißt es: "Jetzt solltet ihr lieber ein bisschen auf mich aufpassen, / Ich würd' jetzt gerne meine Aggressionen rauslassen! . . . Ich such mit meiner Faust seine Nase, / Ich seh Blut, ihn halbtot und komm noch mehr in Ekstase! . . . Ja, mein Freund! So muss ein Wochenende laufen!"
Abgesehen von ein paar "Ausrutschern" ist Sido mittlerweile weg vom Porno-Getto-Rüpel-Image, mit dem er berühmt geworden ist. Er bekam goldene Schallplatten, belegte Platz eins der deutschen Charts. Er trat bei Stefan Raab auf, moderierte die Verleihung eines Musikpreises, war Jurymitglied in einer Castingshow und sprach vor der Bundestagswahl 2009 mit Politikern wie Frank-Walter Steinmeier: "Sido geht wählen." Doch bleiben die alten Lieder. Jeder kann sie im Internet anhören. Sido sagte 2007 in einem Interview: "Dass Minderjährige sich meine Musik anhören, ist nicht meine Schuld. Die Eltern sollten darauf achten, was ihre Kinder hören, und insbesondere, was sie so tagsüber und nachts treiben . . . Und dass Kids wegen meiner Musik losgehen und Mädchen vergewaltigen, ist völliger Bullshit."
„Übelst abgefeiert“
Millionen hören sich seine Lieder und die der anderen Rapper an, und sicher sind die meisten keine gewalttätigen Jugendlichen, finden die Musik einfach "gut", "lustig" oder wollen schlicht und einfach provozieren. Aber Jungs wie Pablo bekommen mit diesen Texten eine Rechtfertigung für Gejammer und Gewalt. Die Jugendrichterin Kirsten Heisig schrieb in ihrem Buch "Das Ende der Gewalt" über Rap-Videos: "Die Botschaft ist eigentlich immer ähnlich. Muskelbepackte Männer mit protzigen Ketten um den Hals behaupten in bedrohlichen Posen, das harte Leben im Getto verinnerlicht zu haben . . . Wer stundenlang gewalttätige Rap-Videos sieht, sich Killerspielen aussetzt, um dann bekokst mit seiner Gruppe loszuziehen, wird jedenfalls schwerlich einen friedlichen Abend verbringen."
Pablo sagt, er habe "übelst abgefeiert", wenn er die Texte hörte, da habe jemand ausgesprochen, "was gesagt werden musste; die waren nicht wie so eine komische Frau Merkel, die sich an ein Pult stellt und versucht, einem irgendetwas zu erzählen. Da scheiß ich drauf." Er habe so leben wollen wie die Rapper in den Liedern. "Die Texte kann man halt auch echt falsch verstehen, das ist mir aber auch erst später bewusst geworden."
Die Straße aufräumen
Pablo und seine Kumpel nannten sich "Gang", gaben ihr den Namen "GMS", "GangsterMafiaStyle". Sie seien wie die Mafia oder das Militär gewesen, hätten die Straße aufgeräumt. Pablo benutzt die Worte Ehre, Stolz und Loyalität, vergleicht sich und seine Freunde mit den Achtundsechzigern. Rebellen. Was Pablo unter all dem versteht: kiffen, Bier trinken, abhängen, sich prügeln. Hier jemandem Angst machen, so "Opferkindern, die wie kleine Hunde den Schwanz einziehen", und da einen berauben. "Weil er halt einfach dumm guckt." Oder weil sie Geld brauchten.
"Hey, du Hurensohn, und dann ,Bam!'", sagt Pablos Kollege. Er betrachtet einen rothaarigen Mann, der hinter einem Gebüsch auf einer Bank sitzt und ihnen den Rücken zuwendet: "So geht das dann: Tritt in den Rücken, der Kopf liegt auf dem Boden, ich habe sein Handy und bin weg. Wer soll mir das verbieten? Der blöde Staat?"
Zwei Welten
Pablo sagt, es gebe zwei Welten. Seine, in der es kein Geld gibt. Voller Gewalt. In der die Älteren die Jüngeren verprügeln, die Eltern trinken, die Familien zerbrechen. Mädchen vergewaltigt werden und Jungs irgendwelche Menschen zusammenschlagen, wenn die am Boden liegen. Und dann sei da die andere Welt mit den kleinen Häuschen, den Jobs, den heilen Familien, dem Geld. "So rosaroter Ponyhof und so eine Kacke."
So sieht Pablo das. Meist bleibt die Gewalt im Milieu der Täter. Und es gibt diese Jungs, die losziehen, um wildfremde Menschen zusammenzuschlagen, ihre Köpfe zu treten, wenn sie am Boden liegen. Menschen aus der rosaroten Ponywelt. In S-Bahnen, U-Bahnen, an Bahnhöfen, irgendwo.
Ein Blick als Grund, sich zu schlägern
Pablo sagt, er habe schon oft mit seinem Kollegen über die U-Bahn-Schläger gesprochen. Sie seien nicht ganz einer Meinung. Er könne es verstehen, wenn Jungs jemanden abziehen - wie Markus S. und sein Kumpel, bevor sie Dominik Brunner totprügelten. Markus S. hatte sich "Hip Hop" auf den Arm tätowieren lassen und posierte im Internet wie Klein Eminem. Er rappte: "Als wir dann zur Esso gingen, einen Tag vor Weihnachten, voll besoffen, und die S. sagte, wir sollen es sein lassen, und wir trotzdem die Tanke und die Kerle kleinhackten . . . Weißt du noch, die ganze Fighterei bei der S-Bahn am Marienplatz, als so ein Kerl mit seinem Freund den anderen angepisst hat."
Jemanden zusammenschlagen sei auch noch nachzuvollziehen, meint Pablo. "Wenn es denn einen Grund gibt." Zum Beispiel, dass der andere ihn dumm angeguckt hat. Oder dumm angemacht hat. So habe er einmal auf einem Bahnhof geraucht, und eine Frau habe sich darüber aufgeregt. Da könne er verstehen, wenn Jungs durchdrehten - wie damals in München, wo sie den Rentner zusammentraten.
„Da trete ich drauf“
Wenn ein Gegner am Boden liege, sei es aber auch gut, behauptet Pablo. Auch wenn er manchmal schon gerne zutreten würde. Sein Kollege sagt: "Ich bin jetzt nicht so der Schlägertyp, aber man muss auf jeden Fall den Gegner niedermetzeln. Da trete ich auch drauf." Das sei pure Aggression. Wenn dann noch Alkohol mit im Spiel sei, dann fühle man sich wie "Hulk".
"Tottreten" heißt eine kriminalwissenschaftliche Untersuchung des Juristen Daniel Heinke. Ausgangspunkt der Untersuchung war eine Tat dreier Heranwachsender. Sie fühlten sich von einem Mann komisch angeguckt, schlugen ihn dann zu Boden und traten auf ihn ein. "Die späteren Ermittlungen erbrachten kein anderes Motiv für die Tat als die schiere Lust, einen anderen Menschen zu misshandeln."
Wer gegen den Kopf tritt, will töten
Heinke legt dar, dass bei Tritten gegen den Kopf, den Hals oder den Rumpf einer am Boden liegenden Person stets mit lebensgefährlichen Verletzungen zu rechnen sei, und eine von ihm durchgeführte empirische Untersuchung zeigt, dass dies auch allgemein bekannt ist, "auch in der Gruppe der Hauptschulabsolventen noch weit über 80 Prozent". Die Täter wissen, was sie tun. Wer gegen den Kopf tritt, will töten.
Pablos Kollege zeigt auf einen alten Mann, der am Ufer entlangläuft. "Zum Beispiel, ich gehe jetzt zu dem hin und ,Bam!'. Der ging mir halt auf die Eier. Also der jetzt nicht, ist ja ein alter Mann. Generell so. Pablo versteht das dann." Pablo nickt. Er erzählt, dass er mit 14, 15 Jahren das "Highendlevel" erreicht habe. Einen Kiosk überfallen, mit Teleskopschlagstock auf andere losgegangen und "Schlimmeres".
Keine Arbeit, keine Zukunft.
2010 erstach ein 16 Jahre alter Jugendlicher an einer Hamburger S-Bahn-Station einen anderen Jugendlichen. Er war in einem Rap-Video zu sehen: "Nachts auf der Straße kriegst du ein Messer in den Bauch . . . Wenn du mich anmachst, liegst du sofort flach."
Trifft man sich mit solchen Jungs, die in den Videos mit ihrer Gang und Baseballschlägern zu sehen sind, bekommt man wieder diese Geschichten zu hören: Es sei doch klar, dass man in einem solchen Viertel so werde. Keine Arbeit. Keine Zukunft. Und: Sie wollten doch nur provozieren.
Mit dem Messer auf die Mutter losgegangen
Pablo sagt, er habe sich nach den Schlägereien und den Messerstechereien immer schlecht gefühlt. Auch, nachdem er mit einem Messer auf seine Mutter losgegangen ist und sie nur noch geweint hat. Das sei einer der schlimmsten Tage in seinem Leben gewesen.
Pablo musste einen Anti-Gewalt-Kurs belegen. Sein Anti-Gewalt-Trainer hat in jedem Kurs zwei, drei Jungs wie ihn - die in einer Rap-Welt leben. Sechzig Prozent der Jungs in seinen Kursen haben ausländische Wurzeln, fast alle kommen aus sozial schwachen Schichten, und die Gewalt gehört zu ihrem Alltag.
Berufswunsch: Was mit Jugendlichen oder Rapper
Pablo sagt, er habe sich verändert, sei jetzt ja auch fast erwachsen. Er wolle mit Jugendlichen arbeiten. "Aber nicht so ein Sesselfurzer, so ein Ficker, sondern einer, der von der Straße kommt und Leuten von der Straße hilft." Lieber aber wolle er Rapper werden und mit seiner Musik viel Geld verdienen - und dann seine Familie unterstützen und seinen Kindern eine gute Schulausbildung ermöglichen.
Eine blonde Joggerin läuft in Radlerhosen an den Jungs vorbei. "Voll die Maschine, Alter", sagt Pablos Kollege. "Na ja, Mann", antwortet Pablo. "Hat auf alle Fälle einen geilen Arsch." - "Ja, da kannst du was reinschieben." Als die beiden davongehen, sagt Pablo: "Statement, jetzt brauch' ich erst mal einen Joint."
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), die Integrationsbeauftragte Maria Böhm und
Hessens Innenminister Boris Rhein (beide CDU) werden am Montag vor der Innenministerkonferenz Einrichtungen zur Gewaltprävention für
Jugendliche mit schwierigem familiärem Hintergrund besuchen, darunter das Haus des Jugendrechts.
Wa(h)re Gewalt
Christoph Naumann (Anti-Journalismus)
- 19.06.2011, 16:38 Uhr
und jetzt?
Armin Geißler (navras)
- 19.06.2011, 16:51 Uhr
Normalität
Karl Meier (KarlMeier)
- 19.06.2011, 16:56 Uhr
Was sagen eigentlich solche Gutmenschen...
Matthias Dorn (PaoloPinkas)
- 19.06.2011, 17:09 Uhr
Pablo hats erfasst: "Schuld sind immer die anderen. "
Lothar Wölfel (LWoelfel)
- 19.06.2011, 17:14 Uhr