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James „Whitey“ Bulger Kein Tod im Kugelhagel

Er war einer der meistgesuchten Verbrecher der Vereinigten Staaten. Nun steht James „Whitey“ Bulger vor Gericht - unter anderem wegen 19 Morden, Erpressung und Geldwäsche. Dem Gangsterboss droht ein Lebensabend hinter Gittern.

© dpa James „Whitey“ Bulger kurz nach seiner Festnahme im Juni 2011

Die Blasiertheit scheint James „Whitey“ Bulger in Kalifornien zurückgelassen zu haben, wo er sich als einer der meistgesuchten Verbrecher Amerikas mehr als 16 Jahre lang versteckte. Während der irisch-amerikanische Gangster die einzelnen Anklagepunkte, darunter 19 Morde, Erpressung und Geldwäsche, nach der überraschenden Festnahme Ende Juni 2011 noch mit einem höflichen Lächeln kommentierte, schwankt seine Stimmung in einem Bostoner Gerichtssaal nun zwischen Wut und Ermüdung. Auch weil Kevin Weeks, einst die rechte Hand des gefürchteten Chefs der Winter Hill Gang, den Dreiundachtzigjährigen als Informanten der Bundespolizei (FBI) beschimpfte. Danach musste Richterin Denise Casper den Angeklagten wegen Beleidigungen zur Ordnung rufen.

James Whitey Bulger © dpa Vergrößern Bulger auf einem Polizeifoto aus dem Jahr 1953

Als Bulgers Verteidiger J. W. Carney am Donnerstag um eine Verschiebung weiterer Zeugenaussagen bat, um seinem Mandanten vorerst die Fotos seiner mutmaßlichen Opfer zu ersparen, kauerte die einstige Legende des organisierten Verbrechens dagegen erschöpft neben ihm. „Er hatte 16 Jahre, um sich zu entspannen. Er wird es also aushalten“, sagte Steve Davis, der Bruder der getöteten Debra Davis, später vor dem Bundesgericht in Boston. Debra Davis, eine Freundin von Bulgers Partner Stephen „The Rifleman“ Flemmi, war Anfang der achtziger Jahre verschwunden. Nach Weeks’ Hinweis hatten die Ermittler den Schädel der Sechsundzwanzigjährigen im Herbst 2000 am Fluss Neponset gefunden, als sie mit Bagger und Spaten nach Bulgers Opfern suchten. Neben Davis’ sterblichen Überresten entdeckten sie in Quincy südlich von Boston auch die Unterschenkelknochen des Gangsters Paul McGonagle, die noch in Socken steckten. Bulger soll „Paulie“ vor 40 Jahren ermordet haben, da er die Konkurrenz der von ihm geführten irischstämmigen Mullen Gang fürchtete.

Whitey Bulger, Kevin Weeks © AP Vergrößern Bulger (links) und Kevin Weeks, der früher die rechte Hand des Gangsterbosses war

Auf den Prozess gegen Bulger, der vor fünf Wochen begann, mussten die Vereinigten Staaten fast 20 Jahre warten. Der für seine Brutalität bekannte Bandenchef, der in South Boston Widersacher verschwinden ließ, mit Rauschgift handelte und Pferdewetten manipulierte, war im Dezember 1994 plötzlich untergetaucht. Angeblich hatte ein FBI-Beamter den Gangster gewarnt, bevor die Polizei ihn verhaften konnte. Wie der ehemaligen FBI-Abteilungsleiter John Morris später gestand, hatte er sich dafür bestechen lassen. Da die Bundespolizei in den Siebzigern versuchte, Auftragsmorde und illegale Geldgeschäfte des italienisch-amerikanischen Patriarca-Clans in Boston zu verhindern, kam Morris die Verbindung zu den irischen Rivalen der Mafia gelegen.

Obwohl Bulgers Name nach Usama Bin Ladens Tod ganz oben auf die FBI-Liste der gesuchten Kriminellen rückte, wurde er vor zwei Jahren nur zufällig enttarnt. Nachdem der einstige Pate mehr als 16 Jahre fast 5000 Kilometer von Boston entfernt im kalifornischen Santa Monica gelebt hatte, erkannte ihn damals die Friseurin seiner Lebensgefährtin Catherine Greig. Nach den Schlussplädoyers, die für Ende September erwartet werden, droht „Whitey“ ein unspektakulärer Lebensabend hinter Gittern. Die Phantasie von einem Tod im Kugelhagel, den der Regisseur Martin Scorsese in dem von Bulgers Eskapaden inspirierten Mafia-Thriller „The Departed - Unter Feinden“ filmte, nach Kevin Weeks verfassten Roman „Brutal“, wird sich für den Gangster wohl nicht erfüllen.

Quelle: F.A.Z.

 
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